
- Entscheidungs-Wirrwarr - jokerbomber / Pixelio
Benjamin Libet war ein US-amerikanischer Biologe, der sich vor allem für die Vorgänge im Gehirn interessierte, die zu einer bewussten Handlungsentscheidung führen. Er wollte vor allem wissen, wie viel Zeit zwischen einer bewussten Entscheidung für eine Handlung und ihre Ausführung verstreicht.
Handlungsvorbereitung - Was passiert, wenn wir in einen Apfel beißen?
Eine willkürliche Bewegung wie das Greifen nach einem Apfel ist das Ergebnis einer langen Kette hintereinander geschalteter, zum Teil aber auch parallel ablaufender Aktivitäten spezifischer Gehirnareale. Vereinfacht betrachtet kann man sich das folgendermaßen vorstellen:
Eine Situation wird rational (Vorderer Stirnlappen) und emotional (cingulärer Cortex) bewertet und die räumliche Anordnung sowie die eigenen Position ermittelt (in dem im Scheitellappen liegenden Assoziationscortex; Cortex = lat. für Hirnrinde). Das Gehirn formuliert anschließend in den dem Motorcortex vorgeschalteten Arealen eine Handlungsabsicht oder Intention, die dann auf den eigentlichen für die Ansteuerung von Muskeln zuständigen Motorcortex (sowie den prämotorischen Cortex) einwirken.
Der ungefähr auf einer Verbindungslinie zwischen den beiden Ohren liegende Motorcortex schickt seinen Ausführungsbefehl über die sogenannten Pyramidenbahnen und das Rückenmark hinunter zu den entsprechenden Muskeln, der Mensch greift zum Apfel. Zum Glück für uns verläuft das meiste hiervon unbewusst.
Entscheidungen treffen - Wann wissen wir Bescheid?
Zur Zeit als Libet seine Versuche durchführte, war bereits bekannt, dass sich eine Handlungsabsicht als sogenanntes Bereitschaftspotenzial im EEG der Probanden bemerkbar macht. Zunächst symmetrisch auf beiden Seiten des Gehirns, was der allgemeinen Absicht, etwas zu unternehmen wie z.B. in einen Apfel zu beißen entspricht, kurz darauf dann nur noch auf einer, der ausführenden Hand gegenüberliegenden Seite des Gehirns feststellbar. Da bekanntermaßen die linke Gehirnhälfte die rechte Hand, das rechte Bein usw. und die rechte Hemisphäre die Gliedmaßen auf der linken Seite steuern, ist dies nicht weiter verwunderlich.
Nun versuchte Libet den exakten Zeitpunkt festzustellen, wann sich die Versuchspersonen zu einer Bewegung entschlossen. Hierzu sollten die Probanden auf einen rotierenden Zeiger schauen und sich dessen Position zum Zeitpunkt ihres Entschlusses merken. Aufgrund der Rotationsgeschwindigkeit konnte so später der dieser Zeitpunkt berechnet werden. Libet stellte fest, dass das symmetrische Bereitschaftspotenzial, das eine reine Handlungsabsicht ankündigt, im Durchschnitt 550 bis 350 ms vor dem Willensentschluss entstand. In anderen Worten: das Gehirn bereitete emsig eine Handlung vor, von der der Proband noch gar nicht wusste, dass er sie ausführen wollte.
Willensfreiheit - nur eine Illusion?
Die Experimente wurden später mit verbesserter experimenteller Anordnung wiederholt, v.a. von den beiden Psychologen P. Haggard und M. Eimer. Es blieb der Befund: das Bereitschaftspotenzial oder die Handlungsvorbereitung geht der Willensentscheidung voraus.
Pauen und Roth diskutieren in ihrem Buch „Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit“ ausführlich diese Experimente und gehen darauf ein, warum dies trotz äußerem Anschein nicht der Willensfreiheit widerspricht. Sie argumentieren, dass jeder Entscheidung ein Abwägen der Alternativen vorausgeht. Genau diese Abwägen aber, dieses Fassen eines Handlungsplans, sei es was die Freiheit und Selbstbestimmtheit des Menschen ausmache. Wenn zu einem späteren Zeitpunkt dieser Handlungsplan nur noch abgerufen wird, und so interpretieren sie den von den Probanden gemeldeten Zeitpunkt des Willensentschlusses, habe dies mit freier Willensentscheidung wenig zu tun.
