
- Juden an der Klagemauer - Carsten Raum / pixelio.de
Mit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christi, der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands 135 nach Christi und der Auslöschung des Namens Judäa wurde aus den Juden ein Volk ohne staatliches Wesen. Schon vorher hatten viele Juden außerhalb Palästinas gelebt, doch mit der Vernichtung der Provinz Judäa erreichte die Diaspora (Zerstreuung) eine neue Dimension. Nun war das ganze jüdische Volk heimatlos. Fast 2000 Jahre sollten sie durch die Weltgeschichte irren, waren sie auf das Wohlwollen anderer Völker angewiesen, wurden sie verfolgt und gedemütigt. Doch sie vergaßen nie ihre Wurzeln, verloren nie ihre Identität. Sie hörten nicht auf, ein Volk zu sein - eine großartige Leistung, die in der Geschichte einzigartig ist.
Das Judentum in der Spätantike
In den ersten Jahrhunderten nach der Vernichtung ihrer Heimat lag der Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Mesopotamien. Unter der Herrschaft der Parther erreichten die Juden großen Einfluss und konnten diesen auch behaupten, als die persischen Sassaniden an die Macht kamen. Sie unterstützen diese, als sie Vorderasien eroberten und gingen gegen die dort lebenden Christen vor. Nachdem der byzantinische Kaiser Herakleios 623 nach Christus die Gebiete wieder zurückerobert hatte, rächte er sich an den Juden mit fürchterlichen Pogromen. Einige Jahrzehnte später eroberten und islamisierten die Araber den Vorderen Orient. Die Juden wurden eine geduldete Minderheit.
Jüdische Gemeinden ließen sich nach und nach auf dem gesamten Gebiet des römischen Imperiums nieder. Schon im ersten Jahrhundert nach Christi siedelte eine jüdische Kolonie auf der Iberischen Halbinsel, wo sich das Judentum über 1000 Jahre lang teils unbehelligt entwickeln konnte. 1492 nach Christus wurden die Juden aus Spanien und später auch aus Portugal vertrieben. Ab dem vierten Jahrhundert kann eine jüdische Gemeinde in Köln nachgewiesen werden. Auch in anderen Städten am Rhein dürften sich um diese Zeit welche niedergelassen haben. Die Lage der Juden verschlechterte sich allgemein, als das Christentum römische Staatsreligion wurde. Neben Zeiten des friedlichen Miteinanders zwischen Juden und Christen gab es immer wieder Phasen der Gewalt und der Verfolgung.
Nachdem ein Großteil der Juden aus der Region Palästina vertrieben und ihre kulturelle Grundlage zerstört worden war, lebte das Gebiet in der Spätantike wieder auf. Unter oströmischer Herrschaft wurde es als Heiliges Land der Christen gefördert, ein großer Teil der Bevölkerung christianisiert. Diese Zeit wurde kurz von den Sassaniden unterbrochen und endete 638 nach Christus, als die Araber in Palästina einfielen und Jerusalem eroberten. Etwa 100 Jahre später war ein Großteil der Bevölkerung zu Islam konvertiert. Christen und Juden wurden zu einer Minderheit.
Die Juden zur Zeit der Kreuzzüge und danach
In Palästina, insbesondere in Jerusalem, kam es immer wieder zu Übergriffen der muslimischen Herrscher gegen Juden und Christen sowie zur Zerstörung der heiligen Stätten. Dies führte schließlich zu den Kreuzzügen ins Heilige Land. 1099 wurde Jerusalem von den Kreuzrittern erobert und das Königreich Jerusalem ausgerufen. Gleichzeitig machte sich in Europa eine Stimmung gegen alle Nichtchristen, allen voran gegen die Juden, breit. In Europa und in Palästina kam es zu Judenverfolgungen. 1187 wurde Jerusalem von den Muslimen zurückerobert. Palästina blieb fortan unter muslimischer Dominanz mit kleinen jüdischen und christlichen Minderheiten. In Europa hielt die antijüdische Stimmung auch nach der Zeit der Kreuzzüge an. Als die Pest ausbrach wurde den Juden vorgeworfen, sie hätten Brunnen vergiftet und so die Seuche verursacht. Ein anderes Mal wurden sie des Hostienfrevels bezichtigt oder es wurde behauptet, sie hätten einen Ritualmord an christlichen Knaben begangen. Immer öfters wurden sie in Ghettos gesperrt. Die anhaltenden Verfolgungen veranlassten viele Juden, aus West- und Mitteleuropa nach Osteuropa auszuwandern. Vor Verfolgung waren sie auch hier nicht sicher.
Zu Beginn des Mittelalters waren die Juden häufig Kaufleute, Steuereinnehmer, Goldschmiede oder Ärzte und hatten nicht selten wichtige Positionen inne, am Ende des Mittelalters waren sie meist abgesondert, verarmt und in Gettos gesperrt. Doch trotz aller Verfolgung hatten sie sich ihre Identität und ihre Religion bewahren können, es entstand sogar eine eigene jüdische Kultur, unverwechselbar und doch immer ein Teil jener Kultur in der sie lebten. In Deutschland entwickelte die jiddische Sprache, in Spanien das Ladino und in Marokko das Judäo-Berberisch. Jüdische Musik entstand und jüdische Witze haben nach wie vor ihren eigenen Humor (ganz im Gegensatz zum plumpen Juden-Witz).
Vom Antijudaismus zum Antisemitismus
Judenfeindlichkeit war Teil der europäischen Geschichte vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit. Brutale Verfolgung, Vertreibung und Neuansiedelung wechselten einander ab. Die Vorurteile gegen das Judentum prägten sich tief in der Bevölkerung ein. Besonders in Osteuropa mussten sie in bitterer Armut leben, was ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Auswanderungswelle nach Übersee führte. In der islamischen Welt wurden die Juden zwar auch unterdrückt, Verfolgungen wie in Europa gab es jedoch kaum. Viele Juden siedelten nach ihrer Vertreibung aus Spanien und Portugal Ende des 15. Jahrhunderts im Osmanischen Reich.
Im Zeitalter der Aufklärung büßten die antijüdischen Vorurteile an Überzeugungskraft ein. Um weiterhin gegen sie vorgehen zu können, wurden die Juden deshalb immer öfter als minderwertige Rasse dargestellt. Nicht mehr ihre religiöse Überzeugung galt als verachtenswert, sondern das Volk schlechthin. Aus Antijudaismus wurde Antisemitismus. Die Brutalität im Vorgehen gegen die Juden erreichte in den antijüdischen Pogromen in Russland zur Wende zum 20. Jahrhundert ihren vorläufigen - im Holocaust ihren endgültigen Höhepunkt.
Die Ausschreitungen in Russland Ende des 19. Jahrhunderts weckten bei den Juden erstmals grenzüberschreitend den Wunsch nach einer eigenen Heimat. Erste Auswanderungswellen nach Palästina setzten ein. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war sich, noch unter dem Eindruck des Holocausts, beinahe die ganze Welt darüber einig, dass den Juden endlich wieder ein eigener Staat geschaffen werden müsse. Die Zeit der großen Diaspora neigte sich dem Ende.
