
- Marzipanschweinchen - Hofschläger/Pixelio
Neben Nürnberger Leb- und Honigkuchen ist Marzipan, meist in Form von Schweinchen oder Kartöffelchen, unverzichtbarer Bestandteil des Weihnachtstellers. Dabei sind sich viele Menschen der mehrfachen besonderen Gefahren dieser Leckerei nicht im Geringsten bewusst, obwohl die ersten Warnungen schon aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen, also mehr als 180 Jahre alt sind. Sie finden sich in dem 1822 veröffentlichten Buch „Geist der Kochkunst“ des Kunsthistorikers, Schriftstellers und Gastrosophen Karl Friedrich von Rumohr, das viele für bedeutender halten als das berühmte Werk von Brillat-Savarin, das den Titel „Die Physiologie des Geschmacks“ trägt.
Marzipan bringt „Verdauungsorgane in Unordnung“
Mit wetterndem Eifer ist seinerzeit Karl Friedrich von Rumohr gegen das Marzipan zu Felde gezogen; gegen diese „unverdauliche Schleckerei“, die das Gebiß verderbe, „die inneren und äußeren Verdauungswerkzeuge auf das sträflichste in Unordnung bringt“. Er habe, schrieb er damals, „sogar von einer Frau gehört, die an dem Marzipan sich tot gegessen“. Jener Frau mochte es wohl – und das ist der zweite Warnhinweis aus unserer Zeit – ähnlich ergangen sein wie jenem Patienten in der jüngsten Fernseharztserie „In aller Freundschaft“, dem ein Pfleger selbst produziertes Marzipan gegeben hatte. Der Kranke wand sich anschließend nachgerade in Todeskrämpfen: Er hatte eine Mandelallergie. Der dritte Warnruf kommt schließlich – und hat Eingang in vielerlei Kriminalromane gefunden – von den Sicherheitskräften auf Flughäfen: Marzipan kann von Materialscannern, wie sie auf Flughäfen eingesetzt werden, sehr schlecht von Plastiksprengstoff unterschieden werden. Wer also Ärger vermeiden will, sollte Marzipan nicht im Fluggepäck haben.
Das Wort Marzipan ist arabischen Ursprungs
Wen aber all dies nicht schreckt, der kann sich ungestört einem Genuß hingeben, von dem nicht ganz klar ist, woher er stammt. Die Geschichte des Marzipan ist geheimnisumwittert, sie reicht zurück ins Altertum. Athener Bäcker, so heißt es, sollen aus Honig und Mandeln das Ur-Marzipan bereitet haben – und das Rezept hätten sie von den Persern übernommen. Das Wort indessen ist arabischen Ursprungs, auch wenn es die Volksmythologie auf „Marci panis“, also Markusbrot, zurückführt. Ein Gebäck zu Ehren des Heiligen Markus, der Schutzpatron von Venedig ist. Andere wiederum sehen eine sprachliche Verbindung zum sizilianischen „Märzenbrot“ – so genannt, weil es im alten Sizilien nicht zu Weihnachten, sondern um die Osterzeit zubereitet worden sein soll.
Im Mittelalter war Marzipan ein teurer Luxus
Indessen zeigt sich deutlich, dass Marzipan in den verschiedensten Sprachvarianten immer in Verbindung stand zu Seefahrerstädten und -stämmen. Die Köstlichkeit kam wohl von weit her übers Meer nach Europa. Und so natürlich auch in die deutschen Hansestädte, Lübeck und Königsberg stehen als Beispiel dafür. Bäcker und die Hausfrauen bereiteten hier schon im Mittelalter Marzipan zu; aber es war wegen der teuren, von weither importierten Zutaten, wie Mandeln und Zucker ein Luxus, für Viele ein übetriebener.
Erstgeburtsrecht: Lübeck oder Reval
Fabrikmäßig wurde Marzipan erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts hergestellt. Im Jahr 1806 gründeten zwei Konditoren unabhängig voneinander die ersten Marzipanmanufakturen Der eine in Lübeck und der andere in Reval, das heute Talliin heißt und die Hauptstadt von Estland ist. Wieder waren es zwei Hansestädte, wieder ein Hinweis auf den Import der Rezeptur wie der Zutaten von weither. Die beiden Städte sind sich bis heute nicht einig, wem das Erstgeburtsrecht zusteht.
Persipan ist ein fast vollgültiger Ersatz
Wer eine Mandelallergie hat – wie der Krankenhauspatient in der Fernsehserie „In aller Freundschaft“ – muß auf den köstlichen Genuß zur Weihnachtszeit nicht verzichten. Nicht nur aus Gesundheits- sondern auch aus Kostengründen wird heute vielerorts ein fast vollwertiger Marzipanersatz hergestellt, der Persipan oder Parzipan heißt. Er ist dem Marzipan sehr ähnlich, wird allerdings nicht aus Mandeln, sondern aus Aprikosen- und/oder Pfirsichkernen hergestellt.
