Ein Ehepaar reitet von einem Jahrmarkt nach Hause, als es wie aus dem Nichts von mehreren wilden Gestalten angegriffen wird. Die heftige Gegenwehr des Mannes zeigt zwar Erfolg, doch noch ehe er den Angreifern entkommen kann verliert seine Frau das Gleichgewicht und stürzt zu Boden. Augenblicklich wird die Bedauernswerte von den Gestalten getötet und wie ein Stück Vieh ausgeweidet. Der Mann kann entkommen und informiert die Behörden von dem grauenhaften Überfall.
Bluthunde spüren einen wahrhaft höllischen Ort auf
Unter der höchstpersönlichen Leitung des entsetzten Königs James IV bricht ein vierhundert Mann starker Suchtrupp samt Bluthunden auf, dem Treiben ein Ende zu setzen. Denn: Der Mord war nicht der Erste in dieser Gegend. Schon viele Einwohner sind in den letzten Jahren spurlos verschwunden. Vergebens durchwühlen die Männer die Umgebung. Doch plötzlich nehmen die Hunde Witterung auf und führen ihre Besitzer zu einer versteckt gelegenen Höhle, die ihnen ohne die Tiere wohl auf ewig verborgen geblieben wäre.
Der Anblick, der sich der Suchmannschaft bietet, spottet jeder Beschreibung und lässt an Höllenbeschreibungen denken: Überall verstreut liegen menschliche Extremitäten, manche zum Räuchern an der Höhlendecke befestigt, gepökelte Organe befinden sich in Fässern. Die völlig überrumpelten Bewohner der Höhle leisten keinen Widerstand und werden nach Edinburgh gebracht. Wenig später werden sie auf möglichst qualvolle Weise hingerichtet. In der Gegend kehrte endlich Ruhe ein.
Die Legende von Sawney Bean
Was sich wie ein Auszug aus einer Horrorgeschichte von Clive Barker lesen mag, soll sich im 15. Jahrhundert tatsächlich ereignet haben und wurde als „Legende von Sawney Bean“ berühmt. Sawney Bean soll gegen Ende des 14. Jahrhunderts nahe der schottischen Stadt Edinburgh als Sohn einfacher Eltern geboren worden sein. An ehrlicher Arbeit zeigte er jedoch wenig Interesse und riss mit seiner Geliebten von zu Hause aus. Zuflucht fanden sie in jener verborgenen Höhle, die für den Rest ihres Lebens das Zuhause werden sollte. Um nicht zu verhungern, spezialisierten sie sich auf Raubüberfälle, die für die Opfer stets tödlich endeten. Noch aßen sie ihre Opfer nicht, was sich jedoch allmählich ändern sollte.
Sawney Beans wachsende Kannibalenfamilie
Es dauerte nicht lange, bis sich bei den Beans zahlreicher Nachwuchs einstellte, welcher in Folge inzestuöser Beziehungen wiederum Kinder in die Welt setzte. Um die Nachkommen zu ernähren, bedurfte es einer konstanten Nahrungsquelle. Im Laufe der nächsten 25 Jahre töteten und verspeisten die Beans über tausend Menschen, darunter auch Kinder, bis ihr abscheuliches Treiben unterbunden wurde. So weit die Geschichte rund um die Kannibalen-Familie. Doch handelt es sich nur um eine besonders makabre Schauergeschichte oder eine historische Begebenheit?
Erfindung der Klatschpresse?
Es klingt schlüssig und plausibel, die Geschichte ins Reich der Legenden einzuordnen. Die ersten gedruckten Berichte über Sawney Bean und seine Kannibalenfamilie datieren aufs frühe 18. Jahrhundert in einem populären Vorläufer der „Klatschpresse“ zurück.
Äußerst merkwürdig mutet zudem das völlig Fehlen entsprechender Berichte aus der Zeit rund um die angeblichen Verbrechen an. Ein dermaßen grausiger Fall wäre mit Sicherheit von Zeitzeugen ausführlich festgehalten worden. Noch dazu, wenn der regierende König jenen Suchtrupp angeführt hätte, der die Kannibalen dingfest gemacht haben soll.
Es gibt jedoch bis ins frühe 18. Jahrhundert nicht einmal die Erwähnung des Namens Sawney Bean, was ziemlich eindeutig belegt, dass die Geschichte nicht mehr als eine Gruselmär darstellt.
Kannibalismus in Schottland
Dennoch dürfte sich, wie bei fast jeder Legende, ein wahrer Kern unter dem fast undurchdringbaren Gewirr aus Gerüchten und Behauptungen verbergen. Aus dem 15. Jahrhundert sind zumindest einige Fälle von Kannibalismus in Folge von Hungersnöten überliefert, was vielleicht den Grundstock für die Legende bildete. Diese tragischen Einzelfälle könnten im Laufe der Zeit phantastisch ausgeschmückt und um besonders drastische Details erweitert worden sein, was hunderte Jahre später zur heute bekannten Legende führte.
Vorlage für „The Hills Have Eyes“
Eingang in die Populärkultur fand Sawney Bean durch den 1977 von Wes Craven produzierten Horrorfilm „The Hills Have Eyes". Unübersehbar stand dabei eben jene Legende Pate und wurde in groben Zügen in die USA der Gegenwart verlegt. Immer wieder bedienten sich daraufhin Horrorfilme der Vorstellung von kannibalischen „Hinterwäldlern“, die Touristen oder arglosen Teenagern auflauern um sie zu verspeisen. Als Beispiel sei die Filmreihe „Wrong Turn“ genannt.
Faszination des Grauens
Wenngleich alle Fakten gegen die Authentizität der Geschichte sprechen, pochen so manche nach wie vor darauf, dass es sich nicht um eine Legende, sondern ein reales Ereignis gehandelt habe. Doch weshalb fasziniert ausgerechnet diese hunderte Jahre alte Legende bis heute, obwohl Serienkiller wie Jeffrey Dahmer oder Andrei Tschikatilo in der Gegenwart ihr reales Unwesen trieben?
Es ist wohl die Verquickung mehrerer Elemente, die das Feuer des Interesses für Sawney Beans Kannibalenfamilie schürt: Die Vorstellung eines inzestuösen Familienclans, der dem Kannibalismus mit völliger Selbstverständlichkeit nachgeht, besitzt eine ganz eigene morbide Faszination. Und deshalb wird die Legende mit Sicherheit noch in vielen Jahren von Generation zu Generation weitererzählt werden und für Gänsehaut sorgen.
Quelle: Mysterious Britain
