Der Tourist hat die Qual der Wahl. Entscheidet er sich für die sorgsam in Algen eingewickelten Reiskugeln, oder doch eher für die farbenfrohen Meeresfrüchte?
Das Auge isst mit
Es ist wohl die ungewohnte Kunstfertigkeit, die den Gast fasziniert. Der Japaner schätzt den Genuss mit allen Sinnen. Das Essen dient nicht nur lediglich als Mittel, um erschöpfte Energiereserven aufzufrischen, sondern ist Ausdruck von Kultur und Ästhetik.
Eine Vielzahl kleiner Gefäße und Dekorationen ziert den tief schwarzen Tisch. Der Geruch von frisch gefangenem Fisch liegt in der Luft. Aus zerbrechlich anmutenden Bambuskörbchen steigt der Dampf des frisch zubereiteten Mahls. Eigentümlich anmutende Delikatessen locken durch ihre raffinierte Aufmachung zum Verzehr. Das entstandene Gesamtbild aus eleganten Formen und kräftigen Farben scheint der ganze Stolz des Kochs zu sein. Jetzt kann das Mahl beginnen. Oder etwa nicht?
Kampf dem Banausen
Unsicherheit, sogar Angst keimt in dem beeindruckten Tourist auf. Während die ihn umgebenden Einheimischen mit schon fast chirurgischer Präzision rohe Fischhappen (sashimi) gekonnt aus dem Dekorationsgeflecht entfernen und in den Mund befördern, starrt er beunruhigt auf die quer vor ihm positionierten Stäbchen (o-hashi). Hätte er zuhause doch nur mehr geübt.
Letztendlich fasst er sich ein Herz, verzichtet darauf, "foku to naif" (Messer und Gabel) zu fordern; nimmt die Stäbchen in die rechte Hand. Anerkennende Blicke werden ihm zugeworfen.
Existiert eine gewisse Reihenfolge, der Folge zu leisten gilt? Anscheinend nicht. Dann zuerst zu dem appetitlich duftenden, frittierten Gemüse. Tempura. Als seine zitternden Hände den etwas weiter entfernten Bambuskorb zu sich ziehen, erfüllt ein leises Räuspern die stickige Luft. Der Gast weiß, das Naseputzen in der Öffentlichkeit ist verpönt. Genauso, wie das ziellose Herumstochern mit den Essgeräten. Aber eben auch das egoistische Heranziehen der Speise. Von nun an wird er sich bessern. Immer geschickter geht er mit den Stäbchen um. Doch es ist zu viel. Die reichhaltige Speisung beendet er mit dem senkrechtem Hineinstoßen des schmalen Holzbestecks in den weißen Reis. Das Räuspern wird lauter.
Symbolik des Essens
Der schwerwiegendste Fehler. Üblicherweise bedeutet dieser "Tatbestand", dass es sich bei der Nahrung um eine Opfergabe für die Verstorbenen handelt. Eine deutliche Kränkung für den Gastgeber und/ oder den Koch. Derartige Missgeschicke geschehen schnell.
Der Reis (gohan) ist eine Art Nationalheiligtum der Japaner. Er steht für die Nation und ist DAS Grundnahrungsmittel. Ihn respektlos zu behandeln; gar abzuweisen kommt einem Frevel gleich. Desweiteren jedoch bedeutet der restlose Verzehr der Mahlzeit eher, dass diese nicht reichhaltig genug war, anstatt sehr schmackhaft.
Das Auftischen ist ein Akt des Wohlwollens. Eine gewisse Art der Verbindung entsteht zwischen Wirt und Gast. Letzterer sollte bestrebt sein, dies zu verstehen. Dann wird ihm sicherlich das ein oder andere Missgeschick verziehen.
