Die Härtsfeldbahn

Eine Eisenbahn für eine arme Gegend

Triebwagen auf dem Viadukt bei Unterkochen - Volker Wollny
Triebwagen auf dem Viadukt bei Unterkochen - Volker Wollny
Über 70 Jahre lang verband eine meterspurige Bahn das Härtsfeld im Nordosten Württembergs mit der großen Welt.

„Wer Vater und Mutter nicht gehorcht, der muss aufs Härtsfeld“, so sagte man in den alten Tagen im Brenz- und im Kochertal zwischen Härtsfeld und Albuch. Obwohl auch die Täler damals keineswegs mit Glücksgütern gesegnet waren, schien das Leben auf der Hochfläche der Ostalb doch noch um einiges härter als dort.

In den Zeiten des Automobils und der Stadtflucht wurde manche Gemeinde auf dem Härtsfeld zwischen Dillingen, Giengen, Heidenheim, Aalen, Nördlingen und Donauwörth zum gefragten Wohnort unter Häuslesbauern, die es von der Stadt ins Grüne zog. Selbst heute, da es doch der Bauwirtschaft nicht so besonders geht, sieht man immer noch Neubauten in den Dörfern. Offensichtlich wissen viele Menschen die schöne Landschaft, die Ruhe und die gesunde Luft zu schätzen.

Das ist heute nicht verwunderlich, kommt man doch mit dem Auto problemlos zur Arbeit in die umliegenden Städte. Außerdem haben sich auf dem Härtsfeld, wie überall auf dem Land in vielen Dörfern umfangreiche Gewerbegebiete mit allerhand Arbeitsplätzen gebildet, von den Einkaufsmöglichkeiten in den größeren Orten wie Nattheim, Dischingen, Ebnat, Neresheim oder Waldhausen gar nicht zu reden.

Anschluss an die große Welt gesucht

Das war im späten 19. Jahrhundert vollkommen anders. Der Ackerbau auf dem kargen Boden der Karstlandschaft gab nicht viel her, zumal es auch noch an Wasser mangelte. Vielerorts war das Land zu gar nichts außer der Schäferei zu gebrauchen und so bildete sich an den Stellen, wo der Wald abgeholzt worden war die typische Wachholderheide der Schwäbischen Alb. Der einzig wertvolle Rohstoff, den es gab, bestand im Holz der großen Wälder, aber auch das konnte man nicht so recht zu Geld machen, da es an Möglichkeiten zum Abtransport mangelte.

Wen wundert es da, dass die Härtsfelder, die ja auch nicht dümmer als andere Schwaben sind, ihre Hoffnung auf die Eisenbahn setzten? Diese vergoldete ja, wie ihr großer und verkannter Vordenker in Deutschland, Friedrich List, ganz richtig prophezeit hatte, jeden Ort,den sie berührte. Und so begannen die Menschen auf dem Härtsfeld für ihre Eisenbahn zu kämpfen.

Nach vielen Schwierigkeiten, nicht nur technischer, sondern auch politischer und bürokratischer Art, war es dann im Mai 1900 so weit: Man begann von Aalen aus mit dem Bau und obwohl einige nicht ganz einfache Kunstbauten erforderlich waren, erreichte bereits ein und ein Vierteljahr später der erste Zug Neresheim. Am 30. und 31. Oktober 1901 wurde dann die Strecke bis zum damaligen Endpunkt Ballmertshofen eingeweiht.

Auch Bayern wollte nicht abseits stehen und den östlichen Teil des Härtsfelds, der zu diesem Land gehört, ebenfalls mit einer Eisenbahn erschlossen haben. So wurde weiter gebaut und 1906 war Aalen mit Dillingen verbunden.

Aufschwung für das Härtsfeld

Tatsächlich verbesserte die Eisenbahn, die Schättere, wie die Härtsfelder sie liebevoll nannten, das Leben auf dem Härtsfeld erheblich. Um einen großen Frachtkunden zu haben, gründete das Eisenbahnunternehmen, das hinter der Härtsfeldbahn stand, die Härtsfeldwerke bei Neresheim, einen großen Steinbruch mit Kalkwerk. Personenverkehr brachten nicht zuletzt die Wallfahrten in die Klosterkirche von Neresheim und auch der Wald gab der Bahn eine Menge Fracht, wie man an den Holzverladestellen sieht, die es an verschiedenen Orten in den Wäldern zischen Aalen und Neresheim gab und die auch für Wanderer und Spaziergänger zu beliebten Ausgangspunkten wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bahn der entscheidende Faktor dafür, dass sich auf dem Härtsfeld ein wenig Industrie ansiedeln konnte und der Lebensstandard dort weiter stieg. Ab 1956 wurde von Dampf- auf Dieseltraktion umgestellt und obwohl es langsam anfing, düster für die Härtsfeldbahn auszusehen, gaben ihre Anhänger die Hoffnung nicht auf.

Das traurige Ende der Härtsfeldbahn

In den 1960er Jahren wurde jedoch die Konkurrenz des Kraftverkehrs erdrückend, nicht zuletzt, weil die Bundesrepublik das fortsetzte, was bereits die Nazis begonnen hatten: Die Bevorzugung des Straßenverkehrs gegenüber der Schiene. Zwei der letzten Nägel zum Sarg der Schättere waren dann die Schließung der Klosterkirche in Neresheim wegen Baufälligkeit und die Stilllegung der Härtsfeldwerke. Damit hatte die Bahn lebenswichtige Segmente ihres Güter- und Personenverkehrs verloren. Und natürlich stimmte auch die Bevölkerung mit dem Zündschlüssel gegen die Bahn: Die Motorisierung hatte begonnen und man fuhr mit dem Auto zur Arbeit und zum Einkaufen.

Die Ölkrise, die vielleicht ein Umdenken hätte bewirken können, kam für das Bähnle wohl zu spät: Im Herbst 1972 war der letzte Zug schon gefahren, der hastige Abbau der Anlagen begann kurz darauf. Und so mancher, der vielleicht selbst mit schuldig an ihrem Untergang war, vermisste sie bald schon bitter. In den 70er Jahren wollte man unter dem Motto „Gastliches Härtsfeld“ die Region für den Tourismus erschließen, woraus nicht besonders viel wurde. Eine Bimmelbahn als Attraktion und Anbindung an die Bahnhöfe von Aalen und Dillingen hätte hier wohl einiges leichter gemacht...

Heute ist ein kleiner Teil der ehemaligen Strecke als Museumsbahn wieder aufgebaut und wächst weiter. Und wer mehr Informationen über die Härtsfeldbahn möchte, findet sie auf der Härtsfeldbahn-Website des Verfassers.

Volker Wollny, Journalist, Autor und Blogger, Saskia Wollny

Volker Wollny - Tätig als Publizist und Freier Dozent, abgeschlossenes Studium als Ingenieur für Produktionstechnik, Gesellenbriefe im ...

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