
- Von Natur aus bei uns vorherrschend: die Buche - Volker Wollny
Seit Jahrhunderten ist die Landschaft in Deutschland außerhalb der menschlichen Siedlungen eine Mischung aus Wäldern, Feldern, Wiesen und einigen anderen Biotopen. Diese Mischung nennen die meisten Menschen „Natur“, etwa wenn sie sagen, dass sie „in Gottes freier Natur“ spazieren gehen. Wenig wissen, dass es bei uns fast keine Natur-, sondern hauptsächlich Kulturlandschaften gibt. Auch unser Wald ist eine solche Kulturlandschaft, aber das war nicht immer so.
Wald, die natürliche Vegetationsform
Es gibt bei uns keine natürliche Wiese, sondern nur natürlichen Wald. Unter den geologischen und klimatischen Bedingungen Deutschlands bildet sich Wald, genauer gesagt Buchenmischwald, fast überall von selbst und stellt die Endstufe, die ausgereifte Form der natürlichen Vegetation dar. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie etwa das Hochgebirge und das Watt.
Bevor der Mensch in Deutschland zum Ackerbau überging, war unser Land praktisch vollständig mit Wald bedeckt und zwar mit einem Urwald, in dem die Buche vorherrschte und je nach örtlichen Bedingungen mit verschiedenen anderen Laubbäumen und einigen Nadelbäumen vergesellschaftet war.
Europäischer und amerikanischer Urwald
Leider war unser Urwald relativ arm an Baumarten, wenn man ihn mit dem nordamerikanischen Wald vergleicht. Vor der letzten Eiszeit jedoch gab es viele Baumarten, die es heute noch in Nordamerika gibt, auch bei uns. Weil es in Nordamerika kein von Osten nach Westen verlaufendes Hochgebirge gibt, konnte der Wald dort vor dem Eis nach Süden ausweichen und bei der folgenden Erwärmung seine alten Standorte zurückerobern.
Bei uns bildeten die Alpen eine Barriere und so konnten mangels eines leicht erreichbaren Rückzugsraumes wesentlich weniger Baumarten überleben. Forstleute benutzen diesen Umstand gerne als Argument für die Einführung nordamerikanischer Baumarten in unsere Forstwirtschaft. Tatsächlich hat das bei einigen Arten auch geklappt, so hat sich etwa die Douglasie bei uns als Forstbaum bisher recht gut bewährt.
Zerstörung und Rückkehr des Waldes
Als der Mensch im Gebiet des heutigen Deutschlands mit dem Ackerbau begann, rodete er dafür Wald. Den an seine Siedlungen angrenzenden, verbleibenden Wald nutzte er aber auch in vielfältiger Weise: Zunächst natürlich als Holzquelle, aber auch als Weide und zum Sammeln von Einstreu für den Stall.
Dabei war der Holzeinschlag noch das am wenigsten Schlimme für den Wald: Durch das Sammeln der Einstreu wurde er stärker geschädigt, denn hier entzog der Mensch ihm die Biomasse, die normalerweise durch ihr Verrotten ständig die Humusschicht erneuert. Die Waldweide wirkte sich ebenfalls übel aus, vor allem, weil man auch Schweine in den Wald trieb, die den Boden durchwühlten und so nicht nur die Krautschicht zerstörten, sondern auch das Aufwachsen neuer Gehölze verhinderten.
Solange es noch sehr wenig Menschen gab, war das nicht weiter schlimm; aber da die Bevölkerung ständig wuchs, nahm der Raubbau am Wald überhand. Im 18. Jahrhundert war Holz zur Mangelware geworden und man musste eine Ausweg finden.
Dieser Ausweg bestand darin, den Wald einfach wieder anzupflanzen. Da man keine anderen Vorbilder hatte als Gärtner und Bauern, macht man es genauso wie sie: Man pflanzte auf einer Fläche eine einzige Baumart in Reih' und Glied, so dass auch alle Bäume miteinander hiebreif wurden, so das man sie in Form eines Kahlschlages ernten und anschließen die Fläche neu bepflanzen konnte. So entstand der Altersklassenwald der konventionellen Forstwirtschaft mit seinen Abteilungen gleichartiger und gleich alter Bäume: Hier eine Abteilung 20 Jahre alter Fichten, daneben eine mit 50jährigen Buchen, dann eine mit 50jährigen Fichten und so weiter.
Der konventionelle Waldbau
Vor allem auch, weil man sich bei der Auswahl der Bäume für den vom Menschen geschaffenen Wirtschaftswald, den Forst, stark auf die Fichte konzentrierte, warf diese konventionelle Forstwirtschaft jede Menge Problem auf. Die Fichte ist ein bei uns von Natur aus eher seltener Baum, der auch nicht auf allen Standorten vorkommt und nur im Hochgebirge vorherrscht.
Da man diesen Baum aber nun aufgrund seiner Raschwüchsigkeit und seines vielseitig brauchbaren Holzes überall anbaute und das auch noch in Monokultur, warf er viele Probleme auf: Kalamitäten mit Borkenkäfern und Rotfäule etwa sorgten für graue Haare bei den Förstern. Ein Förster im konventionellen Waldbau bekam Schreikrämpfe wenn er nur ein Stück Totholz im Wald liegen sah, da diese als Brutstätte für den Borkenkäfer diente. Das Ausräumen des Waldes entzog diesem aber wiederum Biomasse und gleichzeitig vielen Tieren den Lebensraum.
Der Dauerwald und die naturnahe Forstwirtschaft
Zunächst konnte man jedoch noch mit massivem Arbeitseinsatz gegenhalten und so wuchsen die öden Fichtenäcker, in denen mangels Humus und Licht praktisch kein Leben herrschte, bis in das späte 20. Jahrhundert. Aber bereits im späten 19. Jahrhundert entdeckten manche Waldbesitzer, dass man es sich auch wesentlich leichter machen kann: Wenn man den Wald möglichst naturnah wachsen lässt, spart man sich jede Menge Arbeitsaufwand, der in der Fichtenmonokultur für Beflanzung, Totholzbeseitigung, Düngen und dergleichen entsteht.
Ein naturnaher Wald enthält Bäume aller Altersklassen sowie Sträucher, eine Krautschicht, Pilze und natürliche jede Menge Tiere. Er wird auch nicht im Ganzen abgeholzt, sondern man entnimmt lediglich einzelne, ausgewachsene Bäume, was dem natürlichen Absterben alter Bäume im Urwald entspricht. Dadurch bleibt der Wald als Biotop dauerhaft bestehen, daher nennt man einen solchen Wald auch Dauerwald – im Gegensatz zum Altersklassenwald der konventionellen Forstwirtschaft.
Während in der Schweiz der staatliche Forst bereits vor dem Zweiten Weltkrieg auf den Dauerwald umstieg, wurschtelte man bei uns noch lange konventionell weiter. Schließlich wurde aufgrund der gestiegenen Arbeitskosten und dem Fiasko, welches der Orkan Wiebke 1991 in den Fichtenmonokulturen anrichtete doch umgedacht und mittlerweile ist in Deutschland der Waldumbau, der Wechsel von der konventionellen zur naturnahen Forstwirtschaft in vollem Gange.
