Die Mittagsfrau von Julia Franck

Der mit dem Buchpreis ausgezeichnete Roman besticht durch Raffinesse

Franck: Die Mittagsfrau  - Fischerverlage
Franck: Die Mittagsfrau - Fischerverlage
Julia Franck schildert eindringlich, intelligent und düster die Geschichte von Helene, deren Leben ihr zum persönlichen Schicksal geworden ist.

Die Schriftstellerin Julia Franck wurde 1970 in Berlin geboren. In ihrem Roman „Die Mittagsfrau“ verarbeitet sie tatsächlich Geschehenes im Leben ihres Vaters. Dieser wurde 1945 im Zuge der Vertreibung an einem Bahnhof von seiner Mutter zurückgelassen. Francks Vater verstarb im Alter von 49 Jahren an einem Hirntumor.

Stettin der Nachkriegszeit

Im Prolog beschreibt die Autorin Auszüge aus dem Leben des kleinen Peter, der 1945 mit seiner Mutter gen Westen flüchtet. Auf dem Weg, den beide mit dem Zug zurücklegen, müssen sie umsteigen. Doch dann geschieht das Unfassbare: Die Mutter lässt den kleinen Peter einfach zurück – sagt, sie gehe Fahrkarten kaufen – und verschwindet für immer.

Einfühlsam, bedrückend und gefühlvoll beschreibt Franck in diesen Szenen das gestörte Mutter-Sohn-Verhältnis. Schon hier wird deutlich, dass die Mutter persönliche Probleme hat. Die Autorin beschreibt die bedingungslose Liebe des kleinen Peter zu seiner Mutter. Der Leser spürt deutlich die bedrückende Stimmung, da diese Liebe nicht in derselben Form erwidert wird. Franck spielt mit der Sprache, sie schreibt sinnlich und einfühlsam; als Leser hat man es schwer, das Buch aus der Hand zu legen.

Entwicklung von Helenes Psyche

Im weiteren Verlauf des Romans geht es um die Lebensgeschichte von Helene. Es wird deutlich, dass es sich bei Helene um die Mutter Peters handelt. Franck unternimmt den Versuch zu erklären, weshalb sich Helene zu dem Menschen entwickelt hat, der sie im Prolog bereits ist. Die Zeit zwischen den Kriegen, eine Mutter, von der sie nicht geliebt wird, der tragische Verlust ihrer großen Liebe und Misshandlungen des späteren Ehemannes tragen dazu bei, dass Helene ihre Gefühle ihrem Sohn gegenüber nicht zeigen kann und will.

Bautzen/ Lausitz während der Weltkriege

Helene wächst mit ihrer älteren Schwester Martha in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Die Mutter der Töchter, Selma Würsich, legt vor allem ihrer jüngeren Tochter gegenüber ein abweisendes Verhalten an den Tag. Es wird angedeutet, dass mit Selma „etwas nicht stimmt“. Sie gilt im Dorf als Außenseiterin, sammelt absurde Gegenstände und ist leicht reizbar. Die Töchter wissen, dass ihre Mutter Jüdin ist, doch bringen sie dies nicht mit ihrer Außenseiterrolle im Dorf in Verbindung. Der Vater der beiden, Ernst Ludwig Würsich, liebt seine Frau abgöttisch; diese jedoch erwidert die Gefühle nicht.

Franck konstruiert hier geschickt das Bild einer Familie, in der es an vielen Stellen bröckelt. Das Verhältnis der Schwestern erscheint zu intim – hervorgerufen durch das schlechte Verhältnis zur Mutter und die Suche nach einer Ersatzbeziehung –, die Beziehung zur Mutter ist kühl und beschränkt sich auf das Nötigste, und auch der Vater wird von seiner Frau emotional verstoßen. Schon hier wird klar, dass es für Helene später einmal schwer werden kann, die nie erfahrene Liebe der Mutter an ein eigenes Kind weiterzugeben.

Berlin als Chance und Fluch

Einige Jahre später erfahren die Schwestern von einer Tante Fanny, die in Berlin wohnt. Fanny lädt ihre Nichten ein, in die große Stadt zu ziehen und diese machen sich sogleich auf den Weg. In Berlin kommen die Schwestern in den Genuss von Luxus, Kabarett, Festen und der großen weiten Welt. Während Helene sich jedoch eher in die Welt der Bücher zurückzieht, genießt Martha das ausschweifende Leben und driftet langsam in die Drogensucht ab.

Eines Tages lernt Helene den Juden Carl Wertheimer kennen und lieben. Sie verloben sich, doch dann geschieht ein großes Unglück. Die Trauer über Carls Tod lähmt Helene. Kurz darauf begegnet sie dem deutschen Ingenieur Wilhelm, der hartnäckig um sie wirbt. Irgendwann gibt sie nach und heiratet ihn. Doch das vermeintliche Glück ist nur von kurzer Dauer. Wilhelm entpuppt sich als grob und gewalttätig. Als Helene ihm verkündet, sie sei schwanger, reagiert er abweisend und kühl. Von da an verbringt er die meiste Zeit fern seiner Familie.

Eindringlich, klug und handwerklich perfekt erzählt Franck die Lebens- und Leidensgeschichte der Protagonistin Helene. Mit ihrer klugen psychologischen Analyse der Protagonistin schafft Franck es beinahe, dem Leser das unfassbare Verhalten Helenes begreiflich zu machen.

Epilog

Im Epilog wird noch einmal auf den kleinen Peter eingegangen, der inzwischen bereits älter geworden ist und mehr geduldet als erwünscht bei seinem Onkel wohnt. Franck rückt hier noch einmal eindringlich die Enttäuschung Peters in den Fokus der Erzählung. Seine Mutter war für ihn bis zum Zeitpunkt ihres Verschwindens vollkommen und die Liebe zu ihr war größer als alles andere; doch ab jenem Moment, indem ihm klar wurde, dass sie nicht mehr zurückkommt, packen ihn Wut, Enttäuschung und Trauer. Hier schließt sich der Kreis, der im Prolog mit Szenen aus dem Leben des kleinen Peters begann.

Deutscher Buchpreis 2007

Für ihren Roman „Die Mittagsfrau“ erhielt Julia Franck den Deutschen Buchpreis 2007. In der Begründung der Fachjury heißt es: „Vor dem Hintergrund zweier Weltkriege erzählt Julia Franck die verstörende Geschichte einer Frau, die ihren Sohn verlässt, ohne sich selbst zu finden. Das Buch überzeugt durch sprachliche Eindringlichkeit, erzählerische Kraft und psychologische Intensität. Ein Roman für lange Gespräche.“ Der Roman wurde in 32 Sprachen übersetzt.

Lesetipp für die Sommerzeit

Der Roman von Julia Franck ist auch als Hörspiel erhältlich.Das Highlight der Hörfassung ist, dass die Autorin selbst ihren Roman liest – so drückt sie die Emotionen nicht nur sprachlich, sondern auch akustisch aus. Sehr empfehlenswert!

Julia Franck liest: Die Mittagsfrau. Hörverlag 2007. 6CDs, Spieldauer 397 Minuten. Euro 29, 95.

Julia Franck: Die Mittagsfrau. Fischerverlage 2007. Broschur, 432 Seiten. Euro 9,95.