
- Eine stolze Spanierin - die Staatsflagge - Teneriffa Information
In den ersten Jahrhunderten nach Entdeckung der Neuen Welt beherrschten spanische Schiffe sämtliche damals bekannten Weltmeere, während sich andere Nationen wie Frankreich, England oder Holland ihren Platz auf See wortwörtlich erst „erstreiten“ mussten. Die Geschichten von großen Schatzflotten und Freibeutern bis hin zum Untergang der Armada 1588 (die weniger an den Briten als am Sturm in der Nordsee scheiterte) sind Legion. Oft sind sie farbenfroh illustriert mit Bildern von Dutzenden stolzer Galeonen oder Karavellen im Pulverqualm, von denen weit sichtbar die Flagge Spaniens flattert: Rot-Gelb-Rot, leuchtend wie Flammenzungen.
Doch dieses populäre Bild ist ein Klischee, ein historisch völlig falsches dazu. Zwar waren die Galeonen als Schlachtschiffe ihrer Zeit weltweit gefürchtet, aber als die spanische Flotte erstmals Rot-Gelb-Rot hisste, gab es schon längst keine Galeonen mehr. An deren Masten hatten noch ganz andere Banner geflattert, aber niemals Rot-Gelb-Rot.
Wappenflaggen im Zeichen der Reconquista
Als sich Kolumbus aufmachte, um eine Abkürzung nach Indien zu finden, war die Reconquista auf der iberischen Halbinsel noch im vollen Gange. Die muslimischen Mauren hatten Jahrhunderte zuvor ganz Spanien und sogar einen Teil Frankreichs erobert. Nun mühten sich die christlichen Königreiche darum, das verlorene Terrain und die verlorenen Seelen gleichermaßen heimzuholen. Um 1100 hatte Alfonso VI die Reiche „Kastilien“ (um Madrid) und „Léon“ (im Nordwesten des Landes) zu einem Königreich vereint. Die Flagge dieser Fusion setzte sich aus den Wappen der Reichsteile zusammen: Links oben und rechts unten Kastilien (in rotem Feld ein goldenes Kastell), rechts oben und links unten Léon (in weißem Feld ein purpurner Löwe) zusammen. Übrigens wurde das offiziell „Castilla y Leon“ genannte Konstrukt bereits als „Espana“, Spanien, bezeichnet – denn der König erhob ja Anspruch auf die gesamte Insel und nicht bloß auf den Nordwesten.
Eine Rotgelbe Flagge gab es freilich bereits auf spanischem Boden: Das Königreich Aragon im Nordosten mit der Hauptstadt Saragossa führte ein gelbes Tuch mit fünf roten Balken, entlehnt von der Grafschaft Katalonien (Barcelona und Umgebung). Auch Aragon tastete sich von Sieg zu Sieg nach Süden vor, lag aber oft genug mit seinem christlichen Nachbarn Kastilien im Streit. Erst als 1469 die Erben beider Reiche, König Fernando II von Aragon und Isabella I von Kastilien, ein Hochzeitspaar wurden, hatte das Hickhack untereinander ein Ende; die beiden „allerkatholischsten Majestäten“ machten sich daran, die letzten Mauren aus Sevilla und Granada zu verjagen. In diese Epoche fielen die ersten Entdeckungsