
- Buchumschlag - Herbig-Verlag
Spannender kann sich eine Dokumentation zur Geschichte kaum lesen. Katyn ist ein Ort des polnischen Schicksals. Ein Massenmord im Jahr 1940 und eine abgestürzte Präsidentenmaschine im Jahr 2010 - beides nahe dem russischen Dorf Katyn - traumatisieren ein gesamtes Volk. Katyn liegt bei Smolensk und markiert das polnische Schicksal im Zwanzigsten Jahrhundert. An diesem Ort hat das sowjetische NKWD im April 1940 rund 4.500 polnische Offiziere und Intellektuelle heimlich per Genickschuss ermordet. Katyn ist neben Mdnoje und Pjatichatki nur einer von insgesamt drei Massengräbern, in denen das NKWD insgesamt 15.000 polnische Offiziere und damit praktisch einen erheblichen Teil der damaligen polnischen Intelligenzija "entsorgt" hat.
Polen lassen sich nicht zum Sowjetsozialismus bekehren
Das NKWD unter Lawrentij Berija hatte den Auftrag, das gefangene polnische Offizierskorps für den Kommunismus zu gewinnen und die Verlässlichkeit der Polen als möglicher Bündnispartner der Sowjetunion gegen Deutschland zu analysieren. Berija musste konstatieren, dass die Polen der Sowjetunion nicht über den Weg trauten. War die UdSSR doch erst ein Jahr zuvor in Ostpolen eingefallen. Russen und Deutsche hatten wieder einmal Polen zwischen sich aufgeteilt. Moskau beanspruchte zudem Ostpolen und die polnischen Teile des heutigen Litauens für sich. Nicht zuletzt vertrug der polnische Katholizismus sich nicht mit der religionsfeindlichen Haltung des Sowjetsozialismus.
Berija schlug deshalb dem Politbüro vor, die Gefangenen „dem NKWD zur Verfügung zu stellen“. Dieser Wortlaut hieß nichts anderes als die konsequente Liquidierung. Das Politbüro unter Josef Stalin stimmte zu. Und auch das damalige formelle Staatsoberhaupt der UdSSR Michail Kalinin, dem noch heute als Namensgeber für das ehemals deutsche Königsberg in Ostpreußen gehuldigt wird, segnete das Massenmord-„Verfahren“ ab. Das blutige Handwerk läuft professionell ab, auch Zeugen, örtliche Dorfbewohner, die beim Ausheben der Gruben geholfen haben, kehren nicht mehr zurück.
Das Massaker von Katyn und Charkow sind erst der Beginn
Doch die Schüsse sind im Dorf Katyn nicht unerhört geblieben. Als die Deutschen Smolensk erobern, wird 1943 auch das Massengrab im Wäldchen von Katyn entdeckt. Goebbels erkennt den Propagandawert und schlachtet den Massenmord von Katyn aus, um einen Keil zwischen die Alliierten zu treiben. Erst zwei Monate zuvor hatte die Kapitulation der 6. Armee bei Stalingrad das Vertrauen in den Endsieg erschüttert. Katyn kommt gerade recht. Er stellt eine internationale Expertenkommission zusammen, um den Fall „Katyn“ untersuchen zu lassen. Doch seitens der Polen wird schon lange vermutet, dass das NKWD die polnischen Offiziere beseitigt hat. Der Hass auf die Deutschen ist aber inzwischen so groß, dass Goebbels sein Ziele nicht erreicht: die Briten ahnen die Wahrheit, aber schweigen, die Amerikaner fallen auf die sowjetische Verschleierungstaktik zunächst hinein und die polnischen Kommunisten stützen die Politik des Schweigens.
Und so ist der Massenmord an den Polen erst der Auftakt in Franz Kadells Buch "Katyn. Das zweifache Trauma der Polen" (Herbig Vlg.). Stalin will das Verbrechen vertuschen, es später den Deutschen in die Schuhe schieben und wird sogar „Täter“ noch im Jahr 1943 in Schauprozessen verurteilen und hinrichten lassen. Für die Alliierten unbequeme Fragen stellte auch der polnische Ministerpräsident der Exilregierung in London und stirbt im Juli 1943 bei einem Flugzeugunglück, das aufgrund der Umstände mehr nach Attentat als Unglück riecht. Auch Zeugen, die in dem von Goebbels eingeleiteten internationalen Untersuchungsverfahren als Experten oder Zeugen eine Rolle spielen, „verunglücken“ oder verschwinden.
