Die Hyperbel als Figur im Diskurs

Je nach (Kon-)Text funktionieren Hyperbeln anders - Frederik Weitz
Je nach (Kon-)Text funktionieren Hyperbeln anders - Frederik Weitz
Häufig wird die Übertreibung nur als eine Figur der Rhetorik dargestellt. Im Diskurs übernimmt sie aber bestimmte ideologische Funktionen.

Klassischerweise nutzt man Listen mit rhetorischen Figuren dazu, um diese dann in einem Text zu identifizieren. Keine der Figuren kann jedoch gedeutet werden, wenn man nicht den Kontext und vor allem die Effekte einer Figur beachtet. Zwar können hier nicht alle diese Effekte vorgestellt werden, doch Sie erfahren hier wichtige Hinweise für die Interpretation und Kritik.

Aufmerksamkeit und Vereinheitlichung

Die Hyperbel übertreibt. Wenn jemand löwenstark genannt wird, wird damit die Aufmerksamkeit des Zuhörers auf die Kraft einer Person gelenkt. Natürlich hängt das auch davon ab, ob die betreffende Person sich aufmerksam machen lässt. Als Tendenz kann man jedoch sagen, dass die Hyperbel verdeutlicht. Zugleich ist die Hyperbel eine Auswahl einer bestimmten Eigenschaft. Ein Mensch ist ja nicht nur löwenstark, sondern eventuell auch gutmütig, trinksüchtig, humorvoll und anderes mehr. Die Hyperbel lässt diese Eigenschaften beiseite und vereinheitlicht und simplifiziert dadurch.

Beispiel: esoterisches Wissen

Diese Vereinheitlichung muss deshalb so genau beachtet werden, weil sie die Grundlage für Konflikte, Kriege und Hierarchien bilden kann. So schreibt Friedrich Scholz in seinem esoterischen Werk "Die Spielregeln des Lebens": "Die Wissenschaft gibt uns Antworten auf unsere Fragen. Sie erscheint allwissend und allmächtig." (Seite 6) - Natürlich beantwortet die Wissenschaft auch Fragen. So vereinfacht lässt sich allerdings Wissenschaft nicht beschreiben. Hier wird eine Tätigkeit hervorgehoben, indem andere wissenschaftliche Tätigkeiten weggelassen werden.

Zum anderen redet der Autor fast ständig von der (einen) Wissenschaft, als ob nicht bereits Physik und Mathematik sich teilweise stark unterscheiden, geschweige denn Soziologie oder Jura. Der Autor übertreibt durch Weglassen und Vereinzelung und legt damit den Grundstein, sein esoterisches Wissen als bessere Alternative anzupreisen.

Beispiel: "Die Juden sind unser Unglück."

Diese rhetorische Strategie gerät verdächtig in die Nähe von rassistischen, sexistischen und antisemitischen Aussagen, wie zum Beispiel im berühmt-berüchtigten Spruch Treitschkes: "Die Juden sind unser Unglück." Selbst wenn Unglück keine Leerformel wäre, so sind es doch mit Sicherheit nicht alle Juden. Durch die hyperbolische Formulierung wird hier eine Kriegsfront legitim gemacht und der eine Gegner mit der eindeutigen Wirkung etabliert; es sei denn, die Figuren werden kritisiert und ihre Wirkung offen gelegt.

Hyperbel und sinnliche Tatsachen

Hyperbeln können sich nicht auf sinnliche Tatsachen beziehen. Ein Baum ist grün oder er ist es nicht. Ein Hund hat vier Beine; daran gibt es nichts zu übertreiben. Wenn aber sinnliche Tatsachen nicht hyperbolisch dargestellt werden können, was dann? Die naheliegende Antwort sind Werte. Ein Mensch kann eifrig sein oder übereifrig; ein Essen kann geschmackvoll oder himmlisch sein. Immer bezieht sich aber die Hyperbel auf eine Wertschätzung. Auch das himmlische Essen bezieht sich nicht direkt auf den Geschmack, sondern nur über den Umweg eines Wertes.

Ein häufiges Problem bei der Interpretation von Hyperbeln ist, dass sinnliche Tatsachen nicht genügend von wertschätzenden Zuweisungen unterschieden werden. Ein Mensch kann sich bewegen; er kann Akten durchblättern und Anmerkungen machen; er macht dies mit 17 Akten an einem Tag. Doch all dies sind noch faktische Beschreibungen. Dagegen ist es eine Wertschätzung, wenn jemand sagt, dieser Mensch sei eifrig.

