
- Cover von Tschechows Novellen, Kopie des Autors - Autor
Anton Tschechow (Anton Cechov) (1860 - 1904) ist den meisten SchülerInnen dank seines Theaterstücks "Die Möwe" vertraut. Ein Großteil des literarischen Schaffens Anton Tschechows machen jedoch seine Erzählungen und Novellen aus, die er den einfachen Menschen Russlands widmet. Eine der wunderbarsten Erzählungen verkörpert "Die Dame mit dem Hündchen".
Tschechows "Tonlage" in den Novellen
Die Setting seiner Novelle "Die Dame mit dem Hündchen" aus dem Jahre 1899 in dem Kurort Jalta auf der Krim steht geradezu sinnbildlich für das Schaffen Anton Tschechows. Mit einem ihm ganz eigenen Feingefühl seziert Tschechow die Gefühle, Seelenstimmungen seiner Charaktere und spürt feinsinnig ihre inneren Abgründe auf. Alles geschieht im leichten Ton einer Salonerzählung oder einer entsprechenden Konversation. Mit dieser Leichtigkeit hebt er sich von den Erzählungen der berühmten Schriftsteller der vorangegangenen Generation, dem Ernst und der Geschlossenheit Tolstois sowie der tiefen seelischen Zerrissenheit der Figuren Dostojewskis, ab.
Die Dame mit dem Hündchen - eine psychologische Novelle
Schon mit der Wahl der Darbietungsform der Novelle stellt Anton Tschechow die Weichen für den oberflächlich gesellschaftlichen Ton, unter dem sich die scharfsinnige, psychologische Analyse gesellschaftlicher Zustände und Missstände verbirgt. Immer wieder steht die Kleinlichkeit und Provenzialität der Verhältnisse im Streiflicht eines nüchternen, leichten Vortrages. Die Projektion in den Kurort Jalta mag auch Tschechows zunehmenden eigenen Ressentiments gegenüber der Provinzialität geschuldet sein, die ihn in dem Gefühl zurückließ, von dem Puls des Geschehens in Moskau und Sankt Petersburg zu weit entfernt zu sein. "Die Dame mit dem Hündchen" hebt sich insofern von der Vielzahl der Erzählungen ab, als dass Tschechow seine lyrische Seite auslebt. Nicht nur deshalb leuchtet "Die Dame mit dem Hündchen" unter den Novellen Tschechows heraus, die zwar berauschen können wie "Die Steppe", sehr oft jedoch den Leser in einer nachdenklichen Stimmung zurücklässt, wie etwa die dunkle Novelle "Gussew" (1890) oder die philosophisch angehauchte Erzählung "Der Schwarze Mönch".
Anna und Dmitrij treffen sich und lernen sich kennen
Schon das Sujet, die Liebe der jungen, unerfahrenen Dame mit dem Hündchen, die an sich Anna Sergejewna heißt, zu dem älteren Dmitrij Dmitritsch Gurow in dem Ferienort Jalta, wie auch das spielerische Transponieren und Auflösung der Episode in der Form eines offenen Dramas deutet auf eine ganz eigene Leichtigkeit bei der Behandlung des Stoffes hin. Hinzu kommt ein Stück Ironie, ein unverbindlicher Tonfall, wie schon der Titel der Novelle offenbart, mit dem Tschechow die Verhältnisse und Beziehungen der Menschen betrachtet und pointiert. Hinter diesem ersten Eindruck entspinnt sich jedoch eine bedeutungsschwere Thematik. Die sich in Jalta in der Schwüle und Langeweile des Ferienortes am Schwarzen Meer entwickelnde Beziehungen hat weit reichende Auswirkungen auf das weitere Leben der beiden Protagonisten. An finden Anna und Dmitrij vor dem Hintergrund ihres Kuraufenthalts zueinander. Zuerst handelt es sich um eine bloße Bekanntschaft, doch bald beginnen sich wahre Gefühle anzubahnen. Als Anna dem Ruf ihres kranken Ehemanns folgt und Jalta verlässt, scheint die Affäre zu Ende zu sein. Die Wege von Anna und Dmitrij scheinen sich unwiederbringlich zu verlieren. Beide kehren zurück in ihre konventionelle, von der Gesellschaft akzeptierten und auferlegten Welt.
Der Abschied als Zäsur und Neubeginn
Doch dieser vermeidliche Abschied für immer markiert einen tiefgehenden Einschnitt im emotionalen Leben von Anna und Dmitrij. Zurück in seiner Heimatstadt Moskau im Kreise seiner Familie muss Gurow realisieren, dass seine Gefühle zu Anna nicht verstummen. Zum ersten Mal in seinem Leben empfindet Gurow wahre Liebe. Diese Empfindung schärft sein Auge für das Leben um ihn herum, das sich nun als ein Komplex von Lügen, Heuchelei und Konventionen entpuppt. In dieser Stimmung verzweifelt Gurow und begibt sich auf die Suche nach Anna in ihrer Stadt. Als er Anna seine Gefühle für sie offenbart, gesteht auch sie ihm ihre Liebe. Im Folgenden ringen beide mit ihrer Leidenschaft, die den Konventionen der Gesellschaft widerspricht. Nach einer Zeit, in der beide ein Doppelleben zu führen suchen, entscheiden sie sich Im Ergebnis gegen die Gesellschaft für ihre Liebe. Tschechow kommt es insofern auf das Aufzeigen der Problematik an, denn auf eine tiefgreifende Kritik. So schließt die Novelle mit den vielsagenden Sätzen, dass vor beiden noch ein schwerer Weg liegen wird. Dieses Ende, Ausklingen einer Episode aus dem Leben zweier Menschen fügt sich in die Leichtigkeit des Tons ein, den die Novelle anschlägt. Tschechow skizziert, deutet an, zeigt behutsam auf die Doppelmoral der Gesellschaft hin, die sich hinter Konventionen und Zwang versteckt, und die das Individuum einengen und dazu nötigen, seinen Lebensweg möglicherweise gegen die Gesellschaft zu suchen.
Literatur & Quellen
Anton Tschechow (Cechov), Meistererzählungen. Anaconda Verlag (ISBN: 9783866470385)