Einer der Mörder wird im Nürnberger Prozess zum Ankläger
Im Nürnberger Prozess wird im Februar 1946 der Vortrag des sowjetischen Anklägers zu Katyn endgültig zur Farce. Weder Briten noch Amerikaner ahnen, das ausgerechnet der russische Chefankläger, General Roman Rudenko, an dem Massenmord an den Polen direkt beteiligt gewesen ist. Ausgerechnet in den Prozessen gegen die Nationalsozialisten vertritt der Mörder die Anklage. Die Geheimhaltung ist so hoch, dass die Geheimakte zu Katyn ausschließlich der Generalsekretär der KPdSU lesen darf. Das Schweigen über Katyn ist so beredt und die Moskauer Lüge über die Täterschaft so offensichtlich, dass Katyn die Polen noch mehr zusammenschweißt und zum Schmieröl für die antikommunistische Aufbruchbewegung und für Solidarnosc wird.
Erst unter Gorbatschows Glasnost bröckelt die Front des Schweigens, deren Schutz über die Jahrzehnte eine blutige Spur in Europa hinterlässt. Erst Boris Jelzin wird den Geheimbefehl zum Massenmord an Warschau aushändigen und damit die Verantwortung offiziell eingestehen. Dennoch: Verurteilungen von noch lebenden Tätern gibt es keine. Akten werden als geheim eingestuft und dürfen nicht mehr eingesehen werden. Und so kann Polen sein Trauma nicht verarbeiten. Dass polnische Misstrauen gegenüber Moskau bleibt.
2010: Kazcynskis Präsidenten-Flugzeug stürzt bei Katyn ab
Als 2010 auch noch die polnische Präsidentenmaschine im Anflug auf den Flughafen von Smolensk im Nebel zerschellt und alle 96 Insassen in den Tod reißt, verdoppelt sich das Trauma. In dem Flugzeug saßen neben dem Präsidenten Lech Kaczynski und seiner Frau zahlreiche hochrangige Politiker, Beamte und Militärs, die ausgerechnet in Katyn an einer Gedenkstunde teilnehmen wollten. Wieder wird ein Stück polnischer Elite dahingerafft, wieder in Katyn. Putin erkennt die Dramatik der Situation und sichert sofort jede erdenkliche Unterstützung bei der Bergung und Aufklärung zu. Auch in Moskau wird Staatstrauer angeordnet. Die sichtbare Solidarität aus Moskau kommt in Polen zunächst gut an. Da aber Moskau die Massenmorde von Katyn nicht restlos aufarbeiten will und Verurteilungen von Tätern ausbleiben, kühlen die Beziehungen schnell wieder ab. Zudem keimen von Politikern der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) gestützte Verschwörungstheorien auf. Was war in dem Flugzeug tatsächlich geschehen, weshalb ist ausgerechnet dieses Flugzeug abgestürzt, war es ein Unglück oder ein Terrorakt? Kadell zeichnet die letzten Sekunden in einer spannenden Dramaturgie anhand der Blackbox-Dokumentation und der Towerprotokolle noch einmal bis zum Aufschlag der Maschine nach. Sekunde für Sekunde.
Katyn, das doppelte Trauma, beherrscht bis heute die polnische Volksseele. Kadell fügt das nachgewiesene Geschehen der vergangenen 70 Jahre minutiös zusammen. Die Katyn-Dokumentation ist ein echter Polit-Thriller mit einem Spannungsbogen kurz vor dem Bersten. Für Katyn muss kein Roman geschrieben werden, so dramatisch und so nachhaltig blutig ist die bereits jetzt bekannte Geschichte. Viele Geheimdossiers in Großbritannien und Russland warten indessen noch immer auf Auswertung. Katyn ist eine wesentliche Säule der polnischen Nationalgeschichte und damit auch ein kleines Stück Weltgeschichte.
Quellen:
Franz Kadell: Katyn. Das zweifache Trauma der Polen.254 Seiten, Herbig Verlag, München 2011, Euro 19,99
