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Die Meisterin der Assemblage: Isa Genzken

Ohren und Fenster auf! - Inga Ganzer
Ohren und Fenster auf! - Inga Ganzer
"Keep mixing things up" ist das Motto der Deutschen, deren Installationen die Gegenwart wie kaum ein anderes zeitgenössisches Werk widerspiegeln.

Isa Genzken (* 1948 in Bad Oldesloe bei Hamburg) studiert im Nachhall der Studentenrevolutionen in Hamburg Malerei, bis 1973 Fotografie und Grafik in Berlin, bis 1977 in Düsseldorf. Über die Kunstakademie hat sie enge Verbindungen, sowohl inspirierender (Beuys) als auch freundschaftlicher Natur (Bruce Nauman und Wolfgang Tilmans). Der SPIEGEL reagiert im Jahr 2007 auf die Wahl der deutschen Künstlerin zur wichtigsten der Gegenwart mit der ironischen Überschrift „Waaas, diiie als Nummer eins!?“, steht aber hinter dieser Auszeichnung, mit der Isa Genzken nach einem fulminant erfolgreichen Jahr geehrt wird. Nicolas Schafhausen, Kurator des deutschen Pavillons der Biennale Venedig 2007 erzählt in einem Interview mit der ZEIT (06.06.07), dass „er nicht lange habe überlegen müssen“, wem er die Aufgabe, den Pavillon zu bespielen, übertragen möchte: der „großartigen Bildhauerin“, die, wie der SPIEGEL schreibt „ein sich immer wieder selbst erneuerndes bildhauerisches Œuvre entwickelt“ hat und die „gnadenlos modernes Kopfkino“ betreibt.

Öffnung und Grenze: Das Werk der Künstlerin

Auf den ersten Blick ist das Werk der Künstlerin sehr schwer zugänglich und auch die Tatsache, dass sie Interviews scheut und sich erst recht nicht gern über ihre Arbeit äußert, macht die Angelegenheit nicht einfacher. Isa Genzkens Arbeitsweise kann als spontan beschrieben werden. Sie hat keinen Plan, arbeitet ohne Struktur, ohne Notizen oder Skizzen. Sie mache Kunst für sich allein, wie sie der ZEIT verrät, es gehe darum, etwas zu sehen, „was man noch nicht gesehen hat“. Das einzige, was sich definitiv über das Werk sagen lässt, ist, dass es an Komplexität kaum zu überbieten ist. Genzken experimentiert mit Skulptur, Fotografie und Architektur, vermischt die Gattungen. Doch einige Dinge ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Werk. Da ist das Ohr, als ein Organ, das weit geöffnet ist und der Orientierung dient. Da ist die Architektur, einerseits mit glatten Oberflächen, als Reflektor der Umgebung; andererseits die Baukunst als Utopie („Fuck the Bauhaus“). Da ist die Überdimensionalität des Werkes, die es nur für das Museum, nicht aber für das Wohnzimmer, geeignet scheinen lässt. Und da ist das Fenster, der Ausblick, denn: „Jeder Mensch braucht mindestens ein Fenster“, wie ihr wohl meistzitiertes Wort und die gleichnamige Werkserie von 1990 lauten. Es ist die Konfrontation mit der Grenze und die daraus resultierende Konsequenz einer Erkenntnis, frischen Wahrnehmung oder ungewöhnlichen Perspektive, die auch bei Bruce Nauman eine wesentliche Rolle spielt. Isa Genzken arbeitet in erster Linie mit Billigmaterial, Ramsch könnte man sagen. Der Kunsthistoriker Michael Krajewski zählt es auf: „Barbiepuppen, Glitzerfolie, kitschiges Material, das man in Heimwerker-Märkten kaufen konnte, das hat sie alles zusammengeklebt und bunt bemalt“.

Kunst und das Wesen der Freundschaft

In einem der raren öffentlichen Gespräche trifft sie sich 2008 mit dem ihr sehr verbundenen Fotografen Wolfgang Tillmans und philosophiert mit ihm über ihr Werk und die Kunst an sich. Primär geht es ihr bei der Kunst um den Zustand des Inneren, weil das Äußere erklärbar, da sichtbar, ist. Das, was uns im Inneren beschäftigt – zermürbt oder euphorisiert – das ist in den wenigsten Fällen anschaulich darstellbar. Ein Großteil ihres Werks stellt einen solchen inneren Zustand dar und ist vielleicht deshalb auf den ersten Blick so verstörend, manchmal sogar belanglos – weil das eigene und fremde Innere manchen Menschen verschlossen bleibt. Es gibt ihrer Meinung nach in der heutigen Zeit wenig, auf das man sich verlassen kann, nach dem man sich richten kann, außer einem aufkeimenden, unweltlichen Gefühl während des Schaffensprozesses. Sie sucht nach einer neuen Reaktion auf das bereits Gewusste, das bereits Vorhandene. Sie beklagt, dass sich viele Künstler an einer Theorie abarbeiten, die sie erfunden haben und die sich dann durch ihr ganzes Leben zieht, eine Theorie, von der sie niemals wieder abweichen. Das ist es nicht, was sie will. Sie will die Routine unterbrechen, um zu einer neuen Erkenntnis zu gelangen und sie stimmt Tillmans zu, wenn er diesen Zustand als etwas beschreibt, das sich wie Verlust anfühlt, obwohl es ein Fortschritt ist. Kunst ist ein Bild des Menschlichen. Die unsichtbare Verbindung, die ein ergreifendes Werk zwischen ihm und einem Individuum erschafft, entspricht dem Wesen der Freundschaft: Das Werk versteht uns und wir verstehen das Werk. Und sie resümiert: Der Künstler unternimmt den Versuch, die Mannigfaltigkeit des eigenen Inneren zu visualisieren – nur darum geht es.

„Sesam öffne Dich“ – eine Retrospektive im Museum Ludwig Köln

Im Jahr 2009 findet im Museum Ludwig in Köln die erste große Einzelausstellung Genzkens („Sesam öffne Dich“) statt und nimmt die „außergewöhnliche“ und „maßgebende“ Bedeutung der Künstlerin in den Fokus. Es werden sowohl die Holzskulpturen der 1970er Jahre als auch die zerbrechlichen Rauminstallationen der Gegenwart gezeigt, die die Suchbewegungen Genzkens zwischen „Armut und Brutalität“ verdeutlichen. Sie verankert sich mit der Assemblage von Konsumartikeln, Alltagsgegenständen und bedeutungsschwangeren Objekten immer auch in einem gesellschaftspolitischen und ökonomischen Bezugsrahmen und nimmt diejenigen Seiten unseres Daseins in den Blick, die von Labilität, Irritation und Widerspruch gekennzeichnet sind. Isa Genzkens Werk ist ebenso beunruhigend, gegensätzlich und auf den ersten Blick undurchschaubar, wie es das Leben im 21. Jahrhundert selbst ist: intermedial, knallbunt, multiresponsiv, manchmal etwas anarchistisch und offen für alles.

Inga Ganzer - * 1978 in Dessau; Kulturwissenschaftlerin mit kaufmännischer Ausbildung; Fotografin, Lyrikerin und Autorin; Veröffentlichungen ...

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