Die Morgenseiten schreiben – ein Tipp von Julia Cameron

Morgenseiten schreiben - sassi / PIXELIO
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Morgens als Erstes drei Seiten schreiben für mehr Kreativität, empfiehlt Julia Cameron in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers".

Julia Cameron gibt in ihrem Buch viele Ratschläge und regt zu Übungen an, um zu mehr Kreativität zu gelangen. Der Titel „Der Weg des Künstlers“ sollte auch die nicht abschrecken, die gar keine Ambitionen haben, künstlerisch tätig zu werden. In erster Linie wendet sich die Autorin zwar an Menschen, die beruflich schreiben oder das Schreiben zu ihrem Beruf machen wollen, doch die Lektüre lohnt sich auch für diejenigen, die ganz anderen Tätigkeiten nachgehen. Wer Lust bekommt, das Buch zu lesen und alle Übungen auszuführen, wird allerdings auch mit unliebsamen Auflagen konfrontiert. So erteilt Julia Cameron eine Woche Leseentzug. Das wird für viele schlimm. Eine der Pflichten, die Woche für Woche, Tag für Tag bestehen bleibt, ist das Schreiben der Morgenseiten.

Worin die Morgenseiten bestehen

Bei den Morgenseiten geht es darum, drei DIN-A-4-Seiten zu füllen und zwar genau mit dem, was einem gerade durch den Kopf geht. Dabei ist entscheidend, alles schnell aufzuschreiben und zwar nicht am PC, sondern mit der Hand. Es kommt dabei nicht darauf an, dass Orthografie und Interpunktion stimmen. Es muss auch keine stilistische Höchstleistung erbracht werden. Diese Seiten sind nicht zum Veröffentlichen bestimmt, werden nach Fertigstellung abgelegt und vorerst nicht mehr angesehen. Bei den Inhalten darf von einem Thema zum anderen gesprungen werden. Wir denken nun mal assoziativ und unsere Gedanken sind manchmal auch schrecklich banal. Oder es wird gejammert, wie fürchterlich die Arbeit sei, die ungeschickte Kollegin, die pubertierende Tochter und vieles mehr. Dies alles wird zu Papier gebracht und nicht bewertet. Dem Zensor im Kopf wird Redeverbot erteilt.

Warum die Seiten morgens geschrieben werden

Für Langschläfer ist es sicher eine Herausforderung, wenn es heißt, eine Viertelstunde früher aufzustehen. Wer morgens schlecht in Schwung kommt, sollte sich schnell die Zähne putzen und einen Becher Tee oder Kaffee zubereiten. Ob man nun am Schreibtisch, am Küchentisch oder mit dem Schreibblock auf den Knien noch im Bett schreibt, ist unerheblich. Hauptsache, es geschieht als Erstes und ungestört. Denn die Idee, die der Übung zugrunde liegt, heißt, gedanklichen Ballast abwerfen. Das geschieht, indem die oben erwähnten Banalitäten und Befindlichkeiten aufgeschrieben werden. Natürlich ist hier auch Platz für schwerwiegende Probleme. Und da dies schon einmal abgehandelt wurde, geht es nach dieser morgendlichen Übung mit leichterem Gepäck durch den Tag.

Der tiefere Sinn der Morgenseiten

Es geht zwar auch darum, den alltäglichen Kleinkram aus dem Kopf zu bekommen. Doch das Niederschreiben der ersten Gedanken des Tages soll letztendlich dazu führen, dass sich Probleme lösen. Bei denjenigen, die beruflich schreiben, soll sich ein besserer Schreibfluss einstellen oder sich die Schreibblockade lösen. Ganz allgemein geht es darum, Lösungsansätze zu finden, und das gilt wiederum für alle. Oftmals werden Probleme wortwörtlich gewälzt, immer und immer wieder. Sätze, die dies zum Ausdruck bringen, beginnen oft mit: „Wenn ich nur ...., dann... .“ oder „Ich würde ja gern...., aber... .“ Hinter dem Wenn und Aber verbergen sich nicht selten Ausflüchte aus Angst vor Veränderung. Veränderung birgt schließlich die Gefahr zu scheitern. Das morgendliche Schreiben dient dazu, sich auf die Schliche zu kommen, wovor man sich fürchtet, was einen daran hindert, eine Idee umzusetzen. Dies setzt allerdings voraus, dass die Seiten konsequent täglich geschrieben werden, auch am Sonntag und im Urlaub.

Ob das, was Julia Cameron als probates Mittel anpreist, tatsächlich zu einem Gewinn an Kreativität, zum Lösen von Blockaden und einem plötzlich auftauchenden Lösungsansatz führt, muss jeder und jede selbst herausfinden. Wenn man durch eine Viertelstunde Schreiben zu einem unbeschwerteren Einstieg in den Tag findet, ist allein dies schon die Mühe wert.

Quelle: Julia Cameron: Der Weg des Künstlers - Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität, Knaur, München, 1996

Bildnachweis:

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