Die Metapher – Prototyp der Bildlichkeit

Orientierung im Wald der Sprachbilder - Thomas Schmid
Orientierung im Wald der Sprachbilder - Thomas Schmid
Die Metapher ist zweifelsohne eines der prominentesten sprachlichen Stilmittel. Wie funktioniert sie und welche Arten von Metaphern gibt es?

Die Sprache der Bilder und damit das uneigentliche Sprechen ist eine sehr starke und alte Form des Ausdrucks, die selbst in unserer Alltagssprache nicht mehr wegzudenken ist. Ohne darüber nachzudenken, sprechen wir vom Stuhlbein, vom Buchrücken, von Liebestötern, Schraubköpfen, vom Redefluss, vom Rabenvater usw. und verwenden Bilder, die einen Sachverhalt oder ein Objekt näher beschreiben sollen. Schon Aristoteles befasste sich mit der Metapher und machte sich durch seine Substitutionstheorie sozusagen als Erster ein Bild vom Bild.

Aristoteles Substitutionstheorie

Aristoteles ging davon aus, dass eine Metapher Analogien zwischen mehreren Begrifflichkeiten schafft und einen zu bezeichnenden Begriff substituieren kann. Er drückt dies in folgender Gleichung aus:

A verhält sich zu B wie C zu X. Dabei ist X das, was bezeichnet werden soll.

Was zunächst kompliziert klingt, wird im Beispiel schnell klar:

Der Mensch verhält sich zum Rücken wie ein Buch zum schmalen Teil des Bucheinbandes. Es ist möglich, deshalb zum schmalen Teil des Bucheinbandes auch Buchrücken zu sagen.

Der Literaturwissenschaftler Hans-Dieter Gelfert bietet folgendes sehr anschauliches Beispiel:

Das Meer verhält sich zum Schiff wie die Wüste zum Kamel. Es ist deswegen möglich, zum Kamel auch Wüstenschiff zu sagen.

Natürlich ist diese Gleichung sehr idealisiert und oftmals passen Metaphern nicht exakt in dieses Schema. Der Grundgedanke aber, dass Metaphern Begriffe ersetzen, leitet sich von dieser Theorie ab.

Die Interaktionstheorie

Einen anderen Ansatz bietet die Interaktionstheorie, die davon Ausgeht, dass eine Metapher erst durch den Sinngehalt entsteht, den der Leser oder Hörer beim Rezipieren in die Metapher hineinlegt, um das uneigentliche Bild und das eigentlich Bezeichnete zusammenzuführen. Dies trifft vor allem dann zu, wenn die von Aristoteles beschriebenen Analogien bewusst aufgebrochen werden und Begriffe willkürlich zu Bildern zusammengesetzt werden.

Bildempfänger und Bildspender

Zudem bietet sich eine Zweiteilung in Bildspender und Bildempfänger an. Die eigentliche Metapher spendet ein Bild, das etwas anderes bezeichnet. Das Bezeichnete empfängt also eine gewisse Bildlichkeit. Die Metapher „am Fuß des Berges“ ist demnach Bildspender für den Ort in einer Landschaft, an dem die Steigung im Gelände erstmals zunimmt.

Konnotation und Denotation

Um die Metapher als Bild verstehen zu können, muss man sich klar machen, dass Begriffe neben ihrer Eigenbedeutung auch noch einen Bedeutungsmehrwert beinhalten können. Die eigentliche Bedeutung wird Konnotation genannt, die zusätzliche Bedeutung nennt man Denotation. Bei Bildern greift dies auch. Die Metapher vom Rabenvater ist auf der Ebene der Konnotation schlicht der Vater eines Raben und mehr nicht. Auf der Ebene der Denotation wissen wir aber, dass dieser Begriff mit einem Bedeutungsmehrwert behaftet ist und ganz allgemein einen Vater bezeichnet, der sich schlecht um Kind und Kegel kümmert.

Die Metapher im Wandel

Im Laufe der Zeit wurden Dichter immer kühner und entfernten sich zunehmen von der strengen Analogiestruktur, um Metaphern zu bilden. Die Beliebigkeit, mit der Begriffe zusammengefügt wurden, stieg stark an. Das brachte neue Wirkungen und eine gewisse Mystik in die teils wundersamen Bilder, aber auch eine hermetisch abgeriegelte Sprachwirklichkeit des Dichters mit sich, in die man nicht mehr ohne Weiteres eindringen konnte. Hier kommt die Interaktionstheorie ins Spiel, denn durch reine Analogiebildung sind diese Bilder nicht mehr entschlüsseln. Vielmehr werden sie erst durch das Einfügen von Sinngehalt seitens des Lesers zu einem Bild. Vor allem die hermetische Lyrik zu Zeit Paul Celans ist beispielhaft für diese Art der Metaphernbildung.

Begriffe wie „Fadensonnen“, „Todesfuge“ und „Niemandsrose“ entstammen seiner Feder und machen deutlich, dass der Zugang zum Bild hier nicht ganz so einfach ist, wie beim umgangssprachlichen „Stuhlbein“ oder dem „Flussarm“, dessen Sinn man sofort versteht. Man kann also festhalten, dass Metapher nicht gleich Metapher ist, sondern verschiedene Metaphernarten zu unterscheiden sind.

Arten von Metaphern

Metaphern lassen sich nach verschiedenen Kriterien unterscheiden. Sowohl inhaltlich als auch auf der grammatikalischen und morphologischen Ebene kann unterschieden werden. Ein paar Beispiele werden zur Veranschaulichung herausgegriffen.

Die verblasste Metapher oder lexikalische Metapher beschreibt Bilder, die so fest in unserem Wortschatz, dem mentalen Lexikon, verankert sind, dass sie uns nicht mehr ungewöhnlich erscheinen. Begrifflichkeiten wie Hundewetter, Katerfrühstück usw. fallen unter diese Kategorie.

Dem gegenüber steht die echte oder starke Metapher. Damit sind besonders poetische und innovative Metaphern gemeint, die wenig abgedroschen und ausdrucksstark sind. Gute Gedichte versuchen diese Form von Metaphern zu finden und greifen nicht auf verblasste Metaphern zurück. Es sei denn, sie werden ironisch reflektiert.

Die Absolute Metapher ist ein sprachliches Bild, das nur schwer oder keinen Rückschluss auf den Bildempfänger zulässt. Bildspender und Bildempfänger lassen sich also nur sehr schwer zusammenführen und müssen durch Wissen über Autor und Zeit ergänzt werden, um dechiffriert werden zu können.

Ein Beispiel für eine grammatikalische Metapher ist die Genitiv Metapher, in der durch Verwendung des Genitivs Bildlichkeit erzeugt wird. Beispiele hierfür sind: Schlafes Bruder, Mutters Herz oder Verse wie: „Der Kindheit müder Glanz verweilt in Mutters Augen.“

Quellenangaben:

Felsner, K., Helbig, H. und Manz, T. (2009): Arbeitsbuch Lyrik. Studienbuch. Berlin Akademieverlag

Gelfert, Hans-Dieter (2007): Wie interpretiert man ein Gedicht. Stuttgart: Reclam

Weber, Martina (2008): Lyrik schreiben und veröffentlichen. München: Uschtrin

Thomas Schmid, Thomas Schmid

Thomas Schmid - * 1987 | Stuttgart Ausbildung zum Bankkaufmann, Abitur an der Wirtschaftsoberschule, Lehramtsstudium an der PH-Ludwigsburg in den ...

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