Sicher ist, dass im 5. Jahrhundert v. Chr. zwei sehr stolze und starke Kulturen aufeinander trafen, die sich in ihren Lebensweisen und Gebräuchen stark unterschieden, doch gab es auch etwas, was sie einte und an einander schweißte - die Religion.
Das persische Großreich
Zuerst muss man sich klar werden, unter welchen Bedingungen sich beide Kulturen kennenlernten: Ganz Ägypten und große Teile Griechenlands waren in das persische Großreich einverleibt worden und unterstanden dessen Befehlsmacht. Ägypten wurde schon 525 v. Chr. erobert und die Poleis Athen und Sparta kämpften in den Jahren 490 und 480/79 v. Chr. erfolgreich gegen die persische Großmacht. Im Gegensatz zu vielen anderen Gebieten der griechischen Oikomene (Gemeinschaft) konnten die Stadtstaaten Athen und Sparta der Invasion standhalten und ihre Unabhängigkeit verteidigen.
Dennoch war der persische Einfluss im Mittelmeerraum und Vorderasien deutlich zu spüren. Es lassen sich hier sogar erste globalisierenden Ansätzen erkennen, da die persische Weltanschauung alle unterlegenen Kulturen durchdrang. Diese Art der Globalisierung kam später im Imperium Romanum voll zur Entfaltung und gipfelte in der konsequenten Durchsetzung der römischen Gebräuche, Gesetze und Kultur. Innerhalb des persischen Großreiches lernten sich fremde Kulturen kennen. So auch Ägypten und Griechenland, obwohl hier die Berührungsängste weniger groß waren.
Erste Kontakte mit Griechenland
Es bestanden schon vor der persischen Herrschaft Verbindungen zwischen beiden Kulturen. Diese waren vor allem merkantiler (Handel) und militärischer Natur. So wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. mit Hilfe des griechischen Militärs Ägypten, welches unter verschieden lybischen Herrschern aufgeteilt war, geeint und ganz der ägyptischen Kultur entsprechend wieder einer zentralistischen Regierung überlassen.Pharao Psammetich dankte es den Griechen, indem er ihnen Ländereien übergab, die sie nutzen und besiedeln durften. Pharao Amasis ( 570-526 v. Chr.) ehrte sogar einige griechische Söldner, in dem er sie zu seiner Leibwache berief.
Die Funktion der Religion
In diesem Verhalten zeigt sich ein großer Respekt der Ägypter den Griechen gegenüber. Ihre Taten für Ägypten wurden nicht vergessen, sondern gebührend belohnt. Griechenland wiederum sieht in Ägypten ebenfalls einen gleichwertigen Partner, der griechische Märkte mit feinen ägyptischen Waren füllt und griechische Traditionen respektiert und toleriert. So wurden, nahe der ägyptischen Stadt Bubastis, Überreste eines griechischen Tempels aus dem 5. oder 4. Jahrhunderts v. Chr. gefunden. Diese Stadt beherbergte seit vielen Generationen den großen und bedeutenden Tempelbezirk der Göttin Bastet. Hier wird also das religiöse Miteinander deutlich.
Auf dieser Ebene begegnen sich beide Kulturen sehr verständnisvoll und ebenbürtig. Die Parallele des polytheistischen Götterkultes und dessen Einbindung und Pflege in den Alltag, sind für Ägypter und Griechen gleichermaßen wichtig und sorgt deshalb für gegenseitiges Verständnis. Differenzen finden sich aber in der Art der Religionsausübung und ihre Auswirkung auf das alltägliche Leben.
Als Beispiel ist der ägyptische Isis-Kult zu nennen: Stiere und heilige Kühe werden der Isis geweiht und gelten als heilig und unantastbar. Sie zu schlachten und zu essen gilt als blasphemisch. Da Griechen sich von Rinderfleisch ernährten, galten sie in den Augen der Ägypter als „ unrein“.
Körperliche Kontakte, Nutzen von gemeinsamen Geschirr, oder gemeinsames Speisen wurde aus diesem Grund vermieden. Dieses „fremdenscheue“ Verhalten stieß bei den Griechen auf Unverständnis, da diese seit je her eine ausgeprägte Gastfreundschaft pflegten.
