
- Hyperbel: eine vielfältige rhetorische Figur - Frederik Weitz
Die Hyperbel ist zunächst eine recht einfache rhetorische Figur. Sie übertreibt eine "Tatsache" und stellt sie dadurch witzig oder ironisch dar. Beleuchtet man allerdings nur den Grundmechanismus der Hyperbel, die reine Übertreibung, verpasst man wesentliche Aspekte der Interpretation. Im Folgenden sollen zunächst die Figur und verwandte Figuren vorgestellt werden. In zwei weiteren Artikeln werden die diskursiven Effekte der Hyperbel und zwei spezielle Formen der Hyperbel beleuchtet.
Definition der Hyperbel
Die Hyperbel ist nicht einfach nur eine Übertreibung, sondern eigentlich eine Übertreibung der Bejahung. Das griechische Wort hyperbolé bedeutet eigentlich 'jenseits des Ziels' oder 'weit über das Ziel hinaus'. Ein typisches Beispiel für eine Hyperbel findet sich im Matthäus-Evangelium: "Blinde Führer seid ihr: Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele." (Mt. 23,24) Ein anderes Beispiel sei aus Elfriede Jelineks "Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft" zitiert: "freitag um 4 fühlen wir uns so glücklich & frei. das ist alles was sie können. sie wiederholen es immer wieder wie die idioten." (Seite 7) Typische Hyperbeln sind mit metaphorischen Wendungen verknüpft, zum Beispiel "blitzschnell" oder "er war ein Sack voller Sünden".
Ähnliche Figuren I: Understatement
Das Understatement ist die "gegensätzliche" Figur zur Hyperbel. Sie wird manchmal auch Untertreibung genannt. "Ich habe doch nur gemacht, was nötig war." wäre ein Beispiel, das einem Feuerwehrmann während des 11. Septembers zugeschrieben wird, der drei Frauen gerettet haben soll. Indem er die Bedeutung seiner Tat herabspielt, untertreibt er. Eine besondere Spielart des Understatement wird durch eine doppelte Verneinung ausgedrückt: "Sie war nicht unhübsch." (Robert Walser) Solche Wendungen klingen geziert und manieristisch; sie bedeuten oftmals das Gegenteil ("Sie war besonders hübsch.")
Ähnliche Figuren II: Klimax und Anti-Klimax
Der Klimax ist die Figur der Steigerung. Sie ist meist dreiteilig, damit vom ersten zum zweiten und vom zweiten zum dritten Teil die Bewegung deutlich wird: "Herr W. bat, bettelte, flehte." "Frau S. versprach Steuersenkungen bei der Ehre ihres Amtes, von Deutschland und Gott." Der Klimax kombiniert, so könnte man sagen, zwei hyperbolische Ausdrücke zu einem ersten Ausdruck. Der Anti-Klimax kehrt die Reihenfolge des Klimax um, stellt also eine Abschwächung dar: "Wie freudig rannten, gingen, schlichen wir der Schule entgegen." Beide Figuren lassen sich ebenfalls in ironischen Kontexten finden.
Ähnliche Figuren III: Pejorativ
Das Pejorativ ist ein abwertender Ausdruck: "Sie war ein Garten der Unzucht."; "Das ist kein Hotel. Das ist ein Loch." Obwohl das Pejorativ auch ohne deutlichen hyperbolischen Bezug auskommen kann, findet man diesen eigentlich immer darin. Das Schimpfwort "Arschloch" ist zunächst eine Gleichsetzung mit einem (als unhygienisch angesehenen) Körperteil. Weil diese Gleichsetzung zugleich eine Vereinfachung, eine Reduktion darstellt, spitzt sie den Charakter eines Menschen auf eine bestimmte Eigenschaft zu. Das Pejorativ beleidigt durch eine Vereinfachung; diese ist zugleich eine Zuspitzung.
Ähnliche Figuren IV: hyperbolische Metapher
Übertreibungen findet man häufig in Kombination mit einer metaphorischen Wendung. Jemand ist "schnell wie ein Blitz" oder "stark wie ein Löwe", gazellenflink oder schweinehässlich. Auch Metaphern werden häufig als eine Auswahl und Hervorhebung einzelner Eigenschaften gelesen. Beide Figuren finden sich in schwärmerischen Texten, etwa Liebesromanen oder hyperreligiösen Schriften. Ironisch gebrochen nutzt Robert Walser diese: "Das Glück ging mir mit Tanzschritten voran. Solch schönen Tag dachte ich nie erlebt zu haben." (Walser, Gesammelte Werke Band 17, Seite 18)
Ähnliche Figuren V: Oxymoron
Zunächst bezeichnet diese Figur einen absurden Gegensatz oder eine gegensätzliche Fügung, die unsinnig erscheint, wie zum Beispiel "hübschhässlich" oder "heißkalt"; im weiteren Sinne kann sie auch die kontrastierende Wertung bezeichnen, wie zum Beispiel die berühmten Schlussworte aus dem Faust I: "Sie ist gerichtet." - "Ist gerettet." Das oben zitierte Beispiel aus dem Matthäus-Evangelium kontrastiert Mücken und Kamele. Allerdings ist der Spruch aus dem Evangelium so metaphorisch, dass er weniger als Gegensatz, sondern als doppelte Übertreibung in zwei einander gegenüberliegende Richtungen gelesen werden muss.
Rhetorische Figuren und diskursive Deutung
Figuren wie die Hyperbel, aber auch jede andere Figur, lassen sich nur im Kontext interpretieren. Moderne Philosophen wie zum Beispiel Jacques Derrida, Paul deMan oder Judith Butler haben gezeigt, dass die Identifikation einer rhetorischen Figur ("Dies ist eindeutig eine Metapher!") zu vereinfachenden, reduzierenden Lesarten führt. Ob zum Beispiel eine Hyperbel ironisch oder persuasiv (zur Überzeugung)eingesetzt wird, lässt sich durch die Identifikation garnicht sagen, sondern nur aus dem Kontext erschließen.
Weiterführende Links
Literatur
- Jelinke, Elfriede: Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft. Reinbek bei Hamburg 1972
- Link, Jürgen: Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. München 1993
- Walser, Robert: Gesammelte Werke, Band 17. Frankfurt am Main 1987
