„Dornröschen wird gerade wach geküsst“. So begann in den Tagen der Fußball-Europameisterschaft eine Reportage von Spiegel online über die ukrainische Stadt Lwiw, in Österreich und besonders in Deutschland besser bekannt unter dem Namen Lemberg. Hier hatte die deutsche Nationalelf ihr Eröffnungsspiel gegen Portugal auszutragen, und Tausende deutscher Fußball-Touristen strömten in die Mauern der Stadt. „Dornröschen wurde wach geküsst“; und die Frage war nicht unberechtigt, ob es vielleicht ein kalter Kuss war, der aus einem Alptraum erweckte. Einem Alptraum, der 70 Jahre währte. Was gemeint ist, sagen die Historiker in einem Satz: „Im Verlauf der deutschen Besatzung im Jahr 1941 wurden 110.000 bis 120.000 Lemberger Juden von den Besatzern ermordet.

Die Stadt wurde systematisch „judenfrei“ gemacht

In den Tagen dieser Fußball-Europameisterschaft, deren Austragungsorte in Polen (Auschwitz) und der Ukraine (beispielsweise Lemberg) lagen, musste dem deutschen Touristen einiges schwer im Magen liegen. Doch Erinnerungen wurden weithin ausgespart; sieht man einmal davon ab, dass eine DFB-Abordnung mit Kapitän Philipp Lahm dem Vernichtungslager Auschwitz einen Besuch abstattete. Dann kam das erste Spiel an einem Ort, den Spiegel-Autor Helge Bendl mit den emphatischen Worten umkränzte: „Noch immer die Schönste im ganzen Lande“, weil, wie der Autor weiß, „außer einer von den Nazis zerstörten Synagoge die Stadt total erhalten blieb“. Außer der Tatsache, dass sie zu Anfang der 1940er Jahre zunächst vom sowjetischen NKWD, dann von nationalistischen ukrainischen Milizen in unheilvollem Zusammenspiel mit deutschen Besatzern – der so genannten Einsatzgruppe C, der Geheimen Feldpolizei, Gebirgsjägern, SS-Einheiten – zu einem Großteil entvölkert wurde. Entvölkert von rund 110.000 bis 120.000 Juden. Es gibt, im Internet nach wie vor zu sehen, einen 25 Minuten dauernden Film der „Deutschen Wochenschau“ aus 1941, der zeigt Kämpfe deutscher Truppen im Osten und Bilder, wie in Lemberg bärtige orthodoxe Juden zusammengetrieben wurden. Ihr Schicksal kann der Betrachter erahnen.

Massenmorde im Sommer 1941

In der kühlen Darstellung der Internet-Enzyklopädie Wikipedia heißt es zu all dem: „Infolge des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 kam es zu mehreren Massenmorden in der bis Kriegsbeginn zu Polen gehörenden, zwischenzeitlich aber von der Sowjetunion okkupierten Stadt Lwiw (Lemberg). … Alle diese Ereignisse lassen sich unter dem Begriff Massenmorde im Sommer 1941 in Lemberg zusammenfassen“.

Siebenmal die Staatsbürgerschaft gewechselt

Lemberg – das Zentrum Galiziens. Wenn man darauf verweist, werden ältere Deutsche wohl hellhörig; denn die galizischen Juden, das waren für die Nazis die schändlichsten von jenen, die unter dem Davidsstern standen. Was sagt Spiegel online dazu: „Das 20. Jahrhundert war in Galizien sehr turbulent“. Und dann wird im Schnell- oder Stechschritt die Geschichte durchmessen: “In 100 Jahren wechselten die Menschen ihre Staatsbürgerschaft ganze siebenmal. Lemberg gehört einst zu Österreich-Ungarn und war – Glanz und Gloria inklusive – nach Wien, Budapest und Prag die viertwichtigste Metropole der Habsburger Monarchie. 1918, zum Ende des Ersten Weltkriegs, wurde hier die Westukrainische Republik gegründet, doch bald danach übernahm Polen. Später kamen im Zweiten Weltkrieg Russlands Truppen, danach Hitlers Wehrmacht. Nach der Kapitulation Deutschlands geriet die Stadt wieder unter sowjetische Herrschaft – und ist heute Teil der unabhängigen Ukraine“.

Auch Minister Oberländer unter Verdacht

In Warschau, nicht in Lemberg, erinnert eine Gedenktafel an die systematische Ermordung von 45 Lemberger Professoren in der Nacht vom 3. zum 4. Juli 1941 durch die Gestapo. Beteiligt war das ukrainische Bataillon Nachtigall unter der Stabführung des späteren Bundesvertriebenenministers Theodor Oberländer. Er war in der DDR im Jahr 1960 in Abwesenheit als „Mörder von Lemberg“ verurteilt worden. Im Westen wurde ergebnislos gegen ihn ermittelt.