Dennoch wurde diese „Unreinheit“ der Griechen auf ägyptischer Seite niemals zum Anlass für Fremdenhass genommen, vielmehr ist es eine religiöse Abgrenzung. Es ist eine unsichtbare Linie, die eine Religionszugehörigkeit markiert. Bis heute gibt es religiöse Riten und Vorschriften, die religiöse Gruppen markieren. Beispiele dafür sind: Beschneidung, Taufe, Vermeidung von Schweinefleisch, etc. Da die Ägypter in Fragen der Religionsausübung recht offen waren, wurde das griechische Religionssystem mit andersartigen Vorschriften und Tabu-Vorstellungen toleriert.
Die Ansichten Herodots
„Wie der Himmel anders ist als anderswo, wie der Fluss anders ist als andere Flüsse, so sind auch die Sitten und Gebräuche der Ägypter fast in allen Dingen denen der übrigen Welt entgegengesetzt. (...)“ Mit Dieser Aussage unterstreicht Herodot erst einmal die Andersartigkeit der Ägypter und differenziert sich als Grieche von deren Sitten, die er nicht für gut hält. Er führt dazu noch Beispiele auf: Frauen gehen auf den Markt und treiben Handel, Lasten werden von Männern getragen, Frauen urinieren im Stehen und Männer im Sitzen.
Trotz dieser Unterschiede nennt Herodot schließlich aber auch Gemeinsamkeiten, die beide Völker verbanden. Dazu gehörte die Achtung vor Heiligtümern, Achtung vor dem Alter, eine religiöse Kleiderordnung und der Polytheismus.
Die Gemeinsamkeiten und die ägyptische Lebensweise rufen bei Herodot auch Bewunderung für das Volk am Nil hervor. In der Agrarwirtschaft sind die Ägypter führend und besonders innovativ (Kanalsysteme), so dass die Ernte leichter zu bewältigen war als anderswo. Herodot beschrieb sie auch als die frömmsten, geschichtsbewusstesten und gesündesten Menschen der Welt.
Die anfängliche „Gegensätzlichkeit“ der Ägypter steigerte er also in ein Idealbild von Gesellschaft und dem Individuum. Die ägyptische Weisheit und Lebensart kann also als ein höheres Ziel aufgefasst werden, dem die Griechen nicht gänzlich entsprachen und nachstreben konnten. Herodots Bewunderung für die Ägypter, offenbart indirekt Mängel an der eigenen Kultur und stellt den ägyptischen Lebensstil trotz seiner Andersartigkeit über den Griechischen.
Gemäßigte Völkerverständigung
Zusammenfassend war das Verhältnis der Griechen zu Ägypten dennoch zwiespältig. Auf der einen Seite findet sich eine große Bewunderung für ihre Kultur und Errungenschaften, und auf der Anderen, Unverständnis oder gar Abneigung für einzelne Elemente innerhalb dieser speziellen Kultur, die auch immer hervorgehoben wurden. Das griechische Theater war hier ein Raum in dem Griechen sich über andere Sitten und Gebräuche auslassen konnten. Hier wurden Klischees und Vorurteile der breiten Masse zugänglich gemacht.
Dennoch sollte nochmal erwähnt werden, dass die gemeinsame Vergangenheit als Kriegsverbündete gegen die persische Großmacht und ihr Schicksal, in dieses Großreich eingegliedert zu sein, beide Kulturen annäherte. Und diese frühen Berührungen sorgten in der klassischen Zeit für ein gemäßigtes Miteinander und respektvollen Umgang. So, dass kleine beidseitige Sticheleien, sei es auf der Theaterbühne oder im griechisch-ägyptischen Alltag, ohne politische oder soziale Konsequenzen blieben.
Die These des „Kulturschocks“ kann nicht vollständig verifiziert werden und bezieht sich nur auf einzelne Teilaspekte der griechisch-ägyptischen Beziehung. Diese These ist zu einfach formuliert, um die wirkliche Beziehung darstellen zu können.
Um das Verhältnis von Ägyptern und Griechen detaillierter zu beschreiben, ist folgende Aussage treffender, da sie das komplette Spektrum der Beziehung aufgreift: „Ägypten war in den Augen der Griechen in der klassischen Zeit eine entgegengesetzte, andersartige, aber auch eine bewundernswerte Kultur, die dennoch einige Parallelen zur Eigen aufwies.“
Quellen:
- Stefan Pfeiffer, Begegnung Ägypten und Griechenland in der Klassik, Städelsches Kunstinstitut und städtische Galerie, 2005
- Phiroze Vasunia, The Gift of the Nile, University of California Press, 2001 S. 76-87
