In der spirituellen Vielfalt Indiens, findet der mit seinen Sinnen Reisende die Kraft und Faszination vor welche diese Nation ausmacht. Hinduismus als Begriff wird zu oft über das vor Spiritualität strotzende Land gestülpt. In ihren Bedeutungen reduziert bleiben Islam, Christentum, Sikhismus oder Jainismus. An die viereinhalb Millionen Menschen folgen der Religion des Jainismus. Eine Religion, die der Buddhismus als Reformbewegung gegen das erstarrte brahmanische Kastenwesen auf dem indischen Subkontinent entstanden ist.

Kurze Religionsgeschichte

Im sechsten Jahrhundert vor christlicher Zeitrechnung, verließ der Religionsgründer Mahavira Heim und Familie und entschloss sich als nackter Asket weltlicher Abhängigkeit zu entsagen. Ihm wurde der Ehrentitel eines Jina zuteil, eines Siegers, welcher Grundlage für die Bezeichnung dieser Religion wurde. Geistige Führer dieser Religion werden als Furtbereiter bezeichnet und Mahavira ist der vierundzwanzigste und letzte unter ihnen. Ähnlichkeiten in seiner Geschichte mit dem Buddha drängen sich auf. Beiden gehörten der Kriegerkaste an, den Ksatriyas, verließen ihre Familie und ihr Heim um aller Weltlichkeit zu entsagen und standen in Widerstand zu den Strukturen der strengen vedischen Kastenkultur. Durch das Gebot der absoluten Rücksicht auf jedes Leben, ist es Jainas nicht gestattet in Berufen tätig zu sein welche Lebewesen Leid zufügen. Man trifft daher vorwiegend in kaufmännischen Berufen oder im Schmuckgewerbe auf Angehörige dieser Religion. Nicht selten gelangten sie zu Wohlstand und Ansehen in der Gesellschaft. Einen nicht unerheblichen Anteil des Erwirtschafteten, wenden Jainas für Gestaltung und Bau ihrer Heiligtümer auf.

Beseelte und Unbeseelte Welt

Für Jainas teilt sich die Welt in Dinge die beseelt und in solche welche unbeseelt sind. Die Konsequenz daraus ist, wie schon erwähnt, dass sie nur Tätigkeiten ausüben die mit unbeseelten Dingen zu tun haben. Keiner lebenden Existenz soll Leid angetan werden. Keine lebende Kreatur soll unter ihrem Tun leiden. Das Leiden entsteht nach Vorstellung des Jainismus durch die Verbindung der Seele mit Materie. Die Seele entartet auf diese Weise und muss immer wieder durch den mühsamen Kreislauf der Wiedergeburten wandern. Jaina-Asketen versuchen durch rigoroses Fasten bis zum Tode diesen Kreislauf zu beschleunigen um schneller das Paradies zu erlangen. In diesem finden sie dann die alles umfassende Seligkeit in der keine Emotionen vorherrschen. Auch Mahavira der letzte Furtbereiter und Gründer, fastete sich zu Tode um schneller die Welt der Nicht-Körperlichkeit zu erreichen.

Mönchen und Nonnen begegnet man oft mit Mundschutz und kleinem Besen. Der Mundschutz um kleine Insekten nicht versehentlich einzuatmen, der Besen um vor dem Hinsetzen kleine Tiere zu entfernen. Als Shvetambaras werden weißgekleidete Mönche und Nonnen bezeichnet und als Digambaras männliche luftbekleidete Mönche. Das sind jene Mönche die nackt durch die Lande ziehen, nur mit Waschschale und einem Palmwedel ausgestattet. Ihr Essen als Almosen nehmen sie mit den Händen und nicht über die Schale.

Architektur

Beträchtliche Summen ihres Vermögens verwenden Jainas für Bau und Erhalt ihrer Heiligtümer. Über die Jahrhunderte entstanden eindrucksvolle Bauwerke und Kulturdenkmäler. Im südindischen Karnataka nahe der Stadt Hassan liegt Sravanabelagola. Ein kleines Städtchen über der eindrucksvoll die Statue des Gomateshvara thront. Gomateshvara ist ein Sohn des ersten Furtbereiters gewesen, der sich nach dem siegreichen Kampf gegen seinen Bruder um das Erbe in die Meditation zurückzog. Er gelangte zur Erlösung seiner Seele und betrachtet man den Gesichtsausdruck, so spiegelt sich diese in Stein wider. Um dem über siebzehn Meter empor ragendem Gomateshvara jedoch so nahe zu kommen müssen 620 Stufen überwunden werden. Vorbei an Stätten der Verehrung für einige Furtbereiter und einem sich ständig erweiternden Blick auf Sravanabelagola. Sich Zeit nehmen, den Gomateshvara betrachten und den Blick auf Sravanabelagola genießen.

Im nördlicher liegendem Bundesstaat Maharashtra trifft der Reisende auf die von Oben nach Unten in Stein gehauenen Höhlen von Ellora. Ungefähr dreißig Kilometer von Aurangabad entfernt, haben sich Buddhisten, Hindus und später Jainas sakral verewigt. Von den Jainas errichteten Höhlen sind Mahavira gewidmet und mit Geschichten aus dessen Leben ausgestaltet. Ein Besuch im Fort von Jaisalmer in Rajasthan führt zu Jaintempeln die in der Zeit zwischen dem zwölften und fünfzehnten Jahrhundert erbaut wurden. Diese imposante Festung nahe der pakistanischen Grenze darf auf keiner Rundreise durch diesen Bundesstaat Indiens fehlen. Vor dem Rückflug ab Delhi steht mit Sicherheit eine Stadtbesichtigung auf dem Reiseplan. Neben Rotem Fort, Jama Masjid, Lotus Mahal und der Gandhi Gedächtnis Stätte, ist ein Besuch in dem von Jainas geführtem Vogelspital eine nette touristische Attraktion.

Quellen:

  • Reise Know How, Indien, der Süden, 3. akt. Auflage, Martin und Thomas Barkemeier
  • Die großen Götter Indiens, 2004, Hans Wolfgang Schumann