
- Erste deutsche Verkehrsampel (Replik) - Ruediger Meixner
Erst durch die Stadterweiterung nach Westen Richtung Charlottenburg gegen Mitte des 19. Jahrhunderts rückte der Potsdamer Platz von seiner westlichen Randlage ins Zentrum der Stadt. Er wurde so ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt zwischen der alten Innenstadt in Berlins Osten und dem neu erschlossenen Westen Berlins.
Bahnhof Potsdamer Platz: erst Menschenmassen, dann Geisterbahnhof
Von entscheidender Bedeutung für das steigende Verkehrsaufkommen des Platzes war der Bau des Potsdamer Bahnhofs 1838 als erster Bahnhof Berlins. Erst fuhren Züge nach Zehlendorf, später Fernbahnen nach Potsdam, Magdeburg und weiter Richtung Westen. Dieser erste Potsdamer Bahnhof musste 1869 einem kaiserlichen Bahnhofsneubau weichen. In den nächsten 20 Jahren wurden aufgrund der riesigen Fahrgastmenge sogar drei Teilbahnhöfe für den Nah- und Fernverkehr benötigt. Der Potsdamer Platz konnte so wahre Massen an Menschen und Waren herantransportieren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bahnhof stillgelegt und abgerissen. Zur Zeit der Berliner Teilung befand sich der S-Bahnhof direkt unter der Berliner Mauer. Daher war er als Geisterbahnhof geschlossen und wurde bis 1989 ohne Stop durchfahren. Nach der Wiedervereinigung halten wieder Regional-, S- und U-Bahnen auf den nunmehr drei Ebenen des Bahnhofs Potsdamer Platzes.
Neben der Eisenbahn kamen zahlreiche sich kreuzende Straßenbahn- und Buslinien hinzu. Zudem wurde 1902 der Potsdamer Platz an das westliche Ende von Berlins erster U-Bahn-Linie angebunden.
Erste deutsche Verkehrsampel
Gleichzeitig begann die Massenmotorisierung. Ein alltäglicher Autostau im Bereich des Potsdamer Platzes war die Folge. So musste 1924 die erste deutsche Ampelanlage nach New Yorker Vorbild in der Platzmitte aufgestellt werden - damals noch fünfeckig. Eine Replik dieser historischen Verkehrsampel steht heute wieder vor den Bahnhofs-Eingangsgebäuden.
Treffpunkt von Intellektuellen und Politik sowie Inbegriff für pulsierende Metropole
Viele Bürger arbeiteten in den Geschäftsgebäuden und Banken im Bereich des Potsdamer Platzes. Und auch die Beschäftigten des politischen Betriebes bevölkerten das Areal, denn die alte und die neue Reichskanzlei waren nicht weit. So wurde der Potsdamer Platz mehr und mehr zu einem Treffpunkt der Politik, des Bürgertums und der Intellektuellen. All diese Menschen und die vielen anderen, die durch die zahlreichen Beförderungsmittel an den Potsdamer Platz gelangten, wollten bespaßt werden.
So entstanden dort um 1900 zahlreiche Hotels, Amüsierstätten, Varietes, Cafes und Restaurants. Man bevölkerte den Vergnügungspalast Haus Vaterland - größtes europäisches Restaurant mit 2.500 Plätzen und damals bemerkenswerten Themenrestaurants und künstlichen Gewittervorführungen. Literaten- und Künstler trafen sich im Cafe Josty.
Viele Intellektuelle wurden insbesondere von der Dynamik und Modernität des Platzes angezogen. In den Goldenen Zwanzigern war der Platz neben dem Alexanderplatz der Inbegriff der pulsierenden Weltstadt Berlin und fand so Aufnahme in Literatur, Bühne und Film. In seiner wohl größten Zeit war der Potsdamer Platz ein Symbol für die nie ruhende, geschäftige und kosmopolitische Metropole Berlin. Der Platz war in den 1920er und 30er Jahren einer der prominentesten und verkehrsreichsten Plätze Europas.
