"Die Liebesangst" von Anne B. Ragde - musikalischster Roman 2010

Anne B. Ragde: Die Liebesangst - btb Verlag
Anne B. Ragde: Die Liebesangst - btb Verlag
Der neue Roman der norwegischen Bestsellerautorin Anne B. Ragde ("Lügenhaus"-Trilogie) widmet sich der Angst vieler Frauen, sitzen gelassen zu werden.

"Ohne Musik zu leben...? Dann könnte sie auch gleich sterben." Aus Liebeskummer jedenfalls wird die attraktive blonde Musikredakteurin Ingunn sicher nicht sterben, da ist die 39jährige sich sicher. Musik ist ihr Leben - Popmusik, Rock, Hip Hop, House, Techno, alles außer modernem Jazz (und von klassischer Musik ist schon gar nicht die Rede). Ihr größte Freude ist es, vor den CD-Regalen zu stehen, ihren eigenen natürlich, sie besitzt viele Meter davon, abzuwägen und sich zu entscheiden: "Tommy Tokyo oder die Steve Miller Band. Die Stones oder Peps Blodsband. Cat Stevens oder Eminem." Im Auto hört sie Ry Cooder, Achtziger-Hits, Kim Larsen, Maroon 5.

Anne B. Ragde schreibt Frauenversion von Nick Hornbys "High Fidelity"

Das einzige Buch, das Romanheldin Ingunn dreimal gelesen hat - überhaupt liest sie wenig -, ist der Roman "High Fidelity" von Nick Hornby. Damit hat die norwegische Bestsellerautorin Anne B. Ragde ihr Konzept für ihren neuen Roman formuliert: Auch "Die Liebesangst" handelt von der Angst, von Geliebten verlassen und sitzen gelassen zu werden. Zugleich ist es ein Musikroman, genau wie Hornbys Geschichte. Man könnte sagen, dass Ragde versucht hat, die weibliche Version von "High Fidelity" zu verfassen, denn bei Hornby geht es um die Nöte eines männlichen Musikkenners, Plattenladenbesitzer, mit seiner Ex-Freundin, seinen One Night Stands und seiner Angst vor tiefem Fall in Gefühlssumpf.

Die Angst der Frauen, sitzen gelassen zu werden

Auch Ingunn fürchtet nichts mehr, als von einem Liebhaber, und sei die Beziehung noch so flüchtiger Natur, verlassen zu werden. Obwohl sie ansonsten selbstbewusst und anerkannt durchs Leben geht, blendend aussieht, einen gut bezahlten Redakteursjob hat und sich die Männer, mit denen sie zusammen sein möchte, problemlos aussuchen kann, wird sie von einer unerträglichen Angst vor Ablehnung verfolgt: "nicht schön genug, nicht klug genug, gut genug im Bett zu sein, nicht die Auserwählte, nicht die Erste zu sein, an die er dachte, wenn etwas Schönes oder Trauriges passierte, nicht die Allererste zu sein, mit der er alles teilen wollte".

Wie man sich am besten vom Geliebten trennt

Deshalb verfügt Ingunn über ausgefeilte Strategien, ihren jeweiligen Beziehungspartner in die Wüste zu schicken, vor allem rechtzeitig, ohne ihm eine Chance dafür zu überlasen. Sie geht dabei methodisch zielsicher vor, um Nach- und Nebenwirkungen - zum Beispiel lästige Liebesbriefe, nächtliche Anrufe, weinende junge Männer vor der Haustür, rachsüchtigen Tratsch in der kleinen Stadt Trondheim, Rufmord am Arbeitsplatz - möglichst zu vermeiden. Dabei leidet sie selbst fürchterlich, der ausgemusterte Mann fehlt ihr in diesen Momenten sehr, und sie braucht meist zwei Wochen, um darüber hinweg zu kommen.

Sich mit One-Night-Stands über den Verlust hinwegtrösten?

Danach legt sie eine Runde mit One-Night-Stands ein. Vor allem aber hört sie ihre Musik. Ingunn ist dabei keineswegs gefühlskalt, auch sie verliebt sich in Männer, nur nicht richtig ernsthaft, das verbietet sie sich. Bis eines Tages der Ingenieur Tom mit seiner siebenjährigen Tochter in ihr Leben gerät. Von da an geht es bergab mit Ingunns Prinzipien.

Kantinengespräche über Ehen und Beziehungen

Anne B. Ragde gelang einerseits kluges Buch über ein weit verbreitetes Frauenverhalten. Die zahlreichen Ausprägungen dieser modernen Behinderung der weiblichen Psyche, von der unzählige Psychotherapeuten gut leben können, diskutiert Heldin Ingunn mit ihren Kolleginnen, deren Ehen und deren Sexleben genügend Stoff zu Pausen- und Kantinengesprächen liefert. Dies ist erzählerisch ein guter Trick. Andererseits fällt es schwer, den Roman "Die Liebesangst" wirklich als gelungen zu empfinden, denn die in einem hervorragend angelegten Spannungsbogen beginnende Story verliert leider an Tiefgang. Die Figur Ingunn wird als derartig übertrieben männer- und sexverrückt geschildert, dass selbst die geduldigste Leserin, die Ingunns ausschweifendes Sinnenleben verfoglt, irgendwann die Lust darauf verliert.

"Liebesangst"-Roman schwächer als "Lügenhaus"-Trilogie

Bald schon ist klar, auf welches Happy End die Sache unweigerlich zusteuert, und diese, sich langsam entwickelnde gefühlsechte Liebesbeziehung der zu läuternden Heldin wurde von der Autorin leider äußerst schwach ausgearbeitet, eine Enttäuschung für die Fans der "Lügenhaus"-Trilogie der Bestsellerautorin Anne B. Ragde. Warum die ebenso schnell stattfindende sexuelle Vereinigung des Idealpaares sich anders anfühlt als die vielen vorherigen, auch durchaus fröhlich und liebevoll verlaufenden Bettgeschichten, wird schwer verständlich. Ein ärgerlicher Flüchtigkeitsfehler des Lektorats droht bereits vorher, den erzählerischen Drahtseilakt zu zerstören - oder ist es nicht wichtig, dass Buddy Holly keineswegs 1985, sondern 1959 bei einem Flugzeugabsturz ums Legen kam?

Auftakt mit Neil Young, Happy End mit Coldplay

Der norwegische Titel "Nattonsket" spielt vermutlich auf ein Stück des Produzenten und Remixers Prins Thomas an, es bedeutet "Nachtstück", die Auflösung wird am Ende des Romans deutlich, wenn Ingunns Herzensprinz ihr intuitiv in einem nächtlichen Radiowunschkonzert einen Titel ihrer Lieblingsband Coldplay widmet, und so endet das Buch hart am Rande des Kitsches zur einschmeichelnden Stimme von Chris Martin: "I will try to fix you". Verliebt hatte sie sich zu den Klängen von Neil Young. Noch Fragen?

Anne B. Ragde: Die Liebesangst. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. btb Verlag. Gebunden. 288 Seiten. 19,95 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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