Die Geschichte der Heiligen Lanze als Teil der Reichskleinodien

Seit 926 war die Heilige Lanze Teil der Reichskleinodien. Legenden machten sie zur Reliquie, zum Garanten der Unbesiegbarkeit und zum Herrschaftssymbol.

Die Heilige Lanze, auch Mauritiuslanze oder Longinuslanze genannt, ist Teil der Reichskleinodien der römisch-deutschen Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.

Diese Lanze ist auch eine Reliquie. Angeblich steckt in ihr ein Teil eines Nagels vom Kreuz Christi. Legenden ordnen die Lanze entweder Mauritius, dem Anführer der Thebaischen Legion, oder dem römischen Hauptmann Longinus, der mit ihr den Tod Jesu überprüfte, zu. Für Anhänger der These Longinus ist die Lanze auch mit Heiligem Blut Jesu getränkt.

Im Hochmittelalter war die Heilige Lanze das wichtigste Stück der Insignien der ostfränkischen Könige. Später trat an die Stelle Heiligen Lanze die Reichskrone. Seit 1914 ist durch metallurgische Untersuchungen klar, dass die Heilige Lanze erst im 8. Jahrhundert nach Christus geschaffen wurde.

Die frühe Geschichte der Heiligen Lanze

König Heinrich I. erwarb die Heilige Lanze 926 auf dem Hoftag zu Worms vom burgundischen König Rudolf II. Der hatte sie 922 vom Grafen Samson erhalten.

Schnell entstanden Legenden. So sollte Heinrich I. seinen Sieg über die Ungarn in der Schlacht bei Riade 933 dem Einsatz der Heiligen Lanze verdanken. Auch 939 in der Schlacht bei Birten 939 und bei der Schlacht auf dem Lechfeld 955 soll Otto I. dank der Heiligen Lanze siegreich gewesen sein. Es entstand schließlich der Mythos von der Unbesiegbarkeit des Herrschers, der die Heilige Lanze bei Feldzügen mitführe. Otto III. ließ auf seinem Zug nach Rom 996 die Heilige Lanze seinem Heer voraus tragen.

Für Kaiser Otto III. war die Heilige Lanze ein ganz besonderes Symbol. Auf seiner Pilgerreise nach Gnesen schenkte er dem polnischen Herzog Boleslaw I. 1000 eine Kopie der Lanze. Otto III. führte die Heilige Lanze stets mit sich. So auch bei seinem Tod 1002 in Italien.

Eine besondere Rolle spielte die Heilige Lanze im Kampf um die Nachfolge Ottos. Der spätere König Heinrich II. brachte 1002 die Reichskleinodien in seine Gewalt. Doch der Erzbischof Heribert von Köln hatte die Lanze bereits nach Aachen voraus geschickt. Heinrich fehlte das wichtigste Symbol des Königtums.

Eine erste Beschreibung der Lanze lieferte um 961 Liutprand von Cremona. Ottonische Geschichtsschreiber nannten die Lanze „lancea sacra“. In der Folgezeit entstand dann der Mythos, sie sei vom Heiligen Mauritius getragen worden. In einem um 1000 geschriebenen Brief des Brun von Querfurt deutete sich dieser Mythos an. Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts wird die Lanze „lancea sancti Mauritij“ genannt. Unter Heinrich III. war diese Deutung der Lanze vorherrschend. Er ließ die Lanze mit einer Silbermanschette, die eine Mauritiusinschrift trägt, versehen.

Weitere Geschichte der Heiligen Lanze

Im frühen 13. Jahrhundert schuf ein päpstliches Schreiben die Legende, das die Heiligen Lanze die gleiche Lanze sei, die der römische Legionär Longinus zur Überprüfung des Todes Jesu am Kreuz nutzte. Zuvor genügten die Splitter der Nägel, die angeblich vom Kreuz Christi stammten, um aus der Lanze eine bedeutende Reliquie zu machen.

Kaiser Karl IV. aus dem Geschlecht der Luxemburger nutzte dann die Heilige Lanze wieder als Symbol seiner Macht. Denn die Kaiserkrone hatten seine Widersacher aus dem Hause Wittelsbach in Händen. So ließ Karl die Heilige Lanze aus dem Kloster Stams in Tirol auf seine Residenz nach Prag bringen. Karl IV. ließ auch die Bedeutung der Heiligen Lanze als doppelte Reliquie vom Papst bestätigen. Zu ihren Ehren legte er einen Feiertag fest. Um 1354 ließ Karl IV. eine weitere goldene Manschette anbringen, die sie als „Lanze und Nagel des Herrn“ bezeichnet.

Im Verlauf der Hussitenkriege in Böhmen ließ Kaiser Sigismund die Reichsinsignien und damit auch die Heilige Lanze 1424 nach Nürnberg zur ewigen Aufbewahrung bringen.

Während der napoleonischen Kriege befürchtete Kaiser Franz II. dass Napoléon in den Besitz der Reichsinsignien kommen könnte und dann einen Anspruch auf den römisch-deutschen Kaisertitel erheben würde. Deshalb ließ er die Reichsinsignien mit der Heiligen Lanze 1796 nach Regensburg und 1800 in die Schatzkammer der Hofburg in Wien bringen.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurden die Reichskleinodien 1938 von Wien wieder nach Nürnberg gebracht. 1946 gaben die Vereinigten Staaten sie zurück. Dort wird sie in der Schatzkammer der Wiener Hofburg präsentiert.

Literatur zur Heiligen Lanze

  • Franz Kirchweger (Hrsg.): Die Heilige Lanze in Wien. Mit Beiträgen von Gunther G. Wolf, Christian Gastgeber, Franz Kirchweger, Volker Schier, Corine Schleif, Erik Szameit, Mathias Mehofer, Verena Leusch, Birgit Bühler, Manfred Schreiner, Vladan Desnica, Dubravka und Jembrih Simbürger. in: Schriften des Kunsthistorischen Museums, hg. von Wilfried Seipl, Band 9. Mailand/Wien 2005
  • Michael Hesemann: Die stummen Zeugen von Golgatha. Die faszinierende Geschichte der Passionsreliquien Christi. Hugendubel München 2000, ISBN 3-7205-2139-7