Am 20. Oktober 1682 wurde Anna Höß als Tochter des Leinewebers Mathias Höß und seiner Frau Luzia in Kaufbeuren / Ostallgäu geboren. Die Familie Annas litt unter großer materieller Not; dennoch waren die Eltern hochangesehene, fromme Bürger der Stadt. Sehr früh verspürte Anna das Bedürfnis, in das Kloster der Franziskanerinnnen einzutreten und ihr Leben in den Dienst Gottes zu stellen. Beim Gebet in der Klosterkirche vor dem Bildnis des gekreuzigten Heilands soll sie dessen Stimme vernommen haben: "Hier wird deine Wohnstatt sein. " Mehrere Jahre bemühte sich Anna um eine Aufnahme, die ihr aber wegen der fehlenden Mitgift - in der damaligen Zeit zwingende Voraussetzung für den Eintritt in ein Kloster - mehrmals verwehrt wurde. Erst ein Immobiliengeschäft mit dem protestantischen Bürgermeister Andeas Wörle von Wörburg, der Anna und ihre Familie sehr schätzte, bewog die Oberin Maria Theresia Schmid 1703 wohl unter dem Druck des Provinzials, Anna Höß als Novizin aufzunehmen. Anna nahm den Ordensnamen Crescentia, "die Wachsene", an. Vermutlich wegen der verletzten Eitelkeit der Oberin wurden der zarten, damals schon kränklichen Crescentia in der Folgezeit entwürdigende körperliche und seelische Prüfungen auferlegt, die sie aber, dem Gehorsamsgebot verpflichtet, gemäß ihrem Leitspruch "Im Gehorsam finde ich Gott, was will ich denn sonst noch mehr!" demütig ertrug. Als dann 1716 die bisherige Oberin von Schwester Johanna Altwöger abgelöst wurde, endete die 13-jährige Leidenszeit der jungen Ordensfrau.

Crescentias hürdenreicher Weg zur Oberin

Die neue Oberin, die Crescentia sehr zugetan war, ernannte diese 1717 zur Novizenmeisterin, ein einflussreiches Amt, das Crescentia gut zwei Jahrzehnte ausübte. Das unerschütterliche Gottesvertrauen Crescentias, ihr mitfühlender, liebenswürdiger Umgang mit ihren Mitmenschen und ihre ausgeprägten intuitiven, seherischen Fähigkeiten machten die Schwester bald über Kaufbeuren hinaus bekannt. Bedürftige und Wohlhabende fanden gleichermaßen mit ihren Sorgen und ihrem Leid bei ihr Gehör und wurden offen und ehrlich beraten oder liebevoll getröstet. Bis in die höchsten Kreise des Landes verbreitete sich der Ruf Crescentias als weise Ratgeberin. So wird berichtet, dass beispielsweise Kurfürst und Erzbischof Clemens August von Köln - einer der einflussreichsten Männer des Reiches - und die Kurfürstin Amalia von Bayern nach Kaufbeuren gereist sind, um sich Crescentia anzuvertrauen. Im Klosterarchiv befinden sich über 70 Briefdokumente, unter anderem von König August von Sachsen und den Kaiserinnen Wilhelmine Amalie und Maria Theresia. Im Jahr, so berichtete Schwester Crescentia in einem Brief vom 10. Juli 1737 an das Dreifaltigkeitskloster in München, habe sie oft über 800 Briefe zu beantworten. 1741 wurde Crescentia Höß schließlich einstimmig zur Oberin gewählt. Gesundheitlich stark beeinträchtigt, erwies sie sich in dieser Zeit als Förderin von Literatur, Musik und bildender Kunst und verbesserte zugleich durch kluges Wirtschaften die finanzielle Lage des Klosters deutlich. Sie verfasste selbst religiöse Gedichte, und ihr "Lied von der Liebe Gottes" wurde sogar in die Sammlung Achim von Arnims "Des Knaben Wunderhorn" aufgenommen. Am 5. April 1744, einem Ostersonntag, starb Crescenta Höß nach längerer Krankheit.

