
- Dr. Bernhard Bueb - Wikimedia
Der am Bodensee lebende deutsche Theologe und Pädagoge Dr. Bernhard Bueb hat bei der Vortragsreihe „Königsteiner Forum“ im Taunus eine Rede gehalten, die Erziehungsprobleme und Zukunftsängste von Jugendlichen in der heutigen Zeit thematisiert.
Welche Probleme gibt es?
Bueb, der das Internat „Schule Schloss Salem“ mehrere Jahre leitete, kritisierte die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen an der Erwachsenenwelt. Durch die Informationsgesellschaft hätten sie unmittelbar Zugang zu Mammonismus, Alkoholismus, Nikotinismus und Sexualismus sowie vielerlei Erscheinungen von Gewalt. Die genannten Phänomene seien für jedes Kind über das Fernsehen und Internet zugänglich. Dadurch würde den Kindern ein falsches Bild der Realität vermittelt. Geldgier und grenzenloser Materialismus setze sich in den Köpfen der Teenager fest.
Es sind hedonistische Ansätze die Bueb vertritt, denn neben Spaß und Egoismus bleibt für Kinder nur der Wille nach Nutzenmaximierung und Kapitalorientierung. Zwischenmenschlichkeit und die Herausbildung von allgemein anerkannten Normen und Werten seien durch die Konsumgesellschaft nicht mehr möglich. Berufswahl beruhe allein auf der Höhe des Einkommens und die Formel „ICH. ALLES. SOFORT“ beschreibe doch am besten, wie Jugendliche heutzutage denken.
Düstere Prognosen
Kein Wunder, dass bei solchen Prognosen Bueb an das von der Pest verseuchte Mittelalter denkt und den damaligen Leitspruch „Carpe diem – Genieße den Tag!“ heraufbeschwört. Aber das eigentlich Schlimme für ihn sind die daraus resultierenden Zukunftsängste. Durch Arbeitslosigkeit, Materialismus, wachsende Überbevölkerung und Klimakatastrophen sorge zunehmende Sinnentleerung des Daseins für einen Verlust des Glaubens an die eigene Zukunft. Diesen Verlust gelte es wettzumachen. Für Bueb gibt es nur eine Lösung, nämlich das Selbstwertgefühl von Jugendlichen zu stärken. Grundlegende Reformen seien hierfür notwendig, angefangen bei der elementarsten Sozialisation, der Erziehung. Die Erziehung müsse für eine positive Charakterentwicklung sorgen, die durch das Erlernen von Tugenden zu erreichen sei sowie durch eine prägende Erfahrung des Glücks.
Charakterbildung als Schmiede des Glücks
Erziehung wie sie sein sollte erläuterte er am Beispiel des Internats in Salem. Dort gebe es einen Vorrang der Charakterbildung vor der akademischen Bildung. Jeder Schüler ab der zehnten Klasse muss im Dienste anderer Menschen arbeiten, etwa Schulfeuerwehr, Alten- oder Behindertenbetreuung. Diese verpflichtenden Betätigungen sorgen für erhöhte Disziplin und geben den Jugendlichen Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Gemeinsinn und Verlässlichkeit.
Ebenso stählend ist die Maßnahme, Schüler 14 Tage ohne Dach über dem Kopf in die Berge oder an einen See zu schicken. Durch die Anstrengung dieser Tage kehren die Schüler vergnügt zurück und genießen Spaß als Folge eigener Aktivität. Das Glück der Anstrengung und den Nutzen der Disziplin als selbst erlangte Tugenden, wobei die Stütze der Moral durch Strafe erlangt wird. Striktes Drogenverbot und die Androhung von Sanktionen sorgen für gemeinsame Enthaltsamkeit.
Es beginnt bei den Lehrkräften
Bueb plädiert folglich für Ganztagsschulen nach dem Salemer Vorbild. Doch aller Anfang beginnt mit den Lehrern. Aus- und Fortbildungen, Arbeitsbedingungen und vor allem die Anerkennung der Lehrer ist essentiell für bessere Erziehungsbedingungen. Kinder und Jugendliche müssen einen Menschen im Lehrer erkennen, der nicht nur pädagogisch agiert, sondern auch bei Freizeitaktivitäten und gemeinschaftlichen Beschäftigungen Anwesenheit zeigt. Ein Arbeitsplatz bis 17 Uhr, der aus ideologischen Gründen gewählt wurde, mache die Verbeamtung überflüssig.
Außerdem brauchen auch Lehrer Führung. Dies geschehe durch Kontrollen, damit sie nicht isoliert und autonom handeln können. Weiter rät Bueb, diese Kontrollen durch Schülerevaluation und Rücksprachen mit den Schulleitern zu vollziehen, wobei Schulleiter ebenfalls umfunktioniert werden sollen, durch klar definierte Führungspositionen innerhalb der Schulen. Lehrer, als Dreh- und Angelpunkt aller Reformen, denen positive Aufmerksamkeit geschenkt wird und die wieder Freude am Beruf verspüren sollen – nur so sind die Probleme der Schulen und unseres Bildungssystems zu lösen.
