
- Entlang des Reschensees - Andrea Weber
Einmal mit dem Mountainbike über die Alpen fahren, davon träumen viele Hobbyradsportler. Transalp heißt die Superlative, die für echte Biker zur Sport-Vita gehört. Ein Abenteuer aus Höhenmeter und Kilometer, eine Herausforderung für Mensch und Material. Am nördlichen Alpenrand starten und in die Pedale treten bis man nach sechs Tagen Satteldrücken im italienischen MTB-Eldorado am Gardasee ankommt. Doch die Transalp ist nicht länger den Konditionsbären vorenthalten. Es gibt sie auch als Lightversion, quasi eine Alpenüberquerung mit Genuss.
Der Tourguide kennt die Strecke von Ehrwald zum Gardasee im Schlaf
Zwölf Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland zusammen. Hobbyradsportler, die sich gut vorbereitet haben. Vor ihnen liegt keine Hochleistungsdisziplin, aber auch keine Fahrradtour. Um den Weg müssen sich die Teilnehmer nicht kümmern; durch schmale Trails, über grobe Waldwege, auf Schotterpisten und Straßen führt sie ihr Tourguide Nadine Kretschmer-Mayer aus Lenggries. Die Radsportlerin kennt die Tour im Schlaf, ist sie schon 25 Mal gefahren, weiß wann Gefahrenstellen kommen, wann die Steigung schwierig wird und bremst ihre Transalp-Neulinge, wenn der Übermut mit ihnen durchgeht. Die Hotels sind gebucht, das Zusatzgepäck wird mit dem Taxi weiter transportiert.
Am Pool im Wellness-Hotel wird entspannt
Es geht gemächlich los, quasi zum Warmwerden liegen rund 40 Kilometer und 900 Höhenmeter vor der MTB-Gruppe. Die Sonne spitzt just im Moment ihres Starts durch die schwarzen Regenwolken. Sie wird ihr ständiger Wegbegleiter bis zum Gardasee werden, wird die Radsportler wärmen, erhitzen und schließlich noch bei 50 Grad in der prallen Sonne auf Asphalt kochen. Die Alpenkulisse liegt vor ihnen mit letzten Schneefetzen, die zu auf sie hinab glitzern. Die Mountainbiker lassen die Zugspitze hinter sich. Die erste Tagesetappe führt von Ehrwald über den Fernpass nach Wenns im österreichischen Pitztal. Am zweiten Morgen kraxelt die Gruppe hinauf zum Piller Sattel. Von oben fällt der Blick weit hinab ins Reschental. Am Abend wird im Pool des Wellness-Hotels in Lafair entspannt, denn am nächsten Tag wartet die längste Strecke der Woche mit 90 Kilometern und 1100 Höhenmetern auf sie. Es geht entlang der alten Römerstraße „Via Claudia Augusta“, über Wald-Schiebepassagen durch einen stockfinsteren Felsenstollen hinauf zum Reschenpass, immer fernab der verkehrsreichen Straßen. Am See auf Passhöhe haben sie sich die erste Pasta verdient und rollen anschließend endlos bis ins Vinschgau hinab. Die Bewässerungsanlagen der Südtiroler Apfelplantagen berieseln die Biker mit eiskaltem Wasser. Bis sie abends in Goldrain ankommen, sind Bike und Beine voll Staub und Dreck. Der vierte Tag bringt mit gefühlten 60 Kilometern bergab nach Andrian im Etschtal Entspannung in die Oberschenkelmuskeln. Am Ende waren es trotzdem wieder 700 Höhenmeter bergauf.
Die nächste Konditionsprüfung steht an – Andrian – Kalterer See – Trento.
Wird das Gesäß rebellieren? Werden die Beinmuskeln mitmachen? Schließlich schraubt sich die Bike-Gruppe 30 Kilometer am Stück bis oberhalb des Kalterer Sees hinauf, zu einer der ortsüblichen Buschenschänken. 80 Kilometer später ist das urige Albergo in Trentos Altstadt erreicht. Ein Abendbummel mit italienischem Flair und warmer Nachtluft erwartet auf die Hobbysportler. Die letzte Tagesetappe führt durch Kiwiplantagen, Weingärten, vorbei an den Kletterwänden im Sarca-Tal mitten durch den Steingiganten-Schutt von Marocche zum Ufer des Gardasees. Die Biker sind stolz, drücken sich und prosten sich zu mit Prosecco. „Wir haben es geschafft. Wir sind jetzt Transalp Finisher!“
Was bleibt ist die Erfahrung mit dem eigenen Körper und Geist. Wie es ist, wenn der Schweiß von der Nase tropft und die Luft ausgeht bei steilen Rampen; wenn der Gipfel in Sichtweite kommt und das schöne Gefühl oben angekommen zu sein. Wie es ist, wenn man hinab rollt und eine Traum-Landschaft an einem vorbei zieht. Ja, es ist ein Abenteuer, das schweißtreibend ist und doch viel Spaß macht. Eines bleibt für immer zurück. Das schöne Gefühl gemeinsam mit anderen einmal die Alpen mit dem Mountainbike überquert zu haben.
