Die Dresdner Autorin Dorit Kostall hat Anfang 2008 die Lesungsagentur „Wildes Lesen“ gegründet, mit der sie rund um ihre Heimatstadt als Serviceunternehmen für die Organisation von Lesungen agiert. Sie sieht sich als Schnittstelle zwischen Autor, Verlag, Veranstalter und Öffentlichkeit.
Wenn von Agenturen die Rede ist, dann geht es meistens darum, dass das Manuskript eines Autors durch den Agenten an einen Verlag vermittelt wird, aber was macht eine Lesungsagentur und wer kann sich alles an sie wenden?
Sicher werden eine ganze Reihe von Lesungen direkt über die großen Verlage platziert, indem etwa Buchhandlungen oder Bibliotheken angeschrieben werden. Doch das geschieht oftmals nur für Autoren, die schon einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und/oder deren neuestes Werk in einen aktuellen Trend passen, etwa Pilgerreisen, Finanzkrisen, Promibücher usw. Außen vor bleiben dabei unbekannte Autoren oder solche, die eben ein ganzes Stück von Dresden entfernt leben. Und die Tatsache, dass die Verlage selbst mich inzwischen mit ihren Katalogen über mögliche Lesungen informieren und mich quasi einladen, aus diesen Autoren-Listen auszuwählen, zeigt, dass ich einen Bedarf entdeckt habe.
Nach der ersten Lesung, die ich organisiert hatte, bekam ich im übrigen auch von der Buchhändlerin das Feedback, dass sie über meine Unterstützung und überhaupt den Anstoß zu der Lesung sehr froh gewesen war. Der Vorteil meiner Agentur liegt in erster Linie in der Standortverbundenheit. Viele potenzielle Veranstalter kenne ich oder habe kurze Wege, um sie kennen zu lernen. Und da diese Veranstalter meist einem anderen Tagesgeschäft nachgehen, als Lesungen zu organisieren, sind sie froh über meine Unterstützung.
Oder nehmen wir etwa Schulen als Beispiel. Viele Lehrer sind Gott sei dank sehr engagiert was das Thema "Literatur" betrifft. Aber sie haben weder die Zeit noch die Möglichkeit, aus den schier unzähligen Angeboten das Richtige für ihre Klasse, passend zu ihrem Lehrplan herauszufiltern. Da sind sie froh über jede Unterstützung. Und nicht zuletzt helfe ich dann auch bei der Suche nach den Sponsoren, wenn es an der Schule keinen Förderverein gibt, der das Honorar für den Autor aufbringen kann.
Sie sind auch freie Autorin. Wie sind Sie auf die Idee gekommen Lesungen zu vermitteln? Gab es da eine Initialzündung, Leselust oder Lesungsfrust?
Initialzündung war die Lesung eines junges, ambitionierten Autors, der sein zweites Buch in Dresden vorgestellt hat, aber leider aus der Entfernung keine Kontrolle über die Öffentlichkeitsarbeit des Veranstalters hatte; dazu kam, dass er die Stadt selbst nicht gut genug kannte und somit auf gut will angewiesen war; es kamen 4 oder 5 Leute; nach der Lesung haben wir zusammengesessen und über dieses Problem laut nachgedacht und am nächsten Tag hatte ich die Idee, dass diesen Autoren geholfen werden kann.
Was macht eine gute Lesung aus?
Wenn Autor und Publikum nach dem Abend sagen, dass sie solch eine schöne Veranstaltung schnellstens wieder erleben möchten.
Worauf legen Sie bei der Vermittlung besonderen Wert?
Dass die Vorstellungen von Veranstalter und Autor zueinander passen, dass es machbar ist, dass die Wahrscheinlichkeit möglichst viele Menschen anzulocken so hoch wie möglich ist; sprich Nischenliteratur eher weniger.
Wie bewirbt man sich?
Ich freue mich natürlich über jede Autorin und jeden Autor, der sich bei mir meldet und mir signalisiert, dass er gern mal für eine Lesung nach Dresden oder Sachsen kommen möchte. Viele Autoren haben dies auch getan. Somit bin ich in der Lage, hier vor Ort zu Buchhändlern zu gehen und kann ganz konkret Namen nennen und der Buchhändler wählt dann aus. Es gibt auch Verlage, die auf mich zukommen und in jüngster Zeit gab es auch eine große Literaturagentur, die sich an einer Zusammenarbeit interessiert zeigt. Wenn ein Autor gern über seinen Verlag an mich heran treten möchte, kann er dies selbstverständlich auch tun. Es gibt kein starres Prozedere, am besten einfach Kontakt mit mir aufnehmen.
Ich schließe mit den Autoren keine Verträge ab, daher gibt es auch kein Kleingedrucktes zu befürchten. Wenn ich eine Lesung organisiert habe, erhält der Autor hinterher eine Rechnung von mir und gut.
Toll wäre es natürlich, wenn es auch Veranstalter gäbe, die aktiv auf mich zukommen würden. Aber daran arbeite ich noch.
Wie bezahlt man Sie?
Für meine Dienstleistung erhalte ich nach erfolgreicher Veranstaltung vom Autor ein Honorar in Höhe von 15% vom Lesungshonorar. Davon bleibt der eventuelle Reisekostenanteil unberührt. Dem Veranstalter entstehen also keine zusätzlichen Kosten.
An dieser Stelle ist es mir wichtig zu erwähnen, dass ich grundsätzlich keine Lesung organisiere, bei der der Autor kein Honorar erhält. Der Mindestsatz ist der von der Gewerkschaft ver.di empfohlene Betrag von 250,- Euro.
Welche Voraussetzungen muss ein Autor mitbringen, um vertreten zu werden?
Da treffe ich keine Auswahl sondern das Publikum bzw. der Veranstalter. Wenn ein Autor ein interessantes Buch geschrieben hat und bereit ist, den Weg nach Sachsen auf sich zu nehmen, steht einer schönen Lesung nichts im Wege; es muss lediglich ein Veranstalter her.
Was war die außergewöhnlichste Lesung, die Wildes Lesen bislang organisiert haben?
Das kann ich so nicht sagen, da es mir und meinen Veranstaltern nicht um Außergewöhnlichkeit geht, sondern um die schlichte Tatsache, dass die wenigsten regelmäßig publizierenden Autoren den Weg bis in den Osten des Landes finden. Traurig, aber Tatsache. Und da leider viele Verlage ebenfalls nur vor der eigenen Haustür aktiv sind und nicht bedenken, dass die Käufer ihrer Bücher auch in hiesigen Landstrichen leben, versuche ich einfach nur, MEHR Lesungen HIER zu organisieren. Wenn es dann noch ein besonders schöner Ort ist, umso besser.
Ich plane eine Lesung mit einem renommierten Reisejournalisten und diese Veranstaltung soll interaktiv sein, sprich das Publikum erhält vom Fachmann Tipps und Hinweise, wie man eigene Reiseerlebnisse selbst spannend und unterhaltsam gestalten kann, auch wenn es nur der Campingplatz an der Nordsee war. Dieses Thema ist mir von Besuchern angetragen worden, denn viele Menschen schreiben mit dem Wunsch, ihrer Familie etwas mitzuteilen, fürchten sich aber (zurecht) zu langweilen. Ich denke und hoffe, dass wir mit diesem Konzept ein Highlight im Jahr 2009 setzen können.
