
- Cats - Polydor Records
Kaum geht das Licht aus, wird's gespenstisch im Zuschauerraum. Man ahnt sie mehr, als dass man sie sieht: Dunkle Gestalten huschen durch die Gänge, schleichen über Ränge und balancieren auf den Balustraden. Wenn der Vorhang hoch geht und es im Saal dämmert, fährt manchem Theaterbesucher der Schreck in die Glieder: Neben, vor oder hinter ihm sitzt ein fantastisch geschminkter Schauspieler, mauzt, miaut und schnurrt, schlägt mit der Pfote und bleckt die Zähne.
30 Jahre "Cats" - ein weltweiter Erfolg
Die Katzen sind los, und das seit nunmehr dreißig Jahren. Andrew Lloyd Webber (63), Englands gehätschelter und geadelter Musicalkomponist, dem das Königreich wenn schon nicht musi-, so doch zumindest fiskalisch so viel verdankt wie sonst nur noch den Beatles, begann 1977 mit der Vertonung des Verse-Zyklus von T. S. Eliots "Old Possums Book of Practical Cats". Webber gefielen die Gedichte, die der Katzenliebhaber Eliot 1939 mit Witz und Hintersinn für seine Patenkinder verfasst hatte so gut, dass er sich regelrecht in die Idee verbiss, daraus ein neuartiges Schaustück zu machen.
Andrew Lloyd Webber: Ein Brite macht am Broadway Furore
Bis dahin hatte der Komponist schon mit "Jesus Christ Superstar" für Furore gesorgt, sowohl in London, das musicalmäßig vor Webber eine eher unbedeutende Rolle gespielt hatte, als auch in New York. Hier mischte die Bibel-Show den in Routine erstarrten Musicalbetrieb rund um den Times Square gehörig auf, und die entertainmentverwöhnten New Yorker rieben sich verdutzt die Augen: Hatte da doch tatsächlich einer aus dem behäbigen Mutterland den Einwohnern der ehemaligen Kolonie gezeigt, wo künftig die Musik gemacht wurde.
18 Monate nach der Londoner Uraufführung fielen die Katzen auch in den "Big Apple" ein, wo sie bis zum 10. September 2000 im "Winter Garden Theater" herumschlichen und bei den Broadway-Produzenten heftige Zweifel daran aufkommen ließen, ob ihr Revier überhaupt noch die Musicalmetropole der Welt war. Die Antwort hieß: Nein. Mit dieser Feder konnte sich dank Andrew Lloyd Webber fortan die Hauptstadt des United Kingdom schmücken, der das West End mit Werken wie "Evita", "Phantom of the Opera" oder "Sunset Boulevard" bombardierte.
Ein Song als Köder
Webber revolutionierte das Geschäft mit dem Musical allerdings noch auf eine andere Weise. Die Produktionen waren im Lauf der Jahre immer teurer geworden. Hunderttausende von Dollarbeziehungsweise Pfund mussten aufgetrieben werden, ehe überhaupt zum ersten Mal der Vorhang hoch ging. Und das Geld konnte im Falle eines Flops über Nacht verspielt sein.
Der Brite, den die Queen zum Lord machte, beschritt neue Wege: Für "Evita" warf er seinem Publikum einen Köder zu. Er veröffentlichte den Song "Don't cry for me, Argentina" und wartete, bis die herzergreifende Schnulze die Hitparaden gestürmt hatte. Dann erst lieferte er das Stück nach, und das Publikum, begierig zu erfahren, was sonst noch an Hits in der Partitur steckte, stürmte die Theater. Dass der Rest der Musik nur noch dürftig klingender Drittaufguss war, spielte dann schon gar keine Rolle mehr: Webbers Rechnung ging trotzdem auf, und die Kassen klingelten weiter.
Eine wirklich nützliche Gesellschaft: Webbers "The Really Useful Group"
Webbers finanzieller Reichtum wuchs ins Unermessliche, sein musikalischer Ideenreichtum dagegen strebte gegen null. Dafür erwies er sich immer mehr als gewitzter Geschäftsmann mit der Gründung seiner Produktionsfirma "The Really Useful Group". Dank dieser (vor allem für Lloyd Webber) wirklich nützlichen Gesellschaft flossen fortan auch die Produzenten-Tantiemen all seiner Shows aufs eigene Konto. Zudem wachte die Company lange Zeit mit Argusaugen darüber, dass, egal wo "Cats", "Starlight Express" oder "Phantom of the Opera" auf die Bühne kamen, kein Jota am Regiekonzept, am Bühnenbild oder an den Kostümen geändert wurde. Damit hatte die McDonaldisierung auch die Unterhaltungs-Branche erreicht: Kannte man die Londoner "Cats", kannte man auch die in New York, Hongkong, Wien, Hamburg. Mittlerweile sind die Regielizenzen aber ausgelaufen, es gibt höchst unterschiedliche Produktionen zu bestaunen.
Derzeit sind die Katzen auf wieder auf Tournee, um ihren 30. Geburtstag zu feiern - vorerst bis März 2012. Dieses Mal miauen die farbenprächtig kostümierten Viecher in einem gigantischen Zelt, das an den jeweiligen Spielstätten aufgebaut wird, und zwar in der Londoner Originalversion. Übrigens: Wer die Tiere hier live erleben will, muss über 100 Euro für ein Ticket ausgeben.
Viel Mäuse für ein paar alte Katzen.
Quellen: J. Sonderhoff/P. Weck: "Musical", Braunschweig 1986; H. Marx: "Die Broadway Story", Düsseldorf/Wien 1986, M. Gottfried/J. Hansen, "Broadway", Hamburg 1984.
