Die koloniale Durchdringung des Alltagslebens in Ostafrika

Während der deutschen Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika nahmen die Kolonialherren keine Rücksicht auf die bestehenden sozialen Strukturen.

Bei der Eroberung Ostafrikas griffen die deutschen Kolonialherren stark in das Alltagsleben der einheimischen Bevölkerung ein und nahmen dabei nur wenig Rücksicht auf bereits bestehende Strukturen. Über die Folgen der meist gewaltsamen Systemaufdrängung haben sich die Deutschen keine Gedanken gemacht, für sie waren die Afrikaner im Ganzen minderwertige Menschen. So erfolgte eine koloniale Durchdringung des Alltagslebens durch politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zwang.

Die Landwirtschaft musste sich an europäischen Bedürfnissen orientieren

Die Einschnitte begannen bereits bei der Eroberungspolitik, als große Teile des Landes als „herrenlos“ eingestuft und durch ungleiche „Schutzverträge“ in Besitz genommen wurden. Nach Auffassung der Bantu-Völker war dieses Vorgehen nicht rechtmäßig, da sie nur ein Nutzungsrecht am Boden und keinen vollständigen Besitz kannten. Durch die Orientierung der Felderbewirtschaftung am europäischen Markt wurde die einheimische Subsistenzwirtschaft mit weit reichenden ökologischen Folgen verdrängt. Daneben kam es zu starken Versorgungsengpässen beim innerafrikanischen Handel, weil die Afrikaner keine eigenen Überschüsse mehr produzierten. Die daraus resultierenden Hungersnöte hatten neben dem Versorgungsmangel meist noch weiter reichende Folgen für das soziale Gefüge: Gemeinschaften und Ehen brachen auseinander und die allgemeine Spannung stieg mit der Gewaltbereitschaft und Existenzängsten.

Steuern zwangen die Einheimischen zur Lohnarbeit für Europäer

Große Unzufriedenheit riefen das eingeführte Steuersystem und die dadurch forcierte Zwangsarbeit hervor. Zwar kannte auch die afrikanische Bevölkerung Abgabeverpflichtungen, ein Steuersystem im europäischen Sinn war den meisten Einheimischen jedoch bis dato unbekannt gewesen. Besonders seit Beginn des 20. Jh. orientierte sich die Politik immer stärker an den wirtschaftlichen Interessen der Siedler, was mit drastischen Steuererhöhungen für die Afrikaner einher ging. Zunächst konnten die Steuern in Naturalien bezahlt werden, später wurde aber nur noch Geld akzeptiert, was für viele ein großes Problem darstellte. Konnte das Geld nicht aufgebracht werden, mussten die Männer ihre Familien und die eigene Ernte vernachlässigen, um bei deutschen Siedlern in oft weiter Entfernung arbeiten zu gehen. Dies war ein Hauptgrund für den Zusammenbruch der sozialen und wirtschaftlichen einheimischen Gefüge am Vorabend von Aufständen wie der „Maji-Maji-Bewegung“.

Die Eintreibungs-Methoden waren für die Afrikaner höchst erniedrigend und erregten ihren Zorn. Im äußersten Fall wurden sogar ganze Siedlungen niedergebrannt und die entsprechenden Personen zur Zwangs- oder Tributarbeit verpflichtet. Neben der Arbeit auf Feldern mussten die Einheimischen öffentliche Arbeit wie Brücken-, Häuser- und Eisenbahnbau verrichten. Auch das Transportieren von Europäern oder schweren Lasten durch unwägbares Gelände, bei dem die Träger regelmäßig zusammen brachen, gehörte zu den Aufgaben.

Zwangsarbeitssysteme haben die sozialen Strukturen verschoben

Immer wieder als Symbol für die deutsche Kolonialherrschaft wurden die seit Beginn des 20. Jh. eingeführten „Kommunalschamben“ beschrieben. Dies waren von meist mehreren Dörfern (ab 1904 vorwiegend mit Baumwolle für den Export nach Europa) bewirtschaftete Felder, die größtenteils dringend von den Gemeinschaften selbst zur Nahrungsversorgung benötigt wurden. Zudem floss der Erlös aus der Ernte nur zu einem geringen Teil und meist mit erheblicher Verspätung in die Dörfer zurück. Diese Landwirtschaftspolitik führte zu deutlich mehr Dürreperioden als zuvor. Die Ernte wurde nicht mehr für Hungersnöte gelagert, sondern exportiert oder den, beispielsweise durch den Bau einer Eisenbahnlinie immer mehr werdenden, Zwangsarbeitern zur Verfügung gestellt. Damit einher gingen auch steigende Preise für Nahrungsmittel, die von der ländlichen Bevölkerung nicht mehr bezahlt werden konnten.