Crescentias Selig- und Heiligsprechung

Bereits1744 veranlasste Papst Benedikt XIV.eine Untersuchungskommission, den Seligsprechungsprozess einzuleiten. Nachdem aber, bedingt durch das Gedankengut der Aufklärung, der Säkularisation und des Kulturkampfs, der spatbarocken Volksfrömmigkeit zunehmend Skepsis entgegengebracht wurde, verzögerte sich die Seligsprechung immer wieder. Erst am 7. Oktober 1900 erklärte Papst Leo XIII. Crescentia Höß vor Gott und der Welt als Selige.

Zahlreiche Gebetserhörungen und die ungewöhnliche Popularität Crescentias bewirkten, dass der Augsburger Diözesanbischof Dr. Viktor Josef Dammertz am 10. Juni 1998 den kanonischen Prozess für die Heiligsprechung Crescentias in Gang setzte. Im Vorfeld hatten bereits Postular Dr. Andrea Ambrosi und Vizepostular Dr. Karl Pörnbacher in Rom das Verfahren vorbereitet. Voraussetzung für eine Heiligsprechung ist die erfolgte Seligsprechung,ein herausragender, gottgefälliger und vorbildlicher Lebenswandel sowie ein Martyrium oder alternativ der Nachweis eines Wunders. Im Falle Crescentias musste ein Wunder nachgewiesen werden, das sich 1986 ereignet haben soll: An einem Wehr in Kaufbeuren waren zwei Mädchen ertrunken, nachdem sie sich 35 bis 40 Minuten unter Wasser befunden hatten. Eines der Mädchen verstarb, das andere Kind, dessen Eltern im Kloster Schwester Crescentia mit den Worten "Helft uns mit Eurem Gebet!" angerufen hatten, erwachte nach wochenlangem Koma ohne gesundheitliche Schädigung. Am Heiligsprechungsprozess waren Anwälte, Gutachter und fünf Ärzte über zwei Jahre beteiligt, mit dem Ergebnis, dass die Kommission einstimmig erklärte, die Heilung des Mädchens sei medizinisch nicht erklärbar. Ein Gremium von sieben Theologen und eine dritte Kommission aus 15 Kardinälen stimmten 2000 dem Votum der Mediziner einstimmig zu. Daraufhin verkündete Papst Johannes Paul II. am 25. November 2001 die Heiligsprechung von Crescentia Höß.

Die hl. Crescentia war eine pragmatische, weltoffene Leiterin ihrer Ordensgemeinschaft und Charismatikerin (1) zugleich; sie stand so in der Tradition eines Charismabegriffs der Urkirche, wie ihn August Frenzen in seiner "Kleinen Kirchengeschichte" beschrieben hat: "Das Amt stand nicht im Gegensatz zum Charisma, das von Gott zu besonderen Dienstleistungen verliehen war. Oft begegnen wir Amtsträgern, die zugleich Charismatiker waren; und umgekehrt wurden Charismatiker mit der Leitung einer Gemeinde betraut. Schließlich war Petrus selbst Pneumatiker (2) und Charismatiker, dabei nüchtern und sachlich genug, um zu wissen, dass seine neugegründeten Gemeinden eine aufmerksame, realistische und amtlich-autoritative Leitung nötig hatten."

(1) Charisma ( griech. ): göttliche Gnadengabe, Berufung

(2) Pneumatiker ( griech. ): vom Geist ( Hauch ) Gottes Getriebener

Quellen

  • Karl Pörnbacher: "Crescentia Höß begegnen" St. Ulrich Verlag, 2001
  • Karl Pörnbacher: "Die hl. Crescentia von Kaufbeuren", Kunstverlag Josef Fink, 2002
  • Sr. M. Franciska Stahl, Sr.M. Irene Schlegel: "Lebensspuren, Glaubensspuren", Bauer Verlag, Thalhofen, 1999
  • August Franzen: "Kleine Kirchengeschichte", Herder-Bücherei, Band 237/238, Freiburg im Breisgau