Perspektivismus: die Hyperbel im Diskurs I

Wertschätzungen sind ein Ausdruck einer Vorliebe oder Abneigung. Damit verweisen sie auf einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen und auf Charaktereigenschaften und Motivationen. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen einer Charaktereigenschaft und einer Wertschätzung nur undeutlich. Bezeichnet jemand einen Morgen als "wundervoll", so ist dies zwar wertschätzend, doch welche Eigenschaft können wir dem Menschen zuschreiben, der sich so äußert? Diese Unsicherheit wird dadurch verursacht, dass Menschen nicht auf die gleiche Weise eine Eigenschaft besitzen, wie sie zum Beispiel blondes Haar haben. Blondes Haar ist sinnlich fassbar, während Charakterzüge nur interpretiert werden können. Diese sind ebenfalls Wertschätzungen. Man kann jedoch sagen, dass eine Wertschätzung, auch eine übertreibende, immer auf eine Perspektive verweist und zunächst sagen: der Mensch hat diese oder jene Vorlieben.

Kriegszustand und doppelte Hierarchie: die Hyperbel im Diskurs II

Perspektiven unterschiedlicher Menschen sind unterschiedlich und führen im Miteinander zu Kontrasten, Brüchen, Widersprüchen. Hyperbeln dienen auch dazu, diese Kontraste zu verdeutlichen oder sogar zu Konflikten zu verschärfen. Der bereits oben zitierte Autor Scholz schreibt in seinem Buch: "Wenn es zu zentrale Fragen des Lebens geht ..., erschöpft sich die Wissenschaft in langatmigen Erklärungen, die sinngemäß in einen Satz gefasst lauten: "Wir wissen es nicht." (Seite 6f.)

Mit solchen Übertreibungen wird vom Autor ein Kriegszustand etabliert, der das "Urwissen" als ein unterdrücktes, geheimes Wissen einführt. Dieses Wissen könnte, so suggeriert der Autor, wirklich helfen. Doch die Wissenschaft hat anscheinend kein Interesse an wirklicher Hilfe und den Mächtigen ist die Unterdrückung nur billig. So wird eine doppelte Hierarchie aufgebaut: das Urwissen ist besser als das wissenschaftliche Wissen, wird aber unterdrückt und verdrängt, weil es machtloser ist. Ebenso argumentieren Neonazis mit dem "besseren" deutsche Wesen, das von dem "jüdischen" Finanzmonopol "unterdrückt" werde.

Wert und Legitimation: die Hyperbel im Diskurs III

Werte und Normen lassen sich nicht in der Natur finden. Sie werden gesellschaftlich "ausgehandelt" und tradiert. Ihnen fehlt damit ein naturhaftes Wesen und eine faktische Kraft, die ein Stein, ein Baum, ein Stück Brot besitzen. Werte und Normen müssen sich legitimieren. Eine Strategie der Legitimierung ist die Übertreibung. Sie setzt einem Wert einen übertriebenen und - wie oben gezeigt - oft einseitigen anderen Wert entgegen. Dadurch bekommt der besser klingende eigene Wert seine Legitimation, wenn auch nur scheinhaft.

Zur Interpretation von Figuren im Diskurs

Figuren dürfen nicht einfach nur identifiziert werden. Eine Hyperbel ist nicht nur zur Legitimation von Werten da; in einem ironischen Kontext kann sie genau gegensätzlich eingesetzt werden und Werte erschüttern. Man lese nur die wunderbare Paraphrasierung aus "Asterix. Das Geschenk Cäsars", in dem Methusalix sagt: "Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden sind nicht von hier.", womit er einen berüchtigten Satz von Treitschke überarbeitet. Beim Interpretieren muss man in den Kontext der sprachlichen Äußerung eindringen. Gerade wenn es um rhetorische Mechanismen geht, ist es wichtig, das Netzwerk der Tropen in ihrer Struktur zu beleuchten, in ihrer Stellung zueinander.

Links

Literatur

  • Friedrich Scholz: Die Spielregeln des Lebens. 12 Gesetze, die unser Schicksal lenken. Weilersbach 2011
Frederik Weitz, Frederik Weitz

Frederik Weitz - "Ich denke gern." hat der französische Philosoph Michel Foucault mal gesagt. Das ist zwar nicht mein einziges Lebensmotto, aber ...

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