
- Italiener - La Repubblica
„Wir lieben Italien – nur schade, dass dort Italiener leben“. Mit diesen Worten hat der französische Historiker Pierre Milza in einem Interview mit der Mailänder Tageszeitung „La Repubblica“ die Stimmung einer großen Mehrheit seiner Landsleute gegenüber Italien und den Italienern skizziert. Dies Urteil konkretisierte er Ende Oktober 2011 mit dem Hinweis, viele seiner Landsleute setzten die Italiener heutzutage in immer stärkerem Maße gleich mit dem römischen Regierungschef Silvio Berlusconi.
Das schlechte Image des „Belpaese“
In Italien hat es für große Aufmerksamkeit und Aufregung gesorgt, wie – mit breitem Grinsen – Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy am Rande des jüngsten Brüsseler Euro-Gipfels in einer Pressekonferenz auf die Frage reagiert hatten, für wie seriös sie römische Sparpakete zur Euro-Rettung hielten. Dies „beredte“ Grinsen hat Wellen geschlagen an Tiber und Po. Denn hier wurde es interpretiert nicht allein als eine „gelinde Ironie“ – wie die Zeitungen schrieben – gegenüber dem Regierungschef, sondern eine gegenüber dem Land. Das hat eine breite Diskussion ausgelöst über die Rolle Italiens im europäischen Gefüge – über die Jahrhunderte. Das „Bild des Belpaese“ im Ausland ist im Inland zum Thema geworden.
Schon König Vittorio Emanuele wurde karikiert
In der Tat, die kleinwüchsigen, füchsigen, überschlauen und zugleich feigen Italiener waren seit langen Jahrzehnten Gegenstand der Karikatur. Das begann offenbar schon mit der Staatsgründung vor 150 Jahren: Eine zeitgenössische englische Karikatur beispielsweise zeigt einen riesigen Menschen in französischer Uniform, der gelangweilt nach unten schaut und eine qualmende Zigarre in der Hand hält. Und vor ihm zappelt, den Säbel wütend schwingend ein kleines Männchen mit Königskrone. Schnauz- und schmaler Kinnbart, die Krone dazu, weisen den erbärmlichen „Gartenzwerg“ mit seinen nicht ernst zu nehmenden Drohgebärden unschwer als den italienischen König Vittorio Emanuele aus. Was korrespondiert mit dem in eine Frage gekleideten bösen Witz: „Wie sieht die italienische Kriegsflagge aus? – Weißes Kreuz auf weißem Grund“. In anderen Karikaturen über die Jahrzehnte hinweg werden die Italiener immer wieder als ein lustiger, aber keinesfalls ernst zu nehmender Harlekin dargestellt.
Berlusconi bedient manches Klischee
Beide Klischees bedient nach Ansicht vieler Menschen im europäischen Ausland der amtierende Ministerpräsident Berlusconi. Viele seiner Drohgebärden, vor allem in der Innenpolitik, sind Luftblasen; den Harlekin macht er sowieso, nicht nur im Privatleben in seiner Mailänder Villa Arcor. Das wird in Italien selbst immer wieder aufgespießt, mit der spitzen Feder des Karikaturisten. Berühmt geworden ist beispielsweise ein Bildchen des Karikaturisten Ellekappa, veröffentlicht in „La Repubblica“: Es zeigt Berlusconi, dem einer in die Genitalien getreten hat. Der klappt logischerweise wie ein Taschenmesser zusammen und streckt somit das Hinterteil raus. Die knappe und zugleich beredte Unterschrift zur Karikatur: „Bunga bunga“.
„Wie ein dummer Schulbub behandelt“
Solchen Spott aus ausländischer Feder, solche Spitzen aus ausländischem Mund indessen wollen die Italiener nicht zulassen. Das Grinsen von Merkel und Sarkozy auf der Pressekonferenz in Brüssel wurde auf der Apennin-Halbinsel gedeutet als Affront nicht gegen den Regierungschef, sondern gegen das Land. Wenn dann noch, wie in Brüssel geschehen, unter der Federführung der Deutschen und der Franzosen Ultimaten an die römische Regierung gestellt werden, kurzfristig umfassende Strukturreform in die Wege zu leiten und zunächst binnen drei Tagen entsprechende Vorschläge zu unterbreiten, werden die Römer muffig. Und sie scharen sich plötzlich wieder um den Regierungschef, der eigentlich auf dem absteigenden Ast ist. Er werde „wie ein dummer Schulbub behandelt“ („mi hanno trattato come uno scolaretto“), hatte er geklagt. Und postwendend rüffelte Staatspräsident Giorgio Napolitano, früher einmal Kommunist und heute wahrlich kein Freund des Ministerpräsidenten, die anderen Europäer: Es sei reichlich unpassend, solcherart, auch in der drängenden Wortwahl, von außen in italienische Politik eingreifen zu wollen.
In der italienischen Öffentlichkeit werden Merkel und Sarkozy mittlerweise verknappt nur noch „Merkozy“ genannt.
Ergänzende Informationen: La Repubblica (in italienischer Sprache)
