
- Die Morgenzeitung - in Japan unverzichtbar - Günter Havlena / pixelio.de
In Japan ist die hohe Mediendichte und der hohe Medienkonsum auffällig – gleich mehrere Tageszeitungen erreichen Millionenauflagen. Die „Großen Drei“, Yomiuri Shinbun, Asahi Shinbun und Mainichi Shinbun, stehen an der Spitze der Weltrangliste der auflagenstärksten Zeitungen, aber auch die Wirtschaftszeitungen Nihon Keizai Shinbun und Sankei Shinbun sowie die überregionalen Blockzeitschriften erreichen Auflagen in Millionenhöhe. Vergleichbare westliche Qualitätszeitungen, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Le Monde oder The Times, erreichen gerade einmal Auflagen von knapp einer halben Million; amerikanische Blätter, wie die New York Times oder das Wallstreet Journal, knacken nur aufgrund ihrer großen Reichweite die Million. Wie entstand das Zeitungswesen in Japan und wie hat sich so erfolgreich entwickelt?
Die Anfänge des Zeitungswesen in Japan
In Japan ist die Presse eine vergleichsweise junge Einrichtung – sie entstand erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Flugblätter, die als Vorläufer der Zeitung über aktuelle Ereignisse berichteten, sogenannte kawaraban (Ziegeldrucke), gab es bereits zu Beginn der Edo-Zeit (1603-1868). Eine Presse im heutigen Sinne entstand zum Ende der Edo-Zeit, als sich Japan nach Jahrhunderten der Isolation zum Westen öffnete; die sogenannte Meiji-Restauration führte zu einer Vielzahl politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Als erste japanischsprachige Zeitung gilt die Kaigai Shinbun. Sie wurde 1865 von dem japanischstämmigen Amerikaner Joseph Heco herausgegeben. Sie enthielt jedoch nur Übersetzungen von Artikeln ausländischer Zeitungen. Eine eigenständige japanische Pressekultur entwickelte sich mit Unterstützung der Regierung ab 1868. Die Regierung sah Journalisten in der Zeit des politischen Umbruchs als flankierende Stütze der politischen Aufklärungsarbeit. Es kam jedoch bald zu Konflikten zwischen Presse und Politik. 1869 reagierte die Regierung auf diese potenzielle Gefahr, indem sie ein strenges Pressegesetz erließ, das eine Vorzensur vorsah.
Die ersten Tageszeitungen
Als erste Tageszeitung Japans erschien 1871 die Yokohama Mainichi Shinbun. In den 1870er und 80er Jahren wurde die Tagespresse von politischen Parteien und ihren Organen geprägt. Diese politischen Meinungsblätter hießen ôshinbun, „große Zeitungen“, und richteten sich an die politische Elite. Zeitgleich entwickelten sich die koshinbun, die „kleinen Zeitungen“, die eher kommerziell ausgerichtet waren. Inhaltlich brachten sie weniger Politik und dafür mehr gesellschaftliche Themen. Sie waren außerdem einfacher geschrieben und billiger als die „großen Zeitungen“. Entsprechend hatten sie eine höhere Auflage und sind die Vorläufer der Massenpresse. Wichtige Vertreter sind die Asahi Shinbun (gegründet 1879), Mainichi Shinbun (1882), beide Ôsaka, und Yomiuri Shinbun (1879), Tôkyô.
Einflussreiche Faktoren: Kriege und Erdbeben
Wichtige Ereignisse in der frühen Entwicklung des Pressewesens waren der chinesisch-japanische Krieg (1894/95) und der russisch-japanische Krieg (1904/05). Die Medien verloren einen Teil ihrer journalistischen Freiheiten, stießen aber aufgrund der Kriegsberichterstattung auf ein hohes Leserinteresse und konnten so ihre Auflagen erhöhen. Inhaltlich führte dies jedoch zu einer Uniformisierung: unkritische, nationalistisch gesinnte Berichterstattung verkaufte sich am besten. Der wirtschaftliche Aufschwung nach den Siegen brachte zudem ein größeres Anzeigeneinkommen mit sich. In dieser Zeit wurden Tageszeitungen zu florierenden, kommerziellen Medienunternehmen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bildete sich zudem die nationale Presse heraus. Begünstigt durch das Kantô-Erdbeben vom 01.09.1923 expandierten Asahi Shinbun und Mainichi Shinbun von Ôsaka aus in die Kantô-Region, wo viele Verlagshäuser beschädigt oder zerstört waren.