Turnusgemäß musste jeder männliche Erwachsene auf den Kommunalschamben zu Beginn 28 Tage Feldarbeit pro Jahr leisten, eine Entlohnung hierfür gab es üblicherweise nicht. Ihre eigenen Felder konnten die Bauern somit nicht mehr ausreichend bestellen und vor wilden Tieren wie Wildschweinen schützen. Die Frauen waren mit diesen traditionellen Männeraufgaben oftmals überfordert, so dass die eigene Ernte stark darunter litt. Als sich die Baumwolle schließlich auf den Feldern etabliert hatte, stieg der Arbeiterbedarf um ein Vielfaches und es wurden auch Frauen, Kinder und Sklaven eingesetzt. Dies war unter anderem eine Folge der Abwanderungsbewegungen von Männern, welche die Zustände nicht länger ertragen wollten. Die wichtige Rolle der Frauen im Alltagsleben und bei religiösen Kulten wurde somit durch die Zwangsarbeit an den Rand gedrängt. Hier wird deutlich, dass die Kommunalschamben nicht nur für Zwangsarbeit standen, sondern mit ihnen auch eine Durchbrechung der sozialen Hierarchien inklusive der Geschlechterrollen verbunden war. Alle mussten zusammen die gleiche herabwürdigende Arbeit tätigen, Normen und regionale Grenzen wurden verwischt. Immer wieder ist die Abwesenheit der Männer durch diverse Zwangsarbeiten oder bereits Abwanderungen die Ursache für fatale Verschiebungen im sozialen Gefüge.

Neue Vorschriften stellten den Alltag auf den Kopf

Zu weiteren sozialen und persönlichen Eingriffen kam es durch neue Vorschriften und Gesetze, welche das bis dato gültige Rechtsempfinden ausgehebelt und die sozialen und moralischen Vorstellungen durcheinander gebracht haben. So durfte der Beischlaf mit fremden Frauen fortan nicht mehr mit der Todesstrafe geahndet und viele traditionelle Bräuche durften nicht mehr durchgeführt werden. Hinzu kam eine Pombesteuer auf selbstgebrautes Bier, die Einführung der Jagd- und Wildschutzverordnung, die Wegeunterhaltspflicht, teilweise ein Zwang zum Schulbesuch, die Beschränkungen der Sklaverei, das Verbot zur Brandrodung und nur eingeschränkter Zugang zu Wäldern.

Missionare gaben ein ambivalentes Bild ab

Zumindest die mit der Kolonisierung des Landes ebenfalls aufkommenden Missionen boten den Einheimischen teilweise einen Fortschritt und konnten zu einer Anlaufstelle werden. So fanden Einheimische dort Arbeit und Schutz vor Überfällen. Auf der anderen Seite versuchten die deutschen Missionen, traditionelle religiöse Vorstellungen zu verdrängen und die christliche Lehre zu etablieren. Vor allem der Glaube an Zauberkraft und der vermutete Götzendienst sollte abgeschafft werden.

Die Missionare konnten aber durchaus auch die Rolle eines Vermittlers zwischen deutschen Soldaten und Afrikanern annehmen. Vereinzelt wurde ihnen aufgrund ihrer Vertrauensrolle sogar die Möglichkeit gegeben, sich dem Aufstand anzuschließen. In jedem Fall hatten sie aber eine paternalistische Rolle gegenüber den Afrikanern und sorgten für Ordnung. Allerdings gehörten ein militärisches Eingreifen und das Beschützen der Afrikaner bei Stammesfehden und im Krieg nicht zu ihren Aufgaben. Deutsche Missionare, Offiziere und Händler wurden so in die lokale Stammespolitik involviert und beeinflussten lokale Entwicklungen auf unterschiedliche Weise entscheidend mit.

Henrik Lührs, H. Lührs

Henrik Lührs - Jahrgang 1979. Nach dem Abitur 1998 Ausbildung zum Verkehrspiloten, seit 2002 Theorielehrer für verschiedene Fächer der Privat- ...

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