Die Geschichte der tschechischen Sokolbewegung

Die tschechische Sokolbewegung, gegründet 1862, hatte für die Entwicklung des tschechischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert große Bedeutung.

Die tschechische Sokolbewegung ist eine Turnorganisation, welche auf eine, von zahlreichen Unterbrechungen gekennzeichnete, fast 150-jährige Geschichte zurückblicken kann. Im Februar 1862 fanden sich ein paar Dutzend Mitglieder der gehobenen Gesellschaft Prags zusammen, um den ersten rein tschechischen Turnverein der Habsburgermonarchie zu gründen. Das, in Anbetracht der mehr als überschaubareren Gründungsgemeinschaft von 75 Personen, ambitionierte Ziel war es, durch Mitgliedergewinnung und politische Agitation nichts weniger als die Autonomie der historischen Länder Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien innerhalb der Habsburgermonarchie zu verwirklichen. Das tschechischen Volk, allen voran seine Jugend, sollte durch den Sokol sowohl körperlich als auch geistig – sprich patriotisch – „in Form“ gebracht werden, um der Jahrhunderte langen Unterdrückung, sei es im Heiligen Römischen Reich oder später im Österreichischen Kaiserreich, ein Ende zu bereiten.

Der Sokol, der aufgrund seiner panslawistischen Tendenz auch in vielen anderen slawischen Ländern – etwa Slowenien, Kroatien, Polen und Bulgarien – Fuß fassen konnte, gewann in seiner Blüte während der Zwischenkriegszeit über 700 000 Mitglieder in Böhmen und Mähren.

Verbindungen zum Feindbild „Deutschtum“

Die dezidiert antideutsche Haltung war eines der zentralen Charakteristika des tschechischen Sokol, besonders seit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich 1867 und der gleichzeitigen Verweigerung einer Gleichberechtigung der Tschechen. Umso überraschender scheint daher die Tatsache, dass vor allem der frühe Sokol durchaus deutsche Elemente in sich trug. Die beiden Gründer des Sokol, Miroslav Tyrš und Jindrich Fügner, entstammten eigentlich deutschböhmischen Familien, wandten sich aber in jungen Jahren dem Tschechentum zu. Und auch das nach Tyrš wohl bedeutendste Sokolmitglied Josef Scheiner, von 1906 bis 1932 und damit längstdienender Obmann, trug keinen tschechischen, sondern einen deutschen Namen. Die Ideologie des Sokol schließlich lehnte sich eng an jene der deutschen Turnbewegung des Friedrich Ludwig Jahn an.

Der Machtfaktor „Sokol“

Den Status als Machtfaktor innerhalb der Ersten Tschechoslowakischen Republik konnte der Sokol durch seine antihabsburgerischen Agitationen bis 1914, seine maßgebliche Beteiligung in der Tschechoslowakischen Legion, jenem aus Überläufern und Flüchtlingen zusammengestellten Kampfverband, der in Frankreich, Italien und Russland in den Ersten Weltkrieg eingriff, die Explosion der Mitgliederzahlen ab 1918 und die Tatsache gewinnen, dass beinahe die gesamte tschechische politische Elite, allen voran Edvard Beneš, in der Zwischenkriegszeit Außenminister, Ministerpräsident und Staatspräsident, und Tomáš G. Masaryk, Staatspräsident von 1918 bis 1935, Mitglieder des Sokol waren.

Obwohl als Turnverein gegründet, hatte der Sokol auch stets eine militärische Seite. Diese wurde, obwohl nie im Vordergrund stehend, durch den Ersten Weltkrieg gestärkt und während der Zwischenkriegszeit beibehalten. In den 1930er Jahren erreichte der Sokol Mitgliederzahlen bis über 700 000 Menschen, alle gut organisiert, ideologisch homogen und viele davon mit Kampferfahrung.

Das zweifache Verbot des Sokol 1941 und 1948

Nach der schrittweisen Zerschlagung der Tschechoslowakei durch die erzwungene Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland 1938, der Unabhängigkeit der Slowakei und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren 1939 wurde schließlich auch der Sokol 1941, we schon während des Ersten Weltkriegs 1915, verboten. Im Untergrund blieb der Sokol freilich weiter bestehen und war Mitorganisator des freilich spärlichen Widerstands gegen die nationalsozialistische Okkupation. Nur wenige Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen in Prag führende Funktionäre des Sokol zusammen, um den Verein wieder zu gründen. Obwohl der Sokol durch den Krieg viele Mitglieder verloren hatte, erreichte er, allein die Mitgliederzahlen betrachtend, erst nun seinen absoluten Höhepunkt. Erstmals konnte die magische Millionengrenze durchbrochen werden. Mitverantwortlich dafür war allerdings auch, dass einige andere Turnvereine, welche nach dem Krieg nicht mehr neu gegründet wurden, im Sokol aufgingen.

Obwohl der traditionell liberale und bürgerliche Sokol stets Distanz zum Kommunismus gehalten hatte, versuchten die immer mächtiger werdenden Kommunisten nach 1945 stetig, den Sokol für sich zu gewinnen und zu einer kommunistischen Bewegung umzuformen. Die Mehrheit der Sokolmitglieder bekannte sich aber nach wie vor zur demokratischen Tradition ihrer Bewegung. So kam es, dass der Sokol nur drei Jahre nach seiner Gründung 1948 abermals verboten wurde und diesmal sollte das Verbot bedeutend länger anhalten als während der beiden Weltkriege. Nach der politischen Wende 1989/90 wurde der tschechische Sokol, der im Exil über all die Jahre fortbestanden war, 1990 neu gegründet. Die Zeichen der Zeit hatte sich allerdings geändert, und so beschränkt sich die Bewegung heute ausschließlich auf Turnen und Sport. Immerhin knapp 190 000 Mitglieder hat der Sokol in Tschechien heute wieder.

Thomas Handschuh, Thomas Handschuh

Thomas Handschuh - Geboren wurde ich am 6. Dezember 1985 in Wien, wo ich auch heute noch lebe. Hier, an der ältesten aller deutschsprachigen ...

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