Die Göckelesmaiers - Porträt eines Stuttgarter Festzeltbetriebs

Josefine und Karl Maier beim Fassanstich  - Simone Heiland
Josefine und Karl Maier beim Fassanstich - Simone Heiland
Sie gehören zu den letzten mobilen Festzeltbetrieben im Land, die als Generalpächter Volksfeste durchführen, zum Beispiel in Heilbronn: Die Göckelesmaiers.

Auf der Heilbronner Theresienwiese geht zurzeit das 85. Unterländer Volksfest über die Bühne. Dreh- und Angelpunkt ist das Festzelt des traditionsreichen Stuttgarter Festzeltbetriebs Göckelesmaier. Die Göckelesmaiers gehören zu Heilbronn wie das Käthchen, der Neckar und der Wein. Der Stuttgarter Familienbetrieb ist als mobiler Festzeltbetrieb einer der letzten Dinosaurier bundesweit. Göckelsmaier fungiert als Generalpächter. Das bedeutet, neben dem Festzeltbetrieb, der Bewirtschaftung und dem Ausschank auch für die Platzvergabe der Schausteller die Verantwortung zu haben. Es bedeutet, das Angebot an Fahrgeschäften und Buden jedes Jahr neu zusammenzustellen, Neuheiten einzukaufen und in das bestehende Sortiment zu integrieren. Es bedeutet, die Festplätze immer wieder neu zu bestücken, die Wegeführung neu zu überdenken, und für die Besucher so attraktiv und einladend wie möglich zu gestalten.

Die Göckelesmaiers: Ein Unternehmen fest in Familienhand

Über 45 Jahre hat Josefine Maier die Geschicke des Unternehmens gelenkt und geleitet. Ein aufreibender Job, der viel Organisationstalent und Fingerspitzengefühl erfordert. Und den ganzen Mann. Josefine Maier hat ihren Mann viele Jahrzehnte mit Bravour gestanden. Und sie ist glücklich, den Familienbetrieb in den Hände ihres Sohnes Karl und dessen Frau Daniela zu wissen. Mit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich der Generationswechsel vollzogen und heute sind die Aufgaben längst neu verteilt. Die Verantwortung liegt bei Karl Maier, der im Hintergrund professionell und unaufgeregt die Fäden zieht. Was nicht heißt, dass die Seniorchefin sich zur Ruhe gesetzt hätte. Das wäre nicht Josefine Maier. Mit ihren unglaublichen 84 Jahren ist sie Ansprechpartnerin wie eh und je - für die Crew im Zelt und hinter den Kulissen. Für die Ehrengäste. Und für alle anderen Besucher auch. Sie ist geblieben, was sie immer war: Mutter Courage, Psychologin, Ausländerbeauftragte, Kumpel und Freundin, Managerin und Vorgesetzte in Personalunion. Und sie ist vor allem Mutter, Schwiegermutter und stolze Großmutter eines Enkels und einer Enkelin, die erst vor wenigen Jahren hineingeboren wurden in die Festzeltfamilie.

Die Göckelesmaiers: Karl Maier, der Mann für alle Fälle

Karl Maier, ihr Sohn, Mitte 40, ist der Mann für alle Fälle. Er ist Berater, Schlichter, Handwerker und Hausmeister. Er organisiert, stellt Personal ein, handelt Verträge aus, kümmert sich um den reibungslosen Ablauf des Mammutprojekts Volksfest, dessen Planung - wie erwähnt - ebenfalls in seinen Händen liegt. Er ist Regisseur und Direktor, Spielführer und Verwaltungschef, Finanzminister und Personalmanager in einem. Karl ist von klein auf mit dem Festzeltbetrieb verwurzelt. In einer Saison wurde er während seiner Bundeswehrzeit, die er als Sanitätssoldat in Böblingen verbrachte, sogar einmal freigestellt um im Festzelt helfen zu können. Er hat die Zeit im Zelt nie als störend oder gar einschränkend empfunden. Als studierter Betriebswirt bringt er die besten Voraussetzungen mit, um als Festwirt die Familientradition weiterzuführen. Ehefrau Daniela, von Beruf Werbegrafikerin, steht ihm dabei tatkräftig und ideenreich zur Seite.

