Die Geschichte vom Ur-Apfel aus Kasachstan - Malus sieversii

Apfel-Malus domestica - Adele Sansone
Apfel-Malus domestica - Adele Sansone
Durch neue genetische Forschungen wurde der Urvater des Kulturapfels entlarvt. Eine interessante Spurensuche zum Ursprung des weltweit beliebten Obstes.

Im alten Testament ist die Geschichte vom Apfel und Adam und Eva festgehalten. Also muss der Garten Eden auch dort gelegen sein, wo der Urapfel herkommt, oder nicht? Eine „genomische“ Geschichtssuche nach dem Garten Eden und seinem Apfel.

Apfel ist nicht gleich Apfel

Bis vor Kurzem waren die Biologen noch allgemein der Meinung der Urvater der Kulturäpfel sei der in Europa und Vorderasien verbreitete Holz- oder Waldapfel (Malus sylvestris) aus der Familie der Rosengewächse. Doch die jüngsten genomische Auswertungen verschiedener Wildäpfel und Vergleiche mit dem heutigen Kulturapfel ergeben anderes Bild.

Dem Urapfel auf der Spur : Das Tian Shan Gebirge in Kasachstan

In Kasachstan, einem von der Außenwelt auch heute noch weitgehend abgeschotteten Land in Zentralasien, gedeihen seit Urzeiten Wildäpfel. Schon der alte Name der Hauptstadt "Alma Ata", was auf Kasachisch soviel wie "Vater der Äpfel" heißt (Alma=Apfel), weist darauf hin.

Im Tian Shan Gebirge (Satellitenbild) an der Grenze zu China gibt es heute noch richtiggehende Apfelbaumwälder. Wahre Baumriesen von bis zu 30 Metern Höhe, einem Durchmesser von zwei Metern und einem Alter bis zu 300 Jahren sorgen für Erstaunen. Die Widerstandsfähigkeit dieser Bäume ist gewaltig. So überstehen sie Temperaturen im Bereich von minus 40° bis plus 40°. Trotzen Eis und Schnee und Schädlinge und Krankheiten, wie Apfelschorf, beißen sich an ihnen die Zähne aus. Malus sieversii, auch asiatischer, kasachischer oder Altai-Apfel nennt sich diese Art. Ist dies der Urapfel?

Malus sieversii: Wie sieht er aus, der Vater aller Äpfel? Wie schmeckt er?

Das Erstaunliche ist, dass diese wild wachsenden Äpfel in Kasachstan nicht ungenießbar sind, so wie der europäische Holzapfel (Malus sylvestris), sondern eine erstaunliche Vielfalt an Größe, Süße und Geschmack bieten. Jeder Berg und jeder Hang besitzt praktisch seine eigene Varietät. Groß, klein, gelb oder rot und aromatisch. Schon immer war man in Kasachstan der Meinung, dass die kasachischen Äpfel der Urform des Apfels nahe kommen.

Garten Eden im Botanischen Garten in Almaty

Über 50 Jahre betreute und hegte Professor Djangaliev im Botanischen Garten von Almaty (früher Alma Ata) sämtliche Apfel-Varietäten aus allen Regionen des Tian Shan Gebirges um die genetische Vielfalt zu erhalten. Die kasachische Biologin Dr. Raya Toulekhanova von der Universität Almaty, lange Mitarbeiterin von Djangaliev, führt heute seine Arbeit fort.

Wenn Kasachstan so clever reagiert wie China, das seinen Teil des Tian Sahn Gebirges als Weltnaturerbe bereits angemeldet hat, dann werden diese Wälder auch noch über viele Generationen erhalten bleiben.

Apfelforscher: Dr. Barrie Juniper (Oxford) und Dr. Riccardo Velasco (Trento)

Forscher der Universität Oxford machten sich daran, das Genom des Apfels zu entschlüsseln. Die Forschergruppe um Dr. Barrie Juniper und David Mabberley analysierte und verglich alle Wildapfelsorten, auch die des Malus sieversii, dem asiatischen Wildapfel, mit dem Malus domestica, dem Kulturapfel. Das Erbgut des asiatischen Wildapfels Malus sieversii erwies sich mit dem des Kulturapfels nahezu ident. (2006).

