
- Perfekte Mutter: Mütter können alles - Kirsten Wendt
Mütter sollen alle Wunschvorstellungen des perfekten Menschen in sich vereinen. Dass das so gut wie unmöglich ist, liegt in der Natur der Sache. Wer wird schon zum Zeitpunkt der Befruchtung automatisch ein vollkommenes Geschöpf? Doch genau das entspricht der allgemeinen Erwartungshaltung.
Die perfekte Schwangere
Schwangerschaft ist keine Krankheit. Eine Aussage, die besonders gerne von solchen Mitmenschen getroffen wird, die entweder noch nie schwanger oder in ihren eigenen Brutzeiten das blühende Leben waren. Übelkeit, Erbrechen, Wassereinlagerungen und Sodbrennen sollten nicht der Rede wert sein. Lächerlich, wer sich wegen solcher Zipperlein schon mittags wie gerädert fühlt und am liebsten den ganzen Tag im Bett bleiben würde. Andere haben schließlich sogar vier Kinder und arbeiten zwischendurch auf dem Feld. Wer dazu noch ungesunde Sachen zu sich nimmt, nicht regelmäßig seinen Bauch eincremt und ständig seinen Mutterpass vergisst, hat ohnehin den Wettbewerb der belastbarsten Schwangeren verloren. Diese Personen sind vermutlich genau die gleichen schwachen Charaktere, welche sich später weit über den empfohlenen elf Kilo Gewichtszunahme im Geburtsvorbereitungskurs heimlich wünschen, dass ein Kaiserschnitt vorgenommen wird.
Der erfüllende Alltag mit einem Säugling
Das Baby wurde optimalerweise auf natürlichem Wege und ohne Schmerzmittel geboren. Stillen, ständige Ruhestörungen und ein komplett neuer Lebensmittelpunkt gehören nun zum Alltag dazu und sollten ohne Klagen und Hysterie ins Positive umgewandelt werden. Wer übergewichtig bleibt, ist selbst schuld. Stillen macht schlank. Wer also stillt und nicht abnimmt, ist verfressen. Fläschchengeber machen ohnehin alles falsch. Wenn diese dann dick sind, ist es die gerechte Strafe für fehlende Aufopferungsbereitschaft. Müdigkeit ist kein Thema, denn Krabbelgruppe, Mütterzentrum und Babyschwimmen sind mindestens so wichtig, wie ein ordentlicher Haushalt und täglich frisch zubereitete Mahlzeiten. Schließlich ist die Traummutter jetzt zu Hause und hat viel Zeit. Sollte sie sich auch äußerlich verändern und nach einigen Wochen der Heimarbeit etwas lächerlich vorkommen in Kostüm und Pumps, ist das ein klares Zeichen der körperlichen Vernachlässigung. Bequeme Latschen, ausgebeulte Jeans und weite Pullover mit Spuckflecken sind inakzeptabel.
Kindergarten-Mamis backen und basteln gerne
Perfekte Mütter können sich problemlos von ihren Kindern trennen, auch wenn diese schreien wie am Spieß. Regelmäßig die Kleinen abzugeben gehört zum Pflichtprogramm, um mal etwas für sich zu tun und die Partnerschaft nicht zu vernachlässigen. Hat Mutti eigentlich weder Lust auf Shoppingtouren noch auf Sex, liegt das ganz klar daran, dass sie nie an sich denkt. Genau darum sollte ja auch der Nachwuchs zum geeigneten Zeitpunkt in den Kindergarten gegeben werden. Dort darf man den Erzieherinnen nicht widersprechen, sollte aber zu jedem erdenkbaren Zeitpunkt freudig erregt sein, wenn es ans mütterliche Laternebasteln, Kuchenbacken oder Spielplatzrenovieren geht. Alle Mamas sind bei so etwas Naturtalente. Nur Akademikerinnen dürfen passende Ausreden für die verhassten Tätigkeiten in Anspruch nehmen.
Mütter wollen arbeiten
Es können einem gesetzlich noch so viele Tage Freiheit zustehen, sobald das Kind krank wird. Ist man nicht zufällig verbeamtet, sollte sich das perfekte Muttertier trotz der zu erwartenden Probleme dennoch keine Gedanken darüber machen, wie sie es schaffen soll, alles unter einen Hut zu bringen. Es wird schon irgendwie gehen, und so häufig werden Kinder nun auch nicht krank. Die Hetzjagd zwischen den vielen Fixpunkten im Leben einer vielseitig interessierten Person darf niemals Hinderungsgrund für eine Erwerbstätigkeit sein. Alle guten Mütter wollen arbeiten, sich um ihre Kinder kümmern, mit Freundinnen weggehen und ihrem Partner eine verführerische Geliebte sein.
Lehrer haben nie Zeit, Mütter aber immer
Auch wenn nur eine arbeitende Mutter bei den Lehrern ihres Kindes als vollwertiger Gesprächspartner angesehen wird, bedeutet das noch lange nicht, dass sie nicht rund um die Uhr verfügbar sein sollte. Mamas lassen sich gerne als Elternratsvorsitzende aufstellen, organisieren Halloween-Umzüge, sammeln Geld für den Förderverein und lassen sich auf Elternabenden den guten Rat geben, die Hausaufgaben des Kindes zu kontrollieren. Es stört sie auf keinen Fall, dass die neue und viel gepriesene Schulcaféteria ausschließlich von Müttern unterhalten wird. An ihrem einzigen freien Arbeitstag im Monat steht die motivierte Mutter gütig lächelnd in der Schulküche und schmiert Brötchen.
Fürsorglich und doch frei, sexy, aber treu
Glückliche Mütter definieren sich über ihre Familie und bleiben doch sie selbst. Die Kinder stehen vorne an, aber laut sagen darf man das nicht. Sonst läuft einem der Mann weg. Das passiert sehr häufig und es liegt vor allem daran, dass die Mütter Einiges vergessen im Laufe der Jahre. Sie waren ehemals autark, lustig und kerngesund. Jetzt sind sie oft fremdbestimmt, gereizt und fangen sich jeden Infekt ein. Wer es dann wagt, trotz abtrünnigem Partner selbst nach anderen Männern Ausschau zu halten, ist alles, aber keine gute Mutter.
Nur wer sich selbst nicht verliert, kann eine wirklich zufriedene Mutter sein
Beim ständigen Versuch, dem Glück in Form der perfekten Mutterschaft hinterher zu laufen, kann es passieren, dass man etwas Wichtiges übersieht. Viel zu häufig nämlich brechen Frauen unter dem enormen Druck und den Mehrfachbelastungen in Form von Burnout-Erkrankungen zusammen. Wegen des Strebens nach Perfektion leidet dann nicht nur die ganze Familie, sondern am stärksten die Übermutter selbst. Lockere Mütter, die sich Raum und Zeit zum Leben lassen, sind langfristig glücklicher und gesünder.