Die Göckelesmaiers: Pleiten, Pech und Pannen

Vieles haben die Göckelesmaiers schon erlebt. Auch beim Unterländer Volksfest in Heilbronn. 1971 brannte die Fassade des Festzelts. Nachts um halb eins stieg Rauch auf. Ein Schausteller hatte den Brand entdeckt und sofort per Mikrofondurchsage alle Kollegen informiert. Im Nu standen alle Gewehr bei Fuß, in Nachthemd und Schlafanzug, mit Eimern und Wasserschläuchen, und haben gelöscht bis die Feuerwehr kam. Auch Hochwasser hat's schon gegeben. Da war Land unter vorm Zelt. Stürme, Hagel, Dauerregen, kleine und mittlere Familienkatastrophen, Schlägereien, Alkoholausbrüche - Pleiten, Pech und Pannen. Doch sie bleiben die Ausnahme. Summa sumarum überwiegen schöne, erfreuliche Ereignisse.

Die Göckelesmaiers: Aus Maier wird Göckelesmaier

Anfang der 50er Jahre kamen die Maiers erstmals nach Heilbronn. Karl Maier, senior, führte in Heilbronn bereits 1934 als Festwirt beim Schwäbischen Sängerfest die Regie. Göckelesmaier, der seit 1930 eingetragene Firmenname, wurde beim Cannstatter Wasen am Stammtisch geboren. Dort hatten eines schönen Abends offenbar zuviele Männer namens Maier am Tisch gesessen, so dass genauere Bezeichnungen zur Unterscheidung der einzelnen Personen nötig wurden. Und so wurde aus Karl Maier geschwind der Göckelesmaier. Dabei ist es geblieben. Wehe dem, der im Festzelt ein Hähnchen oder ein Giggerle bestellt. Maiers Göckele sind mit nichts zu vergleichen: so lecker, knusprig und frisch. Sie kämen jeden Morgen persönlich angeflogen, bevor sie ab 12 Uhr mittags frisch gebräunt am Ofen ihre Runden drehen, erzählt man sich seit Jahr und Tag. Den letzten Kick erhalten sie durch einen Bund Petersilie, der ihnen, ins Hinterteil geschoben, geschmacklich die Krone aufsetzt.

Die Göckelesmaiers: Die Tradition der Kischtleshocker

Von 1950 bis 1970 bewirtschafteten die Göckelesmaiers das große Hofbräu-Festzelt. Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes Karl 1973 übernahm Josefine ohne zu zögern die Geschäfte. Von Anfang an standen ihr dabei ihre Nichte Susi und deren Ehemann Wolfgang Lochmann zur Seite. Wolfgang Lochmann avancierte bald zum Küchenchef und war Herr über die Kischtleshocker, die sich - bis heute - täglich zum Essen in der Kischte treffen und austauschen. Wie es in einer Großfamilie Usus ist. Kischtleshocker, das sind die Schausteller. Weil deren Vorgänger früher aus Mangel an Sitzgelegenheiten auf Getränkekisten Platz nahmen, verfestigte sich der Begriff der Kischtleshocker. Die Tradition ist ungebrochen.

Die Göckelesmaiers: Festwirtin als Lebensaufgabe

Das Ehepaar Lochmann ist inzwischen aus dem aktiven Betrieb ausgeschieden. Josefine Maier, ist mit heute 84 Jahren immer noch bei jedem Volksfest dabei. Die Seniorchefin ist dankbar und froh, dass ihre Kinder sich der großen Verantwortung gestellt haben und den Betrieb auf Erfolgskurs halten: modern ohne die Tradition zu vergessen; offen für Jung und Alt; die sich stets verändernden Ansprüche im Blick. Wenn jemand weiß, wie schwer das ist und wieviel persönlichen Einsatz es erfordert, dann ist es die Seniorchefin, die fast ihr ganzes Erwachsenenleben Festwirtin war und Heilbronn ebenso wie ihre Kinder und das gesamte Team immer in besonderer Weise verbunden sein wird.

Info: Am Montag, 9. August 2010, endet das 85. Unterländer Volksfest mit einem großen Abschlussfeuerwerk

Zwischen Pflicht und Kür, Simone Heiland

Simone Heiland - "Ein leidenschaftlicher Journalist kann kaum einen Artikel schreiben, ohne im Unterbewußtsein die Wirklichkeit ändern zu ...

rss