Schwarzmarkt, Volksaufstand und Todesstreifen
Dies fand durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und die Teilung Berlins ein jähes Ende. In den drei Jahren nach Kriegsende konnte sich aufgrund seiner zentralen Lage im „Dreiländereck“ zwischen dem sowjetischen, amerikanischen und britischen Sektor ein florierender Schwarzmarkt entwickeln. Die über ihn verlaufende Sektorengrenze machte den Potsdamer Platz bis zum Mauerbau 1961 zu einer wichtigen Verbindung zwischen Ost und West.
Beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 geriet der Potsdamer Platz wieder kurz in den Fokus der Öffentlichkeit, als sowjetische Panzer die Forderungen von enttäuschten DDR-Bürgern für höhere Löhne und mehr Demokratie niederwalzten und mehrere der wenigen dort verbliebenen Gebäude abbrannten. Durch die Lage des Potsdamer Platzes nach dem Mauerbau 1961 direkt am "Todesstreifen" verloren die Investoren dort ihr Interesse und Leerstand und Trostlosigkeit machte sich breit. Die Grenze schnitt mitten durch den Platz und alle restlichen Gebäude wurden aus Sicherheitsgründen abgerissen. Nirgendwo baute die DDR den Todesstreifen so breit aus wie hier.
Ödes Niemandsland zwischen Ost und West als Symbol der Teilung
Auch West-Berlin bebaute seinen Teil des Potsdamer Platzes nicht. Es war dort der Bau einer Stadtautobahn geplant und auch die kleine Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der Stadt war noch vorhanden. So glich die westliche Seite des Potsdamer Platzes vor der Wende einer Heidelandschaft in einer innerstädtischen Brache mit Straßen ins Nirgendwo, während vom Osten her ein planierter Todesstreifen drohte.
Nichts an der baulichen Struktur erinnerte mehr an die Goldenen Zwanziger. Der Platz war jetzt ein Niemandsland zwischen Ost und West. Eine kahle und kalte Ödnis, die verlassen da lag. Der Potsdamer Platz war nur noch Symbol für die gnaden- und trostlose Teilung Berlins und Deutschlands. Daran erinnern heute auf dem eigentlichen Potsdamer Platz vor den Bahnhofseingängen nur noch einige trostlose Mauerstücke mit historischen Erläuterungen sowie Markierungen, wo die Mauer sich früher befand.
Ballett der Kräne und Touristen aus aller Welt
Nach der überraschenden Wiedervereinigung war der Potsdamer Platz auf einmal ein innerstädtisches Filetstück, nach dem sich Immobilieninvestoren die Finger leckten. Die riesige Brache wurde nach dem Mauerfall von 1993 bis 2003 zur größten innerstädtischen Baustelle Europas.
Es wurden waghalsige Bauarbeiten in luftiger Höhe und mit Tauchern unter Wasser aufgrund des nassen Untergrundes des märkischen Bodens durchgeführt. Zeitweise wurde gar die Spree umgeleitet. Ganz historische Gebäudeteile, der Kaiser- und Frühstückssaal des im Krieg teilzerstörten Hotels Esplanade, wurden 1996 hydraulisch um 75 Meter versetzt. Das ebenfalls teilweise erhaltene Weinhaus Huth wurde maschinell hochgehoben, um einen neuen Keller darunter zu setzen.
Die gigantische Baustelle des neuen Potsdamer Platzes wurde sinnbildlich als „Ballett der Kräne“ bezeichnet und mit einem solchen 1996 gefeiert. Anlässlich des Richtfests für das debis-Haus vollführten 19 Baukräne unter der Leitung von Daniel Barenboim sieben Minuten lang zu den Klängen Beethovens Ode An die Freude einen Synchrontanz.
International renommierte Architekten konnten sich in diesen zehn Baujahren am Potsdamer Platz austoben. Das Resultat, einen nagelneuen Stadtteil der Hauptstadt, sehen die zahlreichen Besucher jetzt. Ganz das pulsierende Herz einer Weltstadt, wie Anfang des 20. Jahrhunderts und von den Planern gewollt, ist der Potsdamer Platz zwar noch nicht, aber mit Sony Center, Daimler City und dem Theater am Potsdamer Platz so bemerkenswert, dass er für Touristen weltweit immer eine Reise wert ist.
Quellen
- Architektur in Berlin, Arnt Cobbers, Jaron Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-89773-505-9
- Baedeker Allianz Reiseführer, Karl Baedeker Verlag, Ostfildern 2005, ISBN 3-8754-187-9
