
- Otto Dix malt die Tänzerin Anita Berber, 1925 - wikimedia/wikinaut
In der Geschichte der Malerei ist die Neue Sachlichkeit als Gegenbewegung zum Expressionismus, Kubismus und den avantgardistischen Kunstrichtungen wie Dada, Surrealismus, Futurismus und Konstruktivismus zu verstehen. Ihre Ausrichtung: zurück zum Gegenständlichen.
Der Ursprung des Begriffs Neue Sachlichkeit
1923 versandte der Direktor der Städtischen Kunsthalle Mannheim Gustav Friedrich Hartlaub ein Rundschreiben an alle Maler, die "in den letzten zehn Jahren weder impressionistisch aufgelöst noch expressionistisch abstrakt, weder rein sinnenhaft äußerlich, noch rein konstruktiv innerlich gewesen sind ...“.*
Zwei Jahre später, im Sommer 1925, konnte er mit den Rückmeldungen auf sein Rundschreiben eine Ausstellung ins Leben rufen, der er den Namen "Neue Sachlichkeit“ gab. 124 Bilder von 32 verschiedenen Künstlern hatte er zusammengetragen.
Malerei der Neuen Sachlichkeit: Definition und Merkmale
Die Neue Sachlichkeit bezeichnet eine Strömung der Malerei, die sich nach dem Ersten Weltkrieg der konkret-dinglichen Darstellung widmete. Was die Malerei der Neuen Sachlichkeit auszeichnet ist:
- Die Nüchternheit und Schärfe der Darstellung, die weitgehend frei ist von Emotionen und Sentimentalität
- Die Darstellung des Alltäglichen und Unspektakulären, meist in Nahsicht
- Ein statischer Bildaufbau, der Personen wie erstarrt wirken lässt und ohne Licht- und Schattenwirkung auskommt.
- Detailgenaue dingliche Darstellung
- Keine Spuren des Arbeitsprozesses bleiben sichtbar. Der Pinselduktus verschwindet komplett unter einer fast metallisch glatten Oberfläche, die den sterilen, luftleeren Charakter vieler Bilder noch verstärkt.
Auch wenn sich die Maler Neuen Sachlichkeit die o.g. Darstellungsprinzipien teilten, so war ihre Motivation zum Teil konträr. Dementsprechend unterscheidet man innerhalb der Neuen Sachlichkeit verschiedene Tendenzen:
Der Verismus: Die sozialkritische Strömung der Neuen Sachlichkeit
Verismus nannte man die sozial- und gesellschaftskritische Ausprägung der Neuen Sachlichkeit, die vor allem von George Grosz (1893-1959) und Otto Dix (1891-1969) vertreten wurde. Ihre illusionslosen Bilder zeigen deutlich, wie tief die Kriegserlebnisse die Generation traumatisiert hatten. Kriegsgewinnler mit Wohlstandsbauch stehen im Gegensatz zur hungernden Masse, die Vergnügungen der High Society im Kontrast zu Prostitution und Kriegsversehrtheit – nichts wird beschönigt. Brutal, schonungslos und grausam wird das Hässliche auf der Leinwand zur Schau gestellt.
Ein Beispiel ist das dreiteilige Werk Großstadt von Otto Dix, das das Berlin der Nachkriegswelt in karikierender Überzeichnung zeigt: die elende Seite, ebenso wie die dekadente.
Auch Christian Schad (1894-1982), Rudolf Schlichter (1890-1955) und Karl Hubbuch (1891-1979) vertraten die veristische Ausprägung der Neuen Sachlichkeit und waren 1925 in der Mannheimer Kunsthalle zu sehen.
Der Klassizismus: Die unpolitische Seite der Neuen Sachlichkeit
Als Klassizisten innerhalb der Neuen Sachlichkeit bezeichnet man eine Gruppe von Malern, die sich politisch wenig engagiert zeigte und auch keinen Drang zu gesellschaftlicher Kritik verspürte. Für sie stand die gegenständliche, lasierende Malweise im Vordergrund. Ihre Motive waren Stillleben, Porträts und Landschaften. Zu dieser Gruppe zählten unter anderem Georg Schrimpf, Rudolf Dischinger und Alexander Kanoldt.
Magischer Realismus: Die metaphysische Tendenz der Neuen Sachlichkeit
"Magischer Realismus“ ist ein Begriff, den Franz Roh zur gleichen Zeit in Umlauf brachte wie Hartlaub seine "Neue Sachlichkeit". Deshalb werden beide Begriffe heute noch häufig synonym verwendet. Die Vertreter des Magischen Realismus haben viel mit den Klassizisten gemeinsam. Ihre Motive ähneln sich, allerdings wirken sie distanzierter, traumhafter, tiefgründiger. Hinter der greifbaren Wirklichkeit verbirgt sich eine "magische“ Realität. Franz Radziwill, Richard Oelze und Carl Grossberg zählen zu den wichtigsten Vertretern dieser Gruppe.
*Quelle: Horst Richter: Geschichte der Malerei des 20. Jahrhunderts, Köln 1985
