"Die Jungenkatastrophe. Das überforderte Geschlecht"

Dexter Jackson - Local Fitness
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Auf der Suche nach Identität geraten Jungen oft in den Teufelskreis von Verweigerung und Rebellion. Einen Ausweg hieraus zeigt das Buch von Frank Beuster.

Forscher schlagen Alarm. Immer mehr Jungen in Deutschland sind unreif, schon mit kleinen Aufgaben völlig überfordert und gewalttätig. Anstatt mit guten Noten machen sie lieber mit Schule schwänzen auf sich aufmerksam. Oder mit Prügeleien, Rauchen und Alkohol- und Drogenkonsum. Hinzu kommen unübersehbare Mängel sowohl bei den intellektuellen Fähigkeiten als auch im ganzen Sozialverhalten. Zwar ist dies alles nicht neu. Dennoch dürften aber nur die Wenigsten wissen, was die Gründe für diese Entwicklung sind. Genau hier setzt "Die Jungenkatastrophe. Das überforderte Geschlecht" an. Das Buch will Antworten geben auf Fragen wie z.B.: Warum fällt es vielen Jungen so schwer, den Übergang vom Jugendlichen zum jungen Mann vernünftig zu bewältigen? Warum eskalieren Streitereien zwischen Jungen - früher meist nur harmlose Raufereien - so oft zu brutalen Gewaltexzessen? Wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Männliche Bezugspersonen verzweifelt gesucht

Nach Ansicht von Beuster sind die Probleme in der Sozialisation von Jungen vor allem einem Umstand geschuldet: dem Fehlen einer männlichen, vorbildlichen Bezugsperson. Dies betrifft meistens Scheidungswaisen, die fast immer bei ihren Müttern aufwachsen. Wenn sie als Alleinerziehende keinen männlichen Parner haben, erleben Jungen eine "Feminisierung ihrer Lebenswelt". Dies gilt besonders, da auch in der Grundschule der Anteil an weiblichen Lehrern in der Regel deutlich überwiegt. Fehlt jetzt auch noch Zuhause dauerhaft ein gleichgeschlechtliches Gegenüber, ist die Gefahr groß, dass Jungen zu wenig in ihrem männlichen Selbstsein bestärkt werden. In ihrer Art und Weise, wie sie die Welt erleben. Wie sie ihre Interessen ausleben möchten. Mit Kämpfen, Raufen, körperlichem Kontakt, spielerischem Kräftemessen. Dafür haben Frauen jedoch meistens kaum Verständnis. Deshalb reagieren sie stark mit Verboten. Als Ergebnis soll so eine tiefe Verunsicherung in der Sozialisation von Jungen entstehen. Angesichts von 2,4 Mio. alleinerziehenden Frauen in Deutschland sieht Beuster hier ein Problem mit gigantischen Ausmaßen.

Unheilvolle Faszination der Gewalt

Fehlen also direkte Vorbilder in ihrem familiären Umfeld sind Jungen besonders empfänglich, sich an anderen "Bezugspersonen" zu orientieren. Harte Männer, coole Typen, wie sie Kino und Fernsehen vorführen, genießen zwar allgemein ein hohes Ansehen. Als Objekt der Identifikation taugen sie jedoch nicht. Wer wenig spricht, keine Gefühle zeigt, dafür umso mehr auf Gewalt setzt, um Konflikte zu lösen, mag als Kinoheld erfolgreich sein. Im richtigen Leben ist diese Strategie zum Scheitern verurteilt. In diesem Zusammenhang erinnert Beuster an schreckliche Verbrechen. So erschoss 1999 ein 16-Jähriger in Bad Reichenhall zuerst vier Menschen, dann sich selbst. 2002 erschoss der 18-Jährige Robert Steinhäuser 16 Menschen an seiner alten Schule, bevor er Selbstmord beging (S. 208). Ergänzend ist hier auch auf den Amoklauf von Winnenden (2009) hinzuweisen, bei dem zunächst 15 Menschen getötet wurden. Anschließend beging der jugendliche Täter, 17 Jahre alt, Selbstmord. So wenig diese Taten aber zu verallgemeinern sind, müssen sie aber dennoch als erschütterndes Alarmsignal sehr ernst genommen werden. Dies gilt besonders, da nach Beuster immer mehr und immer jüngere Jungen zunehmend auch immer brutalere Straftaten begehen. Allerdings wäre es falsch, von der Kriminalisierung einer ganzen Generation von Jungen zu sprechen, da "über 90 Prozent der Jungen...im öffentlichen Leben nicht als straffällig auffallen." (S. 212)

Was ist zu tun?

Angesichts dieser Situation fordert Beuster nicht weniger als ein allgemeines Umdenken im Hinblick auf die Bedürfnisse von Jungen. Darunter versteht er eine Art Gesamtkonzept, das Eltern, Lehrer und Erzieher bis hin zu den Jugendämtern gemeinsam tragen sollen. Ziel ist es, schon vorbeugend Einfluss zu nehmen, noch ehe Jungen mit Verhaltsauffälligkeiten Hinweise darauf geben, dass sie sich in einer schwierigen Situation befinden. Eltern und Lehrer sollten daher sehr aufmerksam auf eine Überforderung bei Jungen achten. Allgemeine Unlust, schlechte Noten in der Schule, wenig soziale Kontakte können Zeichen sein für eine tief empfundene Verunsicherung. Kommt dann noch ein zunehmender Rückzug vom sozialen Leben hinzu, die Flucht in Scheinwelten wie Internet und Videospiele, sollten dringend Gespräche geführt werden, was eigentlich los ist.

Grundsätzlich empfiehlt Beuster, dass die Eltern den intensiven Kontakt zu ihren Kindern suchen. Damit wird die familiäre Verbundenheit bestärkt und das Vertrauen zu den Kindern gefördert. Gleichzeitig sollten Verhaltensweisen vermittelt werden wie Höflichkeit, Respekt und gutes Benehmen. Wichtig ist auch das Setzen von sinnvollen Grenzen. Diese müssen dann aber auch durchgesetzt werden. Hilfreich ist außerdem, die Einbindung von Jungen in Vereine. Gemeinsame Erfolgserlebnisse und stabile soziale Beziehrungen etwa beim Sport, Musizieren, den Pfadfinern oder der Feuerwehr scheinen sehr sinnvoll zu sein, um den Männern von morgen die Findung der eigenen Identität zu erleichtern. Entscheidend ist offenbar die positive Bestätigung des eigenen Verhaltens bei sinnvollen Tätigkeiten durch das Umfeld. Die große Bedeutung von Erfolgserlebnissen und sozialen Beziehungen zeigt auch ein interessantes Beispiel aus Dänemark. Dort verlangt die Jugendhilfe von den Eltern "schwieriger Jungen", ihre Söhne verbindlich in Sportvereinen bzw. ähnlichen Einrichtungen anzumelden (S. 310).

Frank Beuster: Die Jungenkatastrophe. Das überforderte Geschlecht, 3. Auflage 2007, Rowohlt, Reinbek. 8,90 Euro.