Die heilsame Kraft der Vergebung

Loslassen - Dörthe Huth
Loslassen - Dörthe Huth
Ein guter Weg, einen Schlussstrich unter einen unangenehmen Vorfall zu setzen, ist das Verzeihen.

Kränkungen, Demütigungen, Enttäuschungen und andere Verletzungen können tiefe Wunden hinterlassen. Das kann einen Streit mit dem Nachbarn ebenso betreffen wie einen Seitensprung des Partners oder eine völlig unbedachte Äußerung der Kollegin. Wenn eine solche Verletzung Narben hinterlässt, gärt noch lange danach die Wut in uns, die Enttäuschung, Verbitterung oder sogar Verzweiflung. Diese Gefühle sind jedoch in hohem Maße selbstschädlich. Man untergräbt den eigenen Selbstwert und verschwendet Energien auf eine Sache, mit der man eigentlich nichts mehr zu tun haben möchte.

Ein guter Weg, einen Schlussstrich unter einen unangenehmen Vorfall zu setzen, ist das Loslassen durch Verzeihen. Wer verzeiht, distanziert sich innerlich vom Geschehen und kann die Dinge mit Gelassenheit betrachten.

Die Opferrolle frisst Lebenskraft

Zwar kostet auch das aktive Verzeihen Kraft, wer aber in der Opferrolle stecken bleibt, wird seine Energien weiter auf das Leiden ausrichten. Jeden Tag an etwas zu denken, was man innerlich eigentlich abhaken und am liebsten vergessen würde, frisst Lebenskraft. Aber genau das tut man, wenn man sich immer wieder über einen anderen Menschen oder dessen Verhalten ärgert.

Selbstverständlich haben Wut, Ärger und Enttäuschung auch ihre Berechtigung im Leben. Ab und zu bedarf es auch mal einer klaren Grenze, die ansonsten vielleicht von Kollegen, Familienmitgliedern oder anderen Mitmenschen übergangen wird. Es braucht seine Zeit, Schmerz und Verlust zu verarbeiten. Allerdings kann man auch alle möglichen Gründe dafür finden, das Verzeihen hinauszuzögern und sich so selbst von Glück und Zufriedenheit abhalten. Vergebung bewirkt einen Selbstreinigungseffekt. Schon mit der klaren Entscheidung, jemandem etwas zu verzeihen, geht es einem gleich etwas besser.

Die Perspektive verändern

Für das Verzeihen ist es notwendig, einmal von der eigenen Perspektive der Betroffenheit abzurücken und zu versuchen, sich in die Lage des anderen zu versetzen. Aus seiner Sichtweise kann das Geschehen nämlich schon ganz anders aussehen. Was kann diesen Menschen wohl zu seinem Handeln veranlasst haben? War die Aktion tatsächlich gegen Sie persönlich gerichtet? War sie eventuell eine überzogene Reaktion auf Ihr Verhalten dem anderen gegenüber? War sie wirklich ein vorsätzlicher, persönlicher Angriff, eine Beleidigung o.ä.? Nicht selten haben sich die Ereignisse auch hochgeschaukelt, man selbst hat eine wie auch immer geartete Beteiligung an dem Vorfall oder war in diesem Moment der Auslöser. Häufig reicht es schon, miteinander ins Gespräch zu kommen und den Vorfall von beiden Seiten zu beleuchten. Das schafft wieder ein Verständnis füreinander.

Sich einander wieder annähern

Hat man sich entschieden, der Beziehung noch eine Chance zu geben, sollte man die offene Aussprache suchen, in der die Gefühle von Enttäuschung, Wut oder Kränkung ihren Raum finden. Das Verständnis der Beteiligten füreinander vereinfacht es, wieder auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Häufig ist der andere sehr betroffen von den Auswirkungen seines Tuns und es findet sich wieder ein gemeinsamer Weg. In einem solchen Fall geschieht das Verzeihen nebenbei. Ist dies nicht der Fall, ist dies zumindest ein deutliches Signal, dass die Beziehung von da an anders weiterläuft als zuvor gehofft.

Wie kann man wieder auf den anderen zugehen und sich einander wieder annähern? Hier einige Beispiele:

  • das offene Gespräch suchen
  • eine Grußkarte versenden
  • zum Essen einladen
  • eine SMS mit der Bereitschaft zur Versöhnung schicken
  • die Situationskomik in ein Gedicht bringen und per Mail versenden

Für sich selbst einstehen

Schwieriger ist es, wenn die Gegenseite uneinsichtig ist und vielleicht mit ihren Attacken noch weiter macht. Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Schimpfen, meckern und motzen kann befreiend wirken. Aber dauerhaft die beleidigte Leberwurst oder den Übellaunigen zu spielen, während man innerlich hofft, dass der andere doch noch irgendwann reumütig um Verzeihung bittet, kostet viel Kraft, die einem dann für die schönen Seiten des Lebens fehlt.

Wurden die eigenen Grenzen zu sehr verletzt und das eigene Recht mit Füßen getreten, sollte sich niemand scheuen, für sich selbst einzutreten. Gegen Betrug, körperliche Übergriffe oder anderen Terror kann sich jeder wehren. Dazu ist es wichtig, sich Rat und Hilfe zu holen. Manchmal braucht man einen Anwalt, einen Schiedsmann, den Betriebsrat o.ä. Stellen, die einem dazu verhelfen, dass Grenzen respektiert und gewahrt werden.

Die Schwierigkeiten als Wachstumschance begreifen

Selbst wenn wir es als sinnvoll erachten und es uns für jemanden sogar wünschen, können wir andere Menschen nicht verändern. Ansetzen kann man nur bei sich selbst. Die Dinge beispielsweise nicht so schwer zu nehmen, sich früher zu wehren oder innerlich wirklich mit einem Geschehnis abzuschließen. Einem Menschen zu verzeihen, ist eine starke Geste. Es bedeutet keinesfalls, dass man gut findet, was der andere getan hat. Aber es bedeutet, mit den eigenen unangenehmen Gefühlen abzuschließen, die damit verbunden sind und mit den Grübeleien darüber, warum und wieso er oder sie das gemacht hat.

Manche Vorkommnisse können so gravierend sein, dass man mit dem anderen keinen Kontakt mehr pflegen möchte. Dann ist es sinnvoll, sich nicht von ihm, seinen Erklärungen oder seiner Reue abhängig zu machen. Das Verzeihen funktioniert auch einseitig und wirkt dennoch befreiend. Es lässt einen wachsen und setzt wieder Energien für die schönen Seiten des Lebens frei.

Weiterführende Literatur:

  • Colin Tipping: Radikale Selbstvergebung: Liebe dich so, wie Du bist, egal was passiert. Integral 2009
  • Dörthe Huth: Lass los und werde glücklich. Südwest 2009
  • Eileen R. Borris-Dunchungstang: Verzeihen. Die 7 Schritte zur Vergebung. Pendo 2007
Dörthe Huth, privat

Dörthe Huth - Als Autorin ranken sich meine Themen rund um Körper, Geist und Seele. In den folgenden Bereichen kenne ich mich besonders gut ...

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