
- Ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte - Patrick Gruban
Nicht nur schmackhaft ist die beliebteste und bekannteste Torte Deutschschlands, sondern auch etwas mysteriös, denn um ihre Entstehung ranken sich einige Geschichten.
Was macht eine Schwarzwälder Kirschtorte aus?
Jedes Kind weiß, dass eine Schwarzwälder Kirschtorte aus Sahne, Biskuitböden, Schokoraspeln und Kirschen besteht, alles großzügig mit Kirschwasser getränkt. Ein Kinderspiel ist aber weder die Herstellung noch die Zusammenstellung der Königin der Torten. Denn wie auch die Zutaten für Brot und Bier sind die der Schwarzwälder Kirschtorte in Deutschland genau festgelegt, nämlich in den Leitsätzen für Feine Backwaren.
Dort heißt es: “Schwarzwälder Kirschtorten sind Kirschwasser-Sahnetorten oder Kirschwasser-Butterkremtorten, auch deren Kombination. Als Füllung dienen Butterkrem und/oder Sahne, … sowie Kirschen… . Der zugesetzte Anteil an Kirschwasser ist geschmacklich deutlich wahrnehmbar. Für die Krume werden dunkle und/oder helle Wiener- oder Biskuitböden verwendet. … Die Torte wird mit Butterkrem oder Sahne eingestrichen, mit Schokoladenspänen garniert.”
Potentielle Vorläufer der Schwarzwälder Kirschtorte
Zwei Vorläufer beziehungsweise ihre Kombination könnten zur Entdeckung der Schwarzwälder Kirschtorte geführt haben. Im Südschwarzwald war bereits im 19. Jahrhundert ein Kirschdessert beliebt, für das Kirschen eingekocht und mit Sahne serviert wurden, oft mit Kirschwasser versetzt.
Die in der Schweiz beliebte Schwarzwaldtorte ist ein weiterer potentieller Vorläufer. Für sie wird ein Biskuitboden mit Kirschen belegt und oft zusätzlich mit Sahne garniert. Das besonders im Schwarzwald beliebte und leicht erhältliche Kirschwasser wird in dieser Variante jedoch nicht beigefügt. Serviert man jedoch das beliebte Dessert des 19. Jahrhunderts auf einem Biskuitboden, hat man schon fast eine Schwarzwälder Kirschtorte und kommt der tatsächlichen Entwicklung sehr nah.
Erfinder der Schwarzwälder Kirschtorte: Josef Keller oder Erwin Hildenbrand?
Die Kombination der beiden Vorläufer bestätigte der Konditormeister Josef Keller aus Radolfzell, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg Torten mit Kirschdessert und Kirschwasser im Bad Godesberger Café Agner gesehen haben will, wo er 1915 arbeitete. Keller behauptete, dies zur Schwarzwälder Kirschtorte ausgebaut und diese 1927/28 am Bodensee gebacken zu haben und damit der Erfinder der Torte zu sein.
Dies widerlegte vor kurzem ein Tübinger Archivar, der herausfand, dass Josef Keller 1915 nicht in Bad Godesberg, sondern beim Militär war. Laut Konditormeister Hermann Rammensee aus Rottenburg am Neckar verbreitete sich die Schwarzwälder Kirschtorte in Deutschland, nachdem sie 1930 im Konditorei-Café Rudolf Walz in Tübingen von Rammensees Kollegen, Konditormeister Erwin Hildenbrand, vorgestellt wurde. Dessen Neffe Kurt hat zwischenzeitlich in alten Erinnerungen seines Onkels ein vergilbtes Foto von ihm aus dem Jahr 1936 gefunden, das ihn bei der Herstellung einer Schwarzwälder Kirschtorte zeigt. Dieses und biografische Übereinstimmungen scheinen für die Tübinger These zu sprechen.
Woher kommt der Name Schwarzwälder Kirschtorte?
Zum Schluss eine Frage, die viele beschäftigt: Woher bekam die Schwarzwälder Kirschtorte ihren Namen? Zum einen natürlich durch ihre Verbindung mit dem Schwarzwald; entweder durch ihre Verbreitung dort oder durch das Kirschwasser, das eine Spezialität des Schwarzwalds ist.
In Anlehnung an Dornröschen – so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz – gibt es auch eine Theorie, nach der die Farben der Schwarzwälder Kirschtorte an die Schwarzwälder Frauentracht erinnert: die Bluse so weiß wie die Sahne, der Bollenhut so rot wie die Kirschen und das Kleid schwarz wie die Schokostreusel, die für eine Schwarzwälder Kirschtorte verwendet werden. Mit Sicherheit eine schöne und fantasievolle Erklärung!
Egal, welcher Geschichte man Glauben schenkt, Fakt ist, dass sich die Schwarzwälder Kirschtorte nach 1930 erst in Süddeutschland, dann im restlichen Deutschland, Österreich und der Schweiz und schließlich weltweit verbreitet hat. Heute ist die weltberühmte Torte in vielen Ländern zu finden; das Originalrezept wird jedoch oft abgewandelt.
Laut der Definition oben muss das Kirschwasser in einer “echten” Schwarzwälder Kirschtorte aber “deutlich wahrnehmbar” sein. Viele der im Ausland erhältlichen Varianten, die es oft weglassen, dürften sich daher gar nicht Schwarzwälder Kirschtorte nennen. Versionen mit anderen Früchten, Böden und Sahne, die schmackhaft sein mögen, trüben ebenfalls die Authentizität der Torte. Also aufgepasst beim nächsten Tortenkauf!
