Die Kritischen Aktionäre - das schlechte Gewissen der Konzerne

Heinrich Pachl, kritischer Aktionär - Helmut Lorscheid
Heinrich Pachl, kritischer Aktionär - Helmut Lorscheid
Seit 25 Jahren gibt es sie in organiserter Form: Die Kritischen Aktionäre. Sie geben den Opfern deutscher Konzerne eine Stimme und weisen auf Missstände hin

Anfangs belächelt, werden die Kritischen Aktionäre inzwischen auch von den Konzern-Managern und Vorständen ernst genommen. Sie stellen eine Macht dar, zumindest moralisch. Auf einigen Hauptversammlungen vertreten sie mittlerweile Stimmrechte im Wert von mehr als einer Million Euro.

Kritischer Aktionär der ersten Stunde - der Kölner Kabarettist Heinrich Pachl

Einer der Gründer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre ist Heinrich Pachl, ein Urgestein des politischen Kabaretts in Köln. Unvergessen seine Verkaufsaktion vergifteter Fische in der Kölner Innenstadt. Die Fische waren Opfer von Umweltvergehen, die damals noch kaum geahndet wurden. Sie waren auch durch giftige Abwässer der am Rhein gelegenen chemischen Industrie missgebildet. Pachl erinnert sich: „Die sahen widerlich aus, hatten so „Blumenkohl-Ohren“ und stanken fürchterlich. Im Rahmen einer Aktion gegen die damals noch übliche Dünnsäure-Ableitung durch Bayer hatten die Aktivisten von Umweltgruppen vergiftete Fische aus dem Rhein auch vor die Konzernzentrale gekippt.

Mit Kunst für mehr Umweltschutz

Solche perfomativen Elemente der Aufklärungsarbeit – Heinrich Pachl spricht von „Fluxus-Aktionen“ soll es auch in Zukunft wieder geben. Pachl: „Wir arbeiten dran.“ Doch der Schwerpunkt der Kritischen Aktionäre liegt auf der Analyse der Konzernberichte und der kritischen Würdigung ihrer Geschäftspolitik auf den jährlichen Hauptversammlungen. Wurden die Kritiker von Umweltverschmutzung, Unterstützung des rassistischen Apartheid-Regimes in Südafrika, von Rüstungsexport an Diktatoren oder der Beteiligung an Minenproduktion. Anfangs belächelt und von anderen Aktionären auch beschimpft, ist heute keine Hauptversammlung der großen Konzerne ohne die Mahnungen und Warnungen der Kritischen Aktionäre mehr denkbar. Axel Köhler-Schnura, Vorstand der Koordination gegen BAYER-Gefahren und wie Pachl Gründungsmitglied des Dachverbands kritischer Aktionäre, erinnerte daran, dass sie sich vor 25 Jahren das Engagement von Solidaritätsgruppen gegen den damals mit Unterstützung der Bundesregierung und deutscher Firmen geführten Kolonialkrieg der portugiesischen Dikatur in Angola, Guniea Bissau und Mosambik als Vorbild nahmen.

Afrika-Solidaritätsgruppen als Vorreiter

Das damalige „Deutsche Komitee für Angola-Guinea-Bissau und Mosambik“ hatten auf den Hauptversammlungen der AEG, Siemens und weiterer beteiligter Firmen, gegen die Beteiligung der Konzerne am Cobora-Bassa-Staudamm-Projekt in Mosambik protestiert und als eine der ersten Gruppen in Deutschland für diesen Protest die AEG-Hauptversammlung als Forum genutzt. Der Spiegel berichtete später, wie dem Göttiger Arzt Wolff Geisler dort auf der AEG-Hauptversammlung von AEG-Aktionären das Wort abgeschnitten wurde. Der Spiegel schrieb 1971: „Als der nächste Redner. der Arzt Wolff Geisler, der die Göttinger Hochschulvereinigung "Gruppe für internationale Zusammenarbeit" leitet, Auskunft über die politischen Vorstellungen des AEG-Vorstandes zu diesem Projekt verlangte, artikulierte sich lautstark deutsche Aktionärs-Mentalität: Zwischenrufe wie "Moskauer Spion", "Arschloch", "Raus" schnitten dem Mediziner das Wort ab. Zuvor hatte er mit Freunden ein Plakat verfasst, auf dem er die AEG zusammen mit anderen deutschen Konzernen der "Begünstigung von völkerrechtswidriger Kolonialherrschaft" anklagte“.

Putzmuntere Hauptversammlungen

Auch auf den Hauptversammlungen anderer Konzerne ging es anfangs recht munter her. So rief der Kleinaktionärsvertreter Fiebig nach der Rede eines kritischen Bayer-Aktionärs voller Erregung in den Saal: „Wenn das alles stimmt, was die vortragen, dann sitzen da oben alles Verbrecher.“ Entsetzte Gesichter bei vielen Aktionären – Beifall von Seiten der Kritischen Aktionäre. Heute hat deren Engagement durchaus Wirkung. Der Vorstand, etwa von Daimler Benz, trifft sich zu Gesprächen mit Paul Russmann, der seit Jahren vor allem die Rüstungsproduktion des Konzerns kritisiert. Seine Kollegin Dorothea Kerschgens, Vorstandsmitglied des Dachverbands, engagierte sich ebenfalls gegen Rüstungsexport und zuvor vor allem gegen die Unterstützung des damaligen Apartheid-Regimes in Südafrika.

Sprachrohr für Betroffene - weltweit

Die Konzern-Kritiker finden international Gehör. So hat etwa der norwegische Staat seine Bayer-Aktien abgestoßen, nachdem er sich bei den Kritischen Aktionären über die Konzernpolitik informiert hatte. Auch große britische Fonds informieren sich beim Dachverband über deutsche Konzerne. Dem Netzwerk der Bayer-Kritiker gehören weltweit über 60.000 Personen an. Der Dachverband bietet gleichzeitig den Opfern der Geschäftspolitik einzelner Konzern eine Plattform. So konnten Vertreter der Einwohnerschaft von Wisconsin im vergangene Jahr auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank sprechen und Bankchef Ackerman mit den Folgen seiner Geschäftspolitik im US-Staat Milwaukee konfrontieren. In Milwaukee, einer Stadt von der Größe von Frankfurt/Main, verwaltet die Deutsche Bank mehr als 180 Immobilien und lässt dabei, so der Vorwurf, ganze Straßenzüge verkommen. Mark Fraley, Sprecher von "Common Grund" erklärte gegenüber dem Autor: "Keiner geht so brutal vor wie die Deutsche Bank."

Gegen Greenwashing

Jüngst starteten die Kritischen Aktionäre eine neue Kampagne, die sich gegen das sogenante "Greenwashing" - also den Versuch vieler Konzerne, sich in der Öffentlichkeit durch PR- oder Marketing-Aktivitäten einen "grünen Anstrich" zu geben.

Helmut Lorscheid ,  Foto: Yvonne Szallies

Helmut Lorscheid - Ich bin Journalist aus Überzeugung, obwohl es sicherlich Berufe gibt, in denen man deutlich mehr verdient. Ich befasse mich mit ...

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