
- Chagallfenster in Zürich - Irmgard Vogelsanger-DeRoche
Seit der Erfindung des Glases ist die Spezialität, auf Glas und später auf Keramik zu malen, gleichwertig den anderen Künsten als Ausdrucksmöglichkeit, aber von der Beachtung her immer ein wenig im Hintergrund. Auch Kunststudenten widmen ihr nicht die gebührende Aufmerksamkeit, meint zum Beispiel der spanische Künstler José Marín, der gerade eine große Ausstellung in Granada auf diesem Gebiet konzipierte. Das mag auch daran liegen, dass es eine nicht einfache Kunst ist, die an den Ausführenden höchste Ansprüche, Geduld und spezielle Materialkenntnisse stellt.
Kleine Geschichte der Glasmalerei
Die Glasmalerei ist eine der wesentlichen Komponenten der gotischen Architektur, beginnend mit dem dreizehnten Jahrhundert. Neben ihrer Bedeutung als architektonisches Element darf sie aber nicht losgelöst gesehen werden von der figürlichen Darstellung der Motive, ähnlich den Ikonen. Ganze Bibellegenden und Ausschnitte der Kreuzigungsgeschichte finden auf den riesigen Fenstern der Kirchen Platz.
Während der kommenden Jahrhunderte, dem vierzehnten, fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, verlor die Glasmalerei allmählich und schleichend ihre fundamentale Bedeutung, die sie parallel zu den anderen Künsten hatte, durch den Einfluss der italienischen und internationalen Gotik. Die Malerei rückte mehr in den Vordergrund sowie die Bildhauerei. Die Skulpturen wurden zu einer eigenen Kunstsprache ihrer Zeit. Mit der Aufklärung wurden dann auch die religiösen Motive in den Hintergrund gedrängt, die Glasmalerei wurde manieristischer, die Kachelmalerei trat ihren Siegeszug an.
Wiederauferstehung in der Moderne durch Chagall
Die große Renaissance der Glasmalerei kam in der Moderne durch ihre Entdeckung als „dekorative Kunst“ . "Art deco" heißt ja ein anderes Wort für den Jugendstil um die Jahrhundertwende des 19. zum 20. Jahrhundert, der wieder ganz eigene Verwendung fand für seine typischen Girlanden und Blumenmotive auf Glasfenstern und Glastüren, auch bei Möbeln. Besonders aber Marc Chagall (1887 - 1985) führte die Glasmalerei zu neuer Blüte und wieder größeren Beachtung in der Architektur mit seinen Kirchenfenstern im Fraumünster zu Zürich, der Kathedrale zu Metz, in der Synagoge von Chicago und der Kirche Sankt Stephan in Mainz. Die enorme Farbenpracht und die Kompositionsmöglichkeit bei Fenstern faszinierten Chagall. "Für mich stellt ein Kirchenfenster die durchsichtige Trennwand zwischen meinem Herzen und dem Herz der Welt dar", so wird der Künstler gern zitiert. Darin klingt auch die große Bedeutung des Lichts an, das sich im Material bricht.
Glasmalerei auch in Alltagsgegenständen
Auch die Innendekorateure der Jetztzeit entdeckten die Möglichkeiten der Glasmalerei als farbige Glastüren, individuell gestaltete Glastische, auch als originelle Glastreppen, in den Salons der Spielcasinos, Theatern und Hotels. Nicht zu vergessen farbig bemalte Glasschüsseln, kunstvolle Trinkgläser, Kugeln und insbesondere Weihnachtskugeln. Einher ging damit auch experimenteller Umgang mit neuen Glasorten, Techniken und Materialien.
