Die Kinder von Golzow

Dokumentarfilm von Winfried Junge zeigt Erwachsenwerden in der DDR

Die Kinder von Golzow - progress-verleih
Die Kinder von Golzow - progress-verleih
„Die Kinder von Golzow" ist ein Meisterwerk in Sachen Langzeitbeobachtung und Dokumentarfilm. Angefangen hat es als kleines Projekt ohne sichere Zukunft.

Golzow liegt an der Grenze zu Polen im Oderbruch. Es ist kein großes Dorf, auf ein und derselben Straße kommt und geht man. Als die Russen gegen Kriegsende Golzow einnahmen, wurde das Dorf fast vollständig zerstört. Es wurde in den typischen Grautönen, die die DDR zu bieten hatte, wieder aufgebaut. Niemand würde hier zum Urlaub anreisen oder hierher einen Tagesausflug unternehmen. So würde es wohl aussehen, wäre Anfang der Sechziger des letzten Jahrhunderts nicht ein Filmteam der DEFA hier angereist um ein einmaliges Projekt zu starten. Hier begann 1961 eine Langzeitbeobachtung einer kompletten Schulklasse. Von der Einschulung bis zum mittleren Alter wurden die ehemaligen Schüler begleitet. Mit „Die Kinder von Golzow“ begann die DEFA ihren Siegeszug in Sachen Dokumentarfilm.

Vorreiter für heutiges Fernsehen

Der Film begleitet Kinder aus den Jahrgängen 1953 bis 1955 an der neu gebauten Golzower Zentralen Schule. Ein Grund, warum Golzow überhaupt Drehort wurde. Es war eine der ersten Ihrer Art und ermöglichte den Kindern zehn Jahre Bildung – auf dem Land damals nicht unbedingt die Regel. Ins Leben gerufen hat die Langzeitbeobachtung Karl Gass, Nestor der DEFA. Die ersten Aufnahmen entstanden 1961, kurz nach dem Mauerbau. Dass die Filmemacher mit diesem Projekt über 40 Jahre beschäftigt sein werden, ahnte zu diesem Zeitpunkt jedoch weder der Autor noch Kameramann Winfried Junge.

Wie bei jedem Kind in Deutschland beginnt die Reihe mit der Einschulung. Kleine Knirpse an ihren Pulten mit großen Augen und noch größerer Schultüte lauschen der Lehrerin. In einfachen Schritten erlernen die Kinder den Buchstaben ‚A’. Noch heute sieht so der Schulbeginn der Kinder aus. Sie lernen das Alphabet, das Einmaleins und Lesen. Sie werden älter, fangen an zu wachsen und interessieren sich für das andere Geschlecht. Ein Stoff, der Leben und Fernsehen schafft. Denn das ewige Leben ist das beste Drehbuch. Auch die BBC erkannte dies und schuf ein noch aufwendigeres Projekt. Dort beobachtet man Kinder seit ihrer Geburt. Die Dokumentation zeigt, wie die Kinder erwachsen werden und untersucht dabei die einzelnen Entwicklungsstadien.

Das Projekt „Die Kinder von Golzow“ ist sozusagen ein Pionier in Sachen aufklärender Dokumentation über das Leben selbst.

Meister in Sachen Dokumentarkunst

Die Filmaufnahmen begannen in einem winzigen Klassenraum. Nach und nach rückte das Leben der einzelnen Personen in den Fokus. Anfangs lag die größte Herausforderung für die Schüler darin, Hausaufgaben pünktlich abzugeben und gute Noten zu bekommen. Doch dass das Leben weitaus schwierigere Hürden bürgt, weiß jeder. In jedem Film nähern sich Autor und Filmemacher in kleinen Schritten ihren „Stars“, lernen sie kennen und werden Freunde. So lernt auch der Zuschauer sie kennen und leidet mit ihnen in jeder schwierigen Phase ihres Lebens. Wie zum Beispiel Jürgen, der noch immer in Golzow lebt. In vielen Etappen erlebt man, wie Jürgen erwachsen wird, einer Ausbildung nachgeht und eine Familie gründet. Er schlägt sich durchs Leben, baut Gemüse an und besitzt ein kleines Häuschen. Ehrlich erwirtschaftet durch ehrliche Arbeit. Es sind nicht viele geblieben, wie so oft sind sie dem Ruf der Großstadt oder der Liebe gefolgt oder aufgrund des Berufes umgesiedelt. Doch aus den Augen hat der Filmemacher sie nie gelassen. Ohne sich aufzudrängen nimmt er an ihrem Leben teil. Ein Leben, was nicht nur die DDR-Bürger bewegt.

Ein Film als Vermittler zwischen Ost und West

Denn hier spielt sich mehr ab als nur abendfüllendes Programm. Er zeigt das Leben in einem kleinen Dorf im Osten. Getrennt durch eine Mauer sind DDR- und BRD-Bürger auseinander gedriftet. Sie entzweien sich, leben ihr Leben. Die Kinder von Golzow werden nun unweigerlich zu Repräsentanten der DDR und dem gesellschaftlichen Leben an der Grenze zu Polen. Bis zum Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung nehmen auch die Westbürger am Leben in der Provinz teil. Fast 30 Jahre sind sie getrennt, aber über die Mattscheibe sind die Bürger vereint.

Erbe für unsere Nachkommen

In diesem Jahr sind die Bewohner Deutschlands nun bereits seit 20 Jahren vereint und das Programm quillt über von Dokumentationen über Geschehnisse in der DDR und der BRD. Bisher haben die Kinder von Golzow kaum Erwähnung gefunden. Dabei ist hier ein zeitgeschichtliches Dokument, welches in einfühlsamer und ehrlicher Weise zeigt, wie die Kinder auf dem Land in der DDR aufwuchsen. Auch als Unterrichtsmaterial in Schulen fand es bisher keine Anwendung. Dabei gibt es Kindern nicht nur Feedback zur eigenen Vergangenheit, sondern ist in vielerlei Hinsicht auch pädagogisch wertvoll. Golzow hat bereits einen Schritt in Richtung Erbe getan und im Dorf ein Museum errichtet. Und mit viel Glück begegnet man einem ehemaligen Mitwirkenden.

Tina Maibach, Christa Graetz

Tina Maibach - Die Autorin im Bild rechts neben diesem Text arbeitet derzeit als freie Redakteurin für Xenon, dem Ausbildungsfernsehen des RBB. Hier ...

rss