Die Grammatik von Girault-Duvivier von 1812

Die "Grammaire des grammaires" war das Referenzwerk bis 1936

Die Grammatik von Charles-Pierre Girault-Duvivier gilt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als eine der besten ihrer Zeit, wenngleich Girault-Duvivier Sprachlaie war.

Während im 19. Jahrhundert besonders viele Wörterbücher veröffentlicht wurden, die auch alle große Anerkennung fanden, gab es zur Grammatik nur ein Werk, das vom Publikum gelobt wurde: Die "Grammaire des grammaires" (zu deutsch: "Grammatik der Grammatiken") von Charles-Pierre Girault-Duvivier, der ursprünglich Sprachlaie war.

Vom Anwalt zum Sprachgelehrten

Charles-Pierre Girault-Duvivier wurde am 13. Juli 1765 in Paris geboren und trat nach seiner Jugend in den Beruf seines Vaters als Anwalt ein. Als die Französische Revolution 1789 ausbricht, ist er jedoch gezwungen, als Angestellter in einer Bank zu arbeiten. Infolge der häuslichen Schulerziehung seiner Töchter kommt Girault-Duvivier schließlich in Kontakt mit Sprachfragen und im Speziellen der französischen Grammatik. Bei jedem Problem, das sich ihm und seinen Töchtern zur Sprache stellt, zieht er die Meinungen von Grammatikern und Sprachwissenschaftlern zu Rate und stellt so eine immense Sammlung zusammen. Diese Materialsammlung besteht letztendlich aus der Zusammenstellung aller sprachlichen Ansichten und Bemühungen der Grammatiker des 17. und 18. Jahrhunderts und steht repräsentativ für das grammatikalische Wissen der Franzosen.

Die Materialsammlung als "Grammatik der Grammatiken"

1812 wird diese Materialsammlung, wie sie noch nie zuvor von einer Einzelperson erstellt wurde, unter dem Titel "Grammaire des grammaires", veröffentlicht. Der Untertitel lautet "Vernunftbetonte Analyse der besten Abhandlungen zur französischen Sprache", womit auch das Ziel Girault-Duviviers bereits klar wird. In seinem Vorwort sagt Girault-Duvivier, dass seine Absichten "bescheiden" seien und es ihm nicht um neue Regeln ginge, sondern darum, in einem einzigen Werk all das zusammenzubringen, was die besten Grammatiker und die Académie française zu den schwierigsten grammatischen Fragen des Französischen geäußert haben. Die Zeitspanne der besten Grammatiker liegt für ihn zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert.

Girault-Duviviers Meinung zur Sprache

Die Grammatik besteht aus zwei Teilen. Der erste widmet sich der Phonologie, während im zweiten Teil die französische Morphologie, Syntax und Orthographie behandelt werden. Damit baut er seine Grammatik ganz klassisch auf. Zu dieser klassischen Tradition gehört auch Girault-Duviviers Verständnis von Neologismen, also Wortneuschöpfungen. Dazu meint er, dass eine lebendige Sprache unentwegt von Anwachsungen, Veränderungen und Modifikationen "geschwemmt" wird, und dass diese Einflüsse entweder zum Sprachverfall oder zur Perfektionierung der jeweiligen Sprache führen können. Er spricht in diesem Sinne auch kritisch von dem "Erfindungswahn" seiner Zeitgenossen und nimmt damit eine puristische Haltung ein, was bedeutet, dass er für die Fixierung der französischen Sprache auf den Zustand des 17. Jahrhunderts stimmt. Dies ist im Ganzen betrachtet ein bis heute zwar häufig vertretener Standpunkt, aber praktisch unmöglich umzusetzen, da eine Sprache immer im Wandel ist. Seine Grammatik sieht er so als den einzigen „Damm“, der gegen die Überschwemmung durch Wortschöpfungen wirken könne.

Die Referenzgrammatik des 19. Jahrhunderts

Die "Grammaire des grammaires" bietet alles, um bei grammatischen Fragen befriedigende Antworten zu bekommen, insbesondere tragen dazu die Meinungen der großen Autoren bei, die er zitiert: Claude Vaugelas, Thomas Corneille, Antoine Arnauld, Claude Lancelot, der Abt Pierre-Josephe d’Olivet, César Chesneau Dumarsais, Nicolas Beauzée und Girard. Mit ihren Ansichten verschwinden laut Girault-Duvivier alle Zweifel und die Überzeugung stellt sich ein.

Dass Girault-Duviviers ehrgeizige Zielsetzung Erfolg hatte, ist an der mehrfachen Neuveröffentlichung seines Werks zu sehen. Die zweite Auflage erschien bereits drei Jahre nach der ersten, 1814. Als Girault-Duvivier am 11. März 1842 stirbt, übernimmt Pierre-Auguste Lemaire die weitere Bearbeitung. Im Gegensatz zu Girault-Duvivier ist dieser Sprachwissenschaftler und nicht Laie, wodurch er sich mehr für die historischen Aspekte des Französischen interessiert und eine weniger puristische Einstellung hat.

Vorgriff auf die Grammatiken der nächsten Jahrhunderte

Die große Anziehung im sprachinteressierten Publikum durch die "Grammaire des Grammaires" bezeugt den Wunsch nach praktischen Grammatiken, der im 19. Jahrhundert aufkommt. Diese Grammatik greift somit auf die Serie von Schulgrammatiken vor, die ab der Mitte des 19. bis in die folgenden Jahrhunderte veröffentlicht werden. Als Nachfolger der "Grammaire des Grammaires" gilt im 20. Jahrhundert "Le Bon Usage" des Belgiers Maurice Grevisse.

Die "Grammaire des grammaires" ist in der 9. Auflage auch online abrufbar.

Literaturhinweis:

Girault-Duvivier, Charles-Pierre: Grammaire des grammaires. Paris 1812.