
- Detail mit Seeohren-Muscheln - B.Haußmann
Die Kanalinsel Guernsey ist zwar reich an Naturschönheiten, hält aber für den Besucher wenig Sehenswürdigkeiten bereit. Dies allein ist aber nicht der Grund, warum der Besuch der Little Chapel zum absoluten Pflichtprogramm gehört und die vermutlich kleinste geweihte Kapelle der Welt zu einem der meist fotografierten Motive der Britischen Inseln macht.
Bruder Déodat’s Traum und Lebenswerk
Der Bau der Little Chapel begann im Jahr 1914 und zog sich in mehreren Anläufen über Jahrzehnte hin. Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten tausende Ordensmitglieder der 1680 in Frankreich gegründeten La-Salle-Bruderschaft ins Exil aus, weil ihre Glaubensgemeinschaft von der französischen Regierung verboten worden war, einige von ihnen auf die Kanalinsel Guernsey, wo sie die Ländereien von Les Vauxbelets erwarben und dort ihre Ordensgebäude bauten.
Unter ihnen befand sich der Mönch Déodat Antoine, der im März 1914, inspiriert durch die Wunder in Lourdes, in dem lauschigen grünen Tal mit dem Bau einer winzigen Kapelle zu Ehren Gottes begann, die er sich als eine Miniaturnachbildung der Grotte in Lourdes dachte. Als seine mühevolle Kleinarbeit Anlass zu Häme und Kritik wurde, riss er sie eigenhändig wieder ein. Da er aber von seinem Traum nicht lassen wollte und konnte, nahm er noch im gleichen Jahr die Arbeit an der Grotte wieder auf, die im Juli 1914 fertig wurde und fing danach mit der Arbeit an einer neuen Kapelle an. Diese zweite Kapelle, gerade mal 3 Meter lang und zwei Meter breit, blieb immerhin 9 Jahre stehen bis zu einem Besuch des Bischofs von Portsmouth. Nachdem dieser sich nicht durch den sehr schmalen Eingang hatte zwängen können, riss Déodat die Kapelle erneut ein, nahm aber bald einen dritten Anlauf. Die Arbeit war mühselig und zog sich hin, weil Déodat die Muscheln und Porzellanscherben, mit denen er den Schrein mosaikartig schmücken wollte, mühsam zusammen suchen musste. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte er die Arbeit - aus seiner Sicht - beinahe beendet, kehrte aber aus gesundheitlichen Gründen vor der Fertigstellung nach Frankreich zurück. Sein Lebenswerk wurde von seinen Ordnensbrüdern unter Leitung von Bruder Cephas bis zu ihrer vorläufigen Fertigstellung 1965 weiter geführt. Bruder Déodat starb 1951, ohne die fertig gestellte Kapelle jemals gesehen zu haben.
Scherben aus aller Welt
Eine besondere Wende bekam das Projekt schließlich durch einen ausführlichen, bebilderten Zeitungsartikel im Daily Mirror, der den Blick einer breiten Öffentlichkeit auf das Projekt lenkte und zu einer ungeahnten Spendenwelle sowohl in der örtlichen Bevölkerung als auch von außerhalb, ja aus der ganzen Welt, insbesondere der renommierten Porzellanfirmen Wedgwood und Royal Doulton führte. Ungeahnte Mengen der schönsten farbigen Porzellanscherben und Perlmuttstücke trafen ein und gaben dem Projekt eine völlig neue Wende. Von nun an konnte die gesamte Oberfläche sowohl innen als auch außen sowie die gesamte umgebende Treppenanlage als Mosaik gestaltet werden. Dies gelang in unvergleichlicher Weise, denn die Scherben wurden nicht willkürlich verteilt, sondern nach Themen, Farben und Mustern angeordnet und machen die kleine Kapelle zu einer kunsthistorischen Besonderheit. Die Unterstützung und Mitarbeit in der Bevölkerung war überwältigend.
Die ‚Muschelkirche’
Weil Deodat zunächst eher die Schalen der Seeohren-Muschel (Abalone) als bunte Porzellanscherben zum Schmuck seiner Kapelle verwandte, wird sie oft auch die ‚Muschelkirche’ genannt. Vermutlich sammelte er die als Haliotis tuberculata im Ärmelkanal vorkommende Muschel mit den permuttreichen blau-grün schillernden Muschelschalen an Guernseys Küsten. Für den eigentlichen Unterbau verwendete er Schlacke, ein Neben-/ Abfallprodukt der Brennöfen, die der Beheizung der auf Guernsey weit verbreiteten Gewächshäuser dienten.
Die Arbeit an der Kirche dauert bis heute an. Im Jahr 1978 wurde eine Stiftung zum Erhalt und zur Erweiterung der Kapelle gegründet. So wurde beispielsweise um die Kirche herum ein Kreuzweg mit den 14 traditionellen Kreuzweg-Stationen angelegt - die Kapelle stellt die 15. Station dar. Im Jahr 1999 wurden das Gelände und die Gebäude Les Vauxbelets von Bruder Christantian an die ehemals von Nonnen geführte Mädchenschule Blanchelande verpachtet, die sich seitdem die Pflege und den Erhalt der Kapelle zur Aufgabe gemacht hat. Bruder Christantian und einige seiner Ordensbrüder liegen auf dem kleinen Friedhof auf dem Gelände begraben.
Die schönsten Bilder der Kapelle im Internet.
