Die Judenpogrome des ersten Kreuzzuges

Anti-jüdische Ausschreitungen in den rheinischen Städten

Städte, in denen Juden starben - Christian Peitz
Städte, in denen Juden starben - Christian Peitz
Die ersten Massenmorde während des ersten Kreuzzuges gab es nicht im Heiligen Land. Zu den ersten Opfern der Kreuzfahrer gehörten stattdessen die rheinischen Juden.

Die rheinischen Juden waren von ihren französischen Glaubensbrüdern gewarnt worden. Doch am Rhein war man zuversichtlich. Angst habe man keine, wolle aber fasten, um das Böse abzuwenden, schrieben die rheinischen Gemeinden im Januar zurück.

Es begann damit, dass Gottfried von Bouillon das Kreuz mit dem Schwur genommen hatte, er wolle das Blut Christi am Blut der Juden rächen. Doch Kaiser Heinrich IV. verschickte auf Bitten des Mainzer Oberrabbiners Briefe mit der Aufforderung, die Juden zu schützen. Daraufhin beteuerte Gottfried, die Juden in Ruhe zu lassen. Dennoch schenkten ihm die jüdischen Gemeinden in Köln und Mainz je 500 Mark Silber, um sich seinen Schutz zu erkaufen.

Peter der Einsiedler predigt Hass auf die Juden

Das eigentliche Problem entstand, als der Wanderprediger Peter der Einsiedler am 12. April 1096 begann, seine Pilgerschar in Köln zu sammeln. Viele seiner Anhänger waren der Meinung, dass man die weite Reise ins Heilige Land gar nicht auf sich nehmen müsse, um die Heiden mit dem Schwert zu bekehren, denn die Heiden säßen ja vor der eigenen Haustür. Es kam zu ersten Ausschreitungen gegen die jüdische Gemeinde.

Um Übergriffe zu verhindern, gaben die Kölner Juden Peter ein Schreiben mit, in dem sie ihre Glaubensbrüder aufriefen, die "Pilger" mit Lebensmitteln zu versorgen. Am 20. April verließ Peter mit 20.000 Anhängern Köln. Zwei weitere Gruppen, geführt von den Priestern Folkmar und Gottschalk, brachen ebenfalls Ende April auf.

Zu Ostern erreichte der Trupp Peters des Einsiedlers Trier. Zwar forderten seine Leute von den Juden nur Verpflegung, doch hinterließ Peters Durchzug im gesamten Umland eine antijüdische Stimmung.

Speyer – der Sturm am Rhein bricht los

Am schlimmsten wütete ein kleiner Graf, Emicho von Leiningen. Er brach im späten Frühjahr des Jahres 1096 mit 10.000 Mann von seinem Stammsitz im Hunsrück auf. Emicho behauptete, Gott selbst habe ihm das Kreuz ins Fleisch gebrannt. Im Gegensatz zu den Haufen, die Peter, Folkmar und Gottschalk anführten, bestand seine Schar aus kampferprobten Männern.

Am 3. Mai fiel Emicho mit Unterstützung vieler Bewohner der Stadt über die jüdische Gemeinde in Speyer her. Der Plan, die Synagoge während des Gottesdienstes zu umstellen, misslang, denn die Gemeinde hatte Bischof Johann I. rechtzeitig um Hilfe gebeten. Johann regierte Speyer mit starker Hand. Unter militärischem Schutz ließ er die meisten Speyerer Juden in seinen Palast geleiten. So ihres Zieles beraubt, begannen Emichos Männer, das Judenviertel zu verwüsten. Elf auf der Straße aufgegriffene Juden wurden erschlagen. Andere entgingen dem Tod nur, indem sie sich taufen ließen. Eine junge Frau, die an ihrem Glauben festhielt, beging Kiddusch-ha-Schem, Selbstmord zur Heiligung des göttlichen Namens.

Doch Johann setzte dem Treiben von Emichos Haufen ein schnelles Ende. Seine Truppen warfen alle aus der Stadt. Es gelang ihnen sogar, einige der Mörder gefangen zu nehmen. Johann machte ihnen den Prozess und ließ ihnen die Hände abhacken.

