„Wir können doch nicht Hebräisch miteinander reden“, schrieb Theodor Herzl 1896 in seiner programmatischen Schrift Der Judenstaat. „Wer von uns weiß genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillet zu verlangen? Das gibt es nicht.“
Den Traum von einem sicheren, eigenen jüdischen Staat immer im Blick, machte er sich natürlich auch Gedanken über die Sprache, die dort gesprochen werden sollte. Und hielt bei allem Idealismus Hebräisch für unrealistisch – war es doch eine Sprache, die seit Jahrhunderten lediglich als jüdische Kult- und Literatursprache, als Schriftsprache benutzt wurde. Herzl schlug vor, jeder Einwanderer solle seine eigene Sprache behalten, es solle sich ein „Sprachföderalismus“ nach dem Vorbild der Schweiz bilden.
Ben Jehuda
Doch während die Meinungen in Bezug auf die Sprachenfrage - Hebräisch, Deutsch, Jiddisch, Englisch? - unter den Zionisten in Europa weit auseinander gingen, wurden im Jischuw, der ständig wachsenden jüdischen Ansiedlung in Palästina, längst Tatsachen geschaffen.
Im Jahre 1881 war ein Mann eingewandert, der seit seiner Studienzeit überzeugt war von der Notwendigkeit der Wiederbelebung des Hebräischen, der in Palästina mit einer an Fanatismus grenzenden Hartnäckigkeit für dieses Ziel kämpfte und der als der Vater des modernen Hebräisch in die Geschichte des Landes eingehen sollte: Elieser Ben Jehuda.
Die erste hebräischsprachige Familie
Bereits bei seiner Ankunft in Palästina legte Ben Jehuda den Grundstein für die Hebraisierung seiner neuen Heimat: Er nahm seiner Braut Deborah – die gerade erst die Grundlagen der hebräischen Sprache lernte – das Versprechen ab, dass in ihrem gemeinsamen Haus niemals eine andere Sprache als Hebräisch gesprochen werden dürfe. Und tatsächlich wurden die Ben Jehudas, die fünf Kinder bekamen, die erste Familie der Neuzeit, in der ausschließlich Hebräisch gesprochen wurde.
1890 gründete Ben Jehuda zusammen mit Gleichgesinnten den „Sprachenrat“ (Wa´ad HaLaschon), den Vorläufer der „Akademie der hebräischen Sprache“. Er wurde Geschäftsführer beim Gründungskomitee der Hebräischen Universität, gab die erste hebräische Tageszeitung in Palästina heraus und war 1913/14 maßgeblich am Kampf gegen die deutsche Sprache im „Technion“, der Universität von Haifa, beteiligt.
Zu Ben Jehudas Lebenswerk wurde das erste moderne hebräische Lexikon, an dem er jahrelang arbeitete. Vollenden konnte er dieses Werk allerdings nicht mehr – erst 1959, Jahrzehnte nach seinem Tod, wurde die Arbeit abgeschlossen: Das Lexikon umfasste am Ende siebzehn Bände.
Elieser Ben Jehuda sah in der modernen hebräischen Sprache viel mehr als nur ein Kommunikationsmittel: Für ihn war sie ein nationales Symbol, eine unbedingte Notwendigkeit für die „Wiedergeburt des jüdischen Volkes“ – eine Überzeugung, der sich nach und nach viele Juden in Palästina anschlossen.
Die Etablierung des Hebräsichen
Seinen Durchbruch erlebte das gesprochene Hebräisch mit den Einwanderern der zweiten Einwanderungswelle Anfang des 20. Jahrhunderts, die die Sprache weiterentwickelten und zu einem brauchbaren Kommunikationsmittel machten. Im Jahr 1914 sprachen bereits rund vierzig Prozent der Juden Palästinas Ivrith als erste Umgangssprache, bei den zwei- bis vierzehnjährigen war es sogar mehr als die Hälfte, bei den über vierzehnjährigen gut ein Viertel.
Zu Beginn der dreißiger Jahre war Hebräisch neben der englischen und der arabischen Sprache längst offizielle Landessprache Palästinas und konnte, vor allem aufgrund eines umfassenden hebräischen Schulsystems, als einigermaßen gesichert angesehen werden.
Und heute? Heute ist es längst ganz selbstverständlich, auf Hebräisch ein Bahnbillet zu verlangen. Zumindest theoretisch, denn allzu viele Bahnen gibt es in Israel nicht.
