
- Abendmahl - Dieter Schütz / pixelio.de
Begegnet dem Menschen in jungen Jahren das erste Mal die Bibel, zum Beispiel im Konfirmations- oder Religionsunterricht, so mag die altertümliche Sprache vielleicht etwas abschreckend wirken. Gewiss, man kennt die Weihnachtsgeschichte, die 10 Gebote und andere "populäre" Geschichten. Der tiefere Sinn erschliesst sich aber erst, wenn dem Leser bewußt ist, wie die Bibel gelesen, interpretiert und verstanden werden kann.
Welche Interpretation: historisch, heilsgeschichtlich oder spirituell ?
Konrad Dietzelfelbinger liefert in seinem Buch "Die Bibel" eine erste Einführung in die Kunst der Interpretation. Man kann das christliche Buch wie eine Sammlung von historischen Geschichten sehen, die einst passierten. Der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, die Geburt Jesu oder anderes. Ein tieferer Sinn - gewissermaßen die Metaebene - bleibt dem Leser dann aber verschlossen.
Die heilsgeschichtliche Interpretation
Die Texte der Bibel können als eine Botschaft gelesen werden, die uns von einem höheren Wesen - Gott - überbracht worden ist. Das Volk Israel etwa mußte in Ägypten unter dem Pharao leiden. Im 2. Buch Mose, Kapitel 3 wird Mose von Gott dazu berufen, die Israeliten aus Ägypten heraus und in ein Land zu führen, in dem "Milch und Honig" fliessen. Das 2. Buch Mose ist nach dieser Interpretation eine Heilsgeschichte: alle Unterdrückten und Leidenden sollen auf einen Menschen warten, der sie befreit. Problematisch an dieser Art der Deutung ist jedoch die Passivität, zu der sie aufruft. Denn ein leidender Mensch muss ja dann nichts oder zumindest nicht viel tun. Irgendwann wird schon ein Mensch kommen, der ihn aus seinem Gefängnis - ganz gleich wie es aussieht - befreit. So bezeichnet Dietzelfelbinger die "heilsgeschichtliche Interpration" als Sperre zum Zugang der Bibel.
Die "spirituelle" Auslegung
Für Konrad Dietzelfelbinger ist die "spirituelle" Auslegung die Interpretation, die den Kern der Bibel offenbart. Die Geschichten, Gleichnisse und Texte der Bibel können als eine "Darstellung zeitloser, für jede Gegenwart und alle Ebenen des Lebens gültige Lebensgesetze" bezeichnet werden (S.18). Er spricht auch von "seelisch-geistigen Gesetzen" (S.19).
Die psychologische Interpretation
Unter "Psychologie" versteht man herkömmlicherweise die Lehre vom Erleben und Verhalten des Menschen. Sie beschreibt also die inneren und äußeren Zusammenhänge im menschlichen Denken, Fühlen und Verhalten. Und in der Tat: sieht man das Volk Israel im übertragenen Sinne als das eigene Ich, welches in schweren Sorgen, Nöten und seelischen Krankheiten gefangen ist ("Ägypten"), wird nur etwas von ausserhalb diesen Zustand beenden können, symbolisiert durch Mose, auf welches man sich einlassen muß. Der Zustand des "Gefangenseins" in einer psychischen Erkrankung kann zum Beispiel nur durch eine Psychotherapie beendet werden.
Die Personen, Geschehnisse und Orte der Bibel
Die Protagonisten der Bibel, ihre Orte und überhaupt das Geschehen können als Verkörperung der inneren Vorgänge im Menschen, das aus Denken und Fühlen besteht - und seine äußeren Auswirkungen gedeutet werden. Aus diesem Grund ist die "spirituelle" Auslegung eine "psychologische". Die Texte der Bibel beschreiben allgemeingültige Zusammenhänge, die aus dem menschlichen Denken und Fühlen resultieren.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn
Im Lukasevangelium wird die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt (Lukas 15). Der Jüngere von zwei Söhnen bittet seinen Vater um Auszahlung seines ihm zustehenden Erbes. Er zieht daraufhin in die weite Welt und verprasst das Geld. Als armer Mann kommt der jüngere Sohn zum Vater zurück und beichtet seine Sünden. Nun könnte erwartet werden, dass der Vater der Sohn verstößt. Aber genau das Gegenteil passiert: er empfängt ihn freudig mit offenen Armen und den Worten: "Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden." Welches Lebensgesetz könnte hier gemeint sein ?
Der Mensch kehrt in sein "wahres" Leben zurück
Jedes "Ich" kann sich verirren. Sucht, Kriminalität oder anderes selbstschädigendes Verhalten kann den Menschen in den finanziellen oder gesundheitlichen Ruin treiben. Eine dauerhafte Abkehr von diesem Verhalten bedeutet ein neues, selbstbestimmtes Leben, welches der Vater symbolisiert. Die freudige Aufnahme des "verlorenen" Sohnes verkörpert die Tatsache, dass eine Wiederkehr in das normale Leben gelingen wird.
Die Bibel als Grundlage des christlichen Glaubens
Neben den allgemeingültigen Lebensgesetzen überbringt die Bibel eine zusätzliche wichtige Botschaft. Es gibt einen Gott, der den Menschen trotz aller Sünden bedingungslos liebt, ganz gleich welcher Herkunft er ist.
Quelle: Konrad Dietzelfelbinger, Die Bibel, München 2001