Worms und Mainz

Emicho zog weiter nach Worms, wo er am 18. Mai ankam. Er bewegte sich angesichts des eigentlichen Ziels Jerusalem also in die falsche Richtung. Offenbar war ihm das Töten von Juden wichtiger geworden. In Worms war die Stimmung gegen die Juden schon angeheizt. Einige Bewohner der Stadt hatten behauptet, die Juden hätten eine Frau ertränkt und ihre Leiche gekocht, um mit dem Sud die Brunnen zu vergiften.

Wie in Speyer flüchteten die meisten Juden in den Palast des Bischofs. Dieser, Albrand, ließ sich den Schutz teuer bezahlen. Aber der Bischof war nicht Herr der Lage. Am 23. Mai stürmten Emichos Männer, verstärkt durch viele Einwohner von Worms, Albrands Palast. Dort verloren zwischen 400 und 800 von ihnen ihr Leben.

Zwei Tage später erreichte Emicho Mainz. Auch Erzbischof Ruthard versuchte, die Juden zu schützen, war aber ebenso machtlos wie Albrand. Wieder hieß es nur „Tod oder Taufe", wieder begingen viele Juden Kiddusch-ha-Shem. Zwischen 1.000 und 1.200 Menschen starben bei dem Massaker. Oberrabbiner Kalonymos fand mit 62 Glaubensbrüdern Zuflucht im Dom, von wo aus Ruthard sie nach Rüdesheim bringen ließ. Doch schon am 1. Juni erklärte er, sie nur schützen zu können, wenn sie sich taufen ließen. Stattdessen brachten sich die Männer gegenseitig um.

Köln und Trier

Am 30. Mai langte Emicho in Köln an. Da die Juden bei befreundeten Bürgern Zuflucht gefunden hatten, zerstörten Emichos Truppen die Häuser im Judenviertel und die Synagoge. Am 3. Juni evakuierte Erzbischof Hermann III. von Hochstaden die Juden in umliegende Städte, wo sie von den Kreuzfahrern aber ebenfalls aufgespürt und getötet wurden.

Am 29. Juni erreichte ein zweiter Schub von „Pilgern“ Trier. Ein paar von Emichos Leuten hatten sich in Mainz abgesetzt. Noch bevor die Kreuzfahrer die Stadt erreichten, begingen viele Juden rituellen Selbstmord. Der Rest der Gemeinde floh in den Palast von Bischof Egilbert. Dieser hielt eine Rede, um sein Volk zu beschwichtigen, teilte den Juden aber mit, dass ihre einzige Hoffnung in der Annahme des christlichen Glaubens bestünde. Unterstützung fand Egilbert beim Gesetzeslehrer Micheas. Er bewegte die Gemeinde zur Taufe.

Eines weiteren Zieles in Trier beraubt, zogen die Kreuzfahrer nach Metz. 22 Opfer hatte die dortige Gemeinde am Ende zu beklagen. Emicho selber hatte sich inzwischen nach Jerusalem gewandt.

Anti-Judaismus, nicht Antisemitismus

Insgesamt forderten die Judenpogrome im Rheinland über 4.000 Opfer. Der Schutz, den die Bischöfe den Juden gewähren sollten, hatte überall dort versagt, wo die Stellung des Bischofs als Stadtherr nicht gefestigt war. Der Anti-Judaismus, der sich in den Jahren nach l096 entwickelte, hatte nichts mit dem Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts gemeinsam, denn er war nicht rassistisch, sondern hauptsächlich religiös begründet. Hier wurde der Keim gelegt, dem später die Vorwürfe der Ritualmorde, der Kindesopferung und der Hostienschändung entspringen sollten. Sie führten zu den Judenerlassen von Papst Innozenz III., in denen den Juden unter anderem das Tragen des Judenhutes befohlen wurde, und schließlich zur Ausweisung der Juden aus den meisten Gebieten West- und Mitteleuropas.

Lesetipps

Jewish Encyclopedia, die Englische Übersetzung der Encyclopaedia Judaica von Nahum Goldmann (Hrsg.), Berlin 1928-1934.

Steven Runciman: Geschichte der Kreuzzüge, München 1995.

Sara Schiffmann: Die deutschen Bischöfe und die Juden zur Zeit des ersten Kreuzzuges, Zeitschrift für die Geschichte der Juden, 1931 (2), S. 233-250.

Christian Peitz, Sabine Peitz

Christian Peitz - Schon fast mein ganzes Leben begleiten mich Modelleisenbahnen und ihre Vorbilder. Speziell die Zeit der Dampfloks hat es mir in Vorbild ...

rss