
- Klagemauer mit Blumen - Silke Schlüter
Jedes Jahr findet am 20. April in Hamburg-Burgwedel auf dem Roman-Zeller-Platz eine Gedenkfeier für die „Kinder vom Bullenhuser Damm“ statt. Am Mahnmal des russischen Künstlers Leonid Mogilevski wird an 20 jüdische Mädchen und Jungen erinnert, die in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 in der ehemaligen Schule am Bullenhuser Damm in Hamburg-Rothenburgorts ermordet wurden. Zuvor waren sie im KZ Neuengamme monatelang zu medizinischen Experimenten missbraucht worden...
Das Verbrechen
1938 arbeitete der SS-Arzt Dr. Kurt Heißmeyer als Oberarzt in einer Tuberkulose-Heilanstalt. Um sich seinen Lebenstraum, Professor zu werden, erfüllen zu können, wollte er eine wissenschaftliche Arbeit über die Heilung von Tuberkulose verfassen. Dabei vertrat er die zu diesem Zeitpunkt bereits widerlegte Hypothese, diese Erkrankung mit einer Art Impfung heilen zu können. Mit dieser Idee wandte er sich an den Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti – und er bekam für sein Vorhaben Unterstützung von höchster Stelle.
Versuche mit "minderwertigem Material“ sollten seine Behauptungen belegen. Gemeint waren Menschen: Juden, Kommunisten, Widerstandskämpfer, Zwangsarbeiter. Mehr als genug davon fand Heißmeyer im KZ Neuengamme bei Hamburg. Zuerst experimentierte der Arzt mit erwachsenen Häftlingen, denen er Tuberkelbazillen injizierte. Alle starben an den Folgen. Aber so schnell gab der Möchtegern-Professor nicht auf. Nur wenige Tage vor dem ersten Advent, am 29. November 1944, holte er aus dem KZ in Ausschwitz 20 Kinder in das KZ an der Elbe – mit dem Versprechen, sie nach Hause zu bringen.
Die Opfer
- Marek James (6) aus Polen
- H. Wassermann (8) aus Polen
- die Geschwister Roman (7) und Eleonora Witonska (5) aus Polen
- die Geschwister Eduard (12) und Alexander (9) Hornemann aus Holland
- Roman Zeller (12) aus Polen
- Riwka Herszberg (7) aus Polen
- Georges André Kohn (12) aus Frankreich
- Jacqueline Morgenstern (12) aus Frankreich
- Ruchla Zylberberg (9) aus Polen
- Eduard Reichenbaum (10) aus Polen
- Mania Altman (5) aus Polen
- Sergio de Simone (7) aus Italien
- Marek Steinbaum (10) aus Polen
- W. Junglieb (12) aus Jugoslawien
- Surcis Goldinger (11) aus Polen
- Lelka Birnbaum (12) aus Polen
- Lea Klygerman (12) aus Polen
- Bluma Mekler (11) aus Polen
Gleich nach dem Eintreffen der Kinder in Neuengamme startete Heißmeyer seine perfiden Experimente: Nachdem der SS-Arzt ihre Haut eingeritzt und mit Tuberkelbazillen bestrichen hatte, bekamen die Kinder Fieber. Um Weihnachten herum waren alle Kinder todkrank. Doch Heißmeyer hatte noch lange nicht genug. Er wollte heraus finden, was bei einer TBC-Infektion mit den Drüsen in den Achselhöhlen geschieht. Er operierte ihnen die Axillardrüsen heraus. Die Kinder litten furchtbar.
Befehl aus Berlin: Experimente abbrechen, Kinder exekutieren
Am 20. April 1945, als die britischen Truppen bereits das Hamburger Stadtgebiet erreicht hatten, wurde Heißmeyer aufgefordert, sofort alle Spuren zu vernichten: „Experimente abbrechen, Kinder exekutieren“, so lautete sein Befehl aus Berlin. Die Kinder wurden zur ehemaligen Schule am Bullenhuser Damm gebracht, die zu dem Zeitpunkt zum Teil noch als KZ-Außenlager genutzt wurde. Im Heizungsraum der Schule mussten sie sich ausziehen. Zur Beruhigung wurde ihnen Morphium gespritzt, so dass die Kinder schläfrig wurden.
Es war der SS-Rottenführer Johann Frahm, der einen zwölfjährigen Jungen auf den Arm nahm und ihn mit den Worten „Er wird jetzt ins Bett gebracht“ in einen nur wenige Meter entfernten Raum brachte. Dort schob Frahm den Kopf des Jungen in eine Schlinge, die an einem Haken angebracht war, und hängte sich dann mit seinem gesamten Gewicht an den federleichten Kinderkörper. Ohne sein Gewicht hätte sich die Schlinge von alleine nicht zugezogen... Auch die Betreuer der Kinder wurden ermordet – vier Häftlinge aus Holland und Frankreich – sowie mindestens 24 sowjetische Häftlinge, deren Identität bis heute unbekannt ist.
Erst 1963 wurde Heißmeyer entdeckt und verhaftet
Die Leichen der Kinder wurden nie gefunden – angeblich hat man sie im Krematorium von Neuengamme verbrannt, aber das Drama vom Bullenhuser Damm blieb nicht unentdeckt: Nach Kriegsende begann die Jagd nach Frahm und seinen Mittätern. Sie wurden im Oktober 1946 zum Tode verurteilt. Kurt Heißmeyer betrieb allerdings noch lange unerkannt in Magdeburg eine private Lungenklinik. Nach einem Artikel im „Stern“ wurde er festgenommen und zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 1964 starb er im Zuchthaus Bautzen an einem Herzinfarkt.
Literatur und Lieder zur Geschichte
Im seinem Buch „Der SS-Arzt und die Kinder“ schildert der Autor Günther Schwarberg das Leiden der Kinder vom Bullenhuser Damm auf ergreifende Weise. Hannes Warder schrieb ein Lied über die Kinder von Bullenhausen, in dem er kein Blatt vor dem Mund nahm: „SS-Leute haben noch in den Tagen vor Kriegsende – die Zeit hat gedrängt – 20 Kinder erst misshandelt, geschlagen, dann in dieser Schule im Keller erhängt. Ihr Hunger hätte – die Kinder wogen nicht viel – schon zum Sterben gereicht. Doch die Schlingen um ihre Hälse zogen sich deshalb nicht zu. Zum Erhängen zu leicht schlugen sie um sich an ihren Stricken, zappelten lange und starben nicht. Die Mörder hängten sich, um sie zu ersticken, an sie mit ihrem ganzen Gewicht… Scheinbar völlig besiegt, aber nie ganz entmachtet, leben zu viele dieser Bestien noch – von zu vielen Menschen geehrt und geachtet…“ Auch der Liedermacher Reinhard Mey hat sich mit dem Thema beschäftigt, allerdings in seinem Lied Die Kinder von Izieu einen anderen Tatort gewählt. Es erzählt eine ähnliche tragische Geschichte, die sich 1944 in Frankreich abspielte
Gedenkstätte in der Schule am Bullenhuser Damm
Aus der Schule, in der die furchtbaren Morde geschahen, wurde erst im Jahr 1980 die KZ-Gedenkstätte Neuengamme errichtet. Die 2011 neu eröffnete Dauerausstellung informiert über den Ort als Schule und als Außenlager des KZ Neuengamme, über die medizinischen Experimente, die Opfer, die Morde, die Täter und den Umgang mit dem Verbrechen nach 1945. Öffnungszeiten und Führungen
