Die Nachkommen deutscher Flüchtlinge

Die Familiengeschichte lebt weiter - Erhard Ruhland/pixelio.de
Die Familiengeschichte lebt weiter - Erhard Ruhland/pixelio.de
„Was Dich nicht umbringt, macht Dich hart!" - Das Trauma von Krieg, Flucht, Vertreibung oder Umsiedlung lebt in den Kindern und Enkeln weiter

Die psychischen Folgen am Zweiten Weltkrieg tragen alle Deutschen, auch die lange nach dem Krieg geborenen, die als Kriegsenkel bezeichnet werden. Werden traumatische Erlebnisse nicht verarbeitet, werden sie an die nächste Generation weitergegeben. Dabei werden mehr als nur Verhaltensweisen oder Glaubenssätze vererbt: Gehirnstrukturen und das Erbgut ändern sich bei belastenden Ereignissen. Die Nachkommen tragen ihr Erbe in ihren Genen mit sich. Die unfassbaren Erlebnisse der deutschen Flüchtlinge, Vertriebenen und Umsiedler wirken in den folgenden Generationen fort. Sie sind Ursache für spezifisches Verhalten, Denken, für Probleme aber auch für Talente.

Die besondere Situation der deutschen Flüchtlinge

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs mussten etwa 14 Millionen Menschen ihre Heimat in den damals deutschen Ostgebieten verlassen und vor der Roten Armee fliehen. Geschätzte zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht gestorben. Die Überlebenden hatten Todesängste, Vergewaltigungen, Misshandlungen und andere Demütigungen erlebt und Bilder gesehen, die ihr Leben geprägt haben. Die Flüchtlinge wurden an ihren neuen Wohnorten in den meisten Fällen nur missgünstig geduldet und respektlos behandelt. Er gab irrationale Vorwürfe, sie hätten die Gebiete aufgegeben und seien dadurch mitschuldig am verlorenen Krieg, sie hätten ihr Elend selbst zu verantworten. Die meisten Flüchtlinge hatten zur einheimischen Bevölkerung wenig Kontakt und fast keinen Besitz.

Der Neubeginn – „Hast Du was, dann bist Du was!“

Nach dem Krieg war der Neubeginn angesagt. Berichte über Flucht und Vertreibung waren bis weit in die Achtziger Jahre nicht erwünscht. Politisch korrekt wurde von Kaliningrad und Wroclaw gesprochen, nicht von Königsberg und Breslau. Vertriebenengruppen wurden als revanchistisch abgewertet. Das private Sehnen nach der Heimat und den damit verbundenen Erinnerungen, das Heimweh nach dem früheren Leben in den Ostgebieten waren politisch inkorrekt. Der Verlust von Familienmitgliedern, Freunden und Besitz, ihr ganzes persönliches Leid wurde zu einem politischen Tabu. Selbst die eigenen Kinder zeigten oft kein Interesse an der Familiengeschichte. Dadurch verloren die Menschen ihre Heimat ein zweites Mal, und eine Aufarbeitung der unfassbaren Geschehnisse, der Trauer und des Schmerzes war unmöglich. Die Flüchtlinge mussten an ihren neuen Wohnorten meistens ganz von unten anfangen. Viele waren extrem ehrgeizig, wollten etwas erreichen, es zu Wohlstand bringen oder auch einfach nur anerkannt sein und dazugehören. Die ehemaligen Kriegsflüchtlinge waren überdurchschnittlich erfolgreich, viele haben Bilderbuchkarrieren hingelegt und sich in Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft einen Namen gemacht.