Das wurde auch von Dr. Riccardo Velasco und Andrey Zharkikh (Trento) einige Jahre später bestätigt, die dabei die typische Südtiroler Apfelsorte "Golden Delicious" untersuchten und sie mit dem kasachischen Wildapfel abglichen. "Now the entire genome had been sequenced, it was possible for our team to compare 23 different genes, and so prove conclusively that the Kazakh apple had the closest genetic profile to the domestic apples." (2010)

Die Konsequenz daraus ist, dass man nun versucht die besonderen Fähigkeiten des Urapfels, was die Widerstandsfähigkeit angeht, wieder in den domestizierten Apfel einzukreuzen. Einer weiteren Erfolgsgeschichte des Apfels sind also die Wege in der Zukunft weiterhin geöffnet worden.

Die Verbreitungsgeschichte des asiatischen Apfels (Malus sieversii)

Die Vermutung der kasachischen Biologen, dass die Verbreitung vor allem der wohlschmeckenden süßen Varietäten mit der Vorliebe der kasachischen Bären zu tun habe, ist nicht von der Hand zu weisen. Die vorwiegend vegetarisch lebenden Bären lieben die süßen Sorten. Im Kot von Bären lassen sich viele unverdaute Kerne finden, die dann in diesen Kothaufen nicht nur überleben, sondern sogar gleich wertvollen Dünger vorfinden, damit sich neue Bäume entwickeln können. So sorgen vorwiegend die Bären für die Verbreitung der süßeren Sorten, denn die sauren oder herben Äpfel lassen sie links liegen.

Die menschlichen Verbreiter des Apfels

Nomaden, Sammler, später Karawanen von Händlern oder Reisenden an der Seidenstraße sorgten für die weitere Verbreitung des Apfels und von Jungpflanzen. Vom Tian Shan Gebirge aus wanderte der kasachische Apfel nach Europa, wurde dort weiter veredelt und gelangte hinaus in die ganze Welt. Durch den regen Austausch wurde die Sortenentwicklung des Apfels gefördert. Heute sind mehr als 20.000 Apfelsorten bekannt, wobei allerdings nur 20 wirklich wirtschaftliche Bedeutung haben.

Kleines Glossar

  • Rosaceae = Familie Rosengewächse
  • Maloideae = Unterfamilie Apfelähnliche
  • Malus sylvestris (Pyrus malus) = Art Holzapfel
  • Malus domestica = Art Kulturapfel
  • Malus sieversii (Pyrus sieversii) = Art asiatischer Wildapfel. Er wurde erstmals 1833 von Carl Friedrich von Ledebour, einem deutsch-estnischen Naturforscher beschrieben, der ihn im Altai-Gebirge entdeckte. Der asiatische Wildapfel oder Altai-Apfel, wie er auch genannt wird, ist ein Wildapfel, der vor allem in Kasachstan, im Osten von Usbekistan, Kirgisistan, Nord-Afghanistan und in Xinjiang in China vorkommt.

Skizze Holzapfel aus Bäume, Enrico Banfi, Neuer Kaiser Verlag 2002, Klagenfurt

Ein Film dazu:

  • "Les origines de la pomme", ein Film von Catherine Peix für Arte und den SWR.

Quellen:

Wer Lust bekommen hat, Apfelbäume, allerdings Kulturäpfel, in all ihrer Schönheit zu besuchen, dem ist dieser Wanderweg "Marlinger Waalweg" in Südtirol zu empfehlen.

Adele Sansone, Adele Sansone

Adele Sansone - Als Autorin für suite101.de interessieren mich vor allem die Bereiche Pflanzen und Tiere: Wie leben sie heute? Wie sind die einzelnen ...

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