Shôriki Matsutarô revolutioniert die japanische Zeitung
Das japanische Pressebild der 1920er und 30er Jahre war inhaltlich jedoch nicht von der Asahi Shinbun oder Mainichi Shinbun geprägt, sondern von der Yomiuri Shinbun: Shôriki Matsutarô, damals Präsident der Yomiuri Shinbun, revolutionierte die japanischen Zeitungen. Er gestaltete die Zeitung familienfreundlicher, indem er den Schwerpunkt auf Unterhaltung setzte, und führte neue Rubriken, zum Beispiel für das neue Medium Radio, ein. Maßgeblich für das heutige Zeitungswesen war ebenfalls die Strategie der Yomiuri Shinbun, Sport- und Kulturveranstaltungen zu organisieren und anschließend über diese zu berichten. Vom reinen Beobachter wurde die Zeitung somit zum Initiator gesellschaftlicher Ereignisse. Dies gipfelte in der Gründung des professionellen Baseballteams Tôkyô Giants – heute noch ein Zugpferd der Yomiuri Shinbun.
Die Zeitung vor und während des zweiten Weltkriegs
Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit China ab 1938 und der Ausbruch des Pazifischen Krieges 1941 führten zu einer rigorosen staatlichen Pressezensur. Sie war jedoch kaum notwendig, da der national geprägte Konsens in der Gesellschaft auch die meisten Journalisten einschloss. Kritische und kleinere Blätter wurden unter dem Vorwand eingestellt, dass Papier zu knapp sei. Zeitungen waren als Propagandamedium unentbehrlich, so dass man sie nicht verbieten konnte – durch die Konzentration auf wenige Zeitungen war es leichter, die Zeitungen zu kontrollieren; zudem wurden sie wirtschaftlich stabiler. Ein radikaler Konzentrationsprozess der japanischen Presse fand statt. Dieser fand seinen Höhepunkt in dem Motto „Eine Zeitung pro Präfektur“ (ikken isshi). Wurden 1938 noch 759 Tageszeitungen veröffentlicht, so waren es 1942 nur noch 54.
Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg
Die Besatzungszeit hatte nur einen vergleichsweise geringen Einfluss auf das japanische Zeitungswesen. Die bisherigen Zeitungen konnten anders als in Deutschland weiterbestehen, da die Besatzer die Zeitungen zur Demokratisierung nutzen wollten. Im September 1945 wurde der Press Code erlassen, der ab Oktober zur Grundlage der Zensur der Tagespresse wurde. Die Presse der Großstädte und die neue Nachrichtenagentur Kyôdo Tsushinsha wurden einer Vorzensur unterzogen; auf regionaler Ebene fand nur eine Nachzensur statt, da die Zeitungen von Kyôdo mit Nachrichten beliefert wurden. Die Zensur wurde 1948 wieder abgeschafft. Ausschlaggebend für die heutige Zeitungslandschaft war also nicht die Besatzungszeit, sondern der Konzentrationsprozess der Presse während des Krieges: Zum Ende der Besatzungszeit war die Zeitungslandschaft geprägt von der Dualstrutkur starker Regionalzeitungen und der omnipräsenten nationalen Blättern – eine Wettbewerbssituation, die sich bis heute nicht geändert hat.
Quellen & weiterführende Literatur:
- Michael Muzik: Presse und Journalismus in Japan. Yomiuri Shimbun – die auflagenstärkste Zeitung der Welt. Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien, 1996.
- Marc Löhr: „Zeitungmachen in Japan - Historische Entwicklung und gegenwärtige Tendenzen“ in: Hilaria Gössmann und Franz Waldenberger (Hg.). Medien in Japan. Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Hamburg, 2003.