Die Generation der Flüchtlinge heute

Im Alter beschäftigen sich Menschen wieder mehr mit der Vergangenheit. Kindheitserlebnisse, Krieg, Flucht und Vertreibung werden dabei lebendiger. Was über Jahrzehnte an Gefühlen und Erlebnissen unterdrückt wurde, kommt nun vermehrt ins Bewusstsein, das Trauma wird reaktiviert. Die Betroffenen leiden gehäuft an Depressionen, Ängsten, Panikattacken und psychosomatischen Beschwerden. Einige brechen auch ihr langes Schweigen, es ist ihnen ein Bedürfnis, endlich alles öffentlich zu erzählen oder aufzuschreiben. Viele Veröffentlichungen sind in den letzten Jahren zu diesem Thema erschienen. Es bringt Entlastung für die Betroffenen und ermöglicht den nachfolgenden Generationen Verständnis für ihre Eltern und Großeltern zu entwickeln – und zu verstehen, welches Erbe sie selbst in sich tragen. Schwierig gestaltet sich die Biographiearbeit, wenn die Betroffenen in der Kriegs- und Fluchtzeit noch kleine Kinder oder Babys waren, da sie nur diffuse Gefühle von Angst, Ohnmacht oder Verlassenheit entwickelt haben, und die Gefühle nicht mit realen Ereignissen in Zusammenhang bringen können.

Die nachfolgenden Generationen

Den nachfolgenden Generationen ist die Dramatik der Familiengeschichte meistens nicht bewusst. Durch das Verdrängen des Themas in der Öffentlichkeit können die nach dem Krieg geborenen Kinder und Enkel nicht ermessen, was Krieg, Flucht und Heimatverlust bedeutet. Wenn Kriegs- oder Fluchtgeschichten im Familienkreis erzählt wurden, waren es meist Anekdoten oder Abenteuergeschichten. Mit der Geschichte der Familie wurde und wird oft genauso sachlich umgegangen wie mit Inhalten von Geschichtsbüchern.

Was unterdrückt wird, kommt an anderer Stelle an die Oberfläche: Die Nachkommen haben ganz spezifische Verhaltens- und Denkweisen, Talente und Schwierigkeiten – die je nach individueller Geschichte und Persönlichkeit eine andere Ausprägung haben. Oft führen sie die Lebensweise der Eltern weiter, einige dieser Verhaltens- oder Denkweisen ergeben in der heutigen Zeit aber keinen Sinn mehr. Viele der Nachkommen haben massive Probleme und teilweise jahrelange Psychotherapien hinter sich. Erst das Verständnis für die Geschichte der Eltern oder Großeltern ermöglicht ihnen ein Verstehen des eigenen Soseins.

Typisch für Nachkommen der Flüchtlinge sind:

  • ein Drang immer wieder neu anzufangen, häufiges Umziehen, immer neue Arbeitsstellen
  • das Gefühl niemals anzukommen, nicht wissen, wo man hingehört
  • eine sehr hohe Leistungsbereitschaft, sehr ehrgeizig, sich beweisen müssen
  • Minderwertigkeitsgefühle, nicht dazugehören, Außenseiter
  • nichts annehmen, alles selbst tun wollen, hohe Selbständigkeit
  • eine innere Leere und gleichzeitig eine gut funktionierende Fassade
  • nicht über Gefühle sprechen können, Gefühlsarmut, Härte
  • Misstrauen
  • Bindungsschwierigkeiten, Bindungsunfähigkeit
  • Gefühl es nicht gut haben zu dürfen
  • provisorische und kleine Wohnungen
  • Sicherheitsdenken, Klammern an Menschen und Besitz
  • Existenzangst
  • Albträume unbekannter Herkunft, die mit Krieg und Flucht eine Erklärung finden
  • schreckhaft
  • Neigung zur Vorratsbildung, „Hamstern“
  • Eltern sind emotional nicht zu erreichen, Gefühl von Fremdheit, sich nicht wirklich zu kennen
  • wenig körperliche Nähe zu den Eltern
  • starke Verantwortung für die Eltern, das Gefühl etwas gut machen zu müssen

Literatur:

Demmer, Ulrike: Wie Kriegskinder ihr Trauma vererben. 2009 Spiegel Online

Lorenz, Hilke: Heimat aus dem Koffer. Vom Leben nach Flucht und Vertreibung. 2009.

Ustorf, Anne-Ev: Wir Kinder der Kriegskinder. 2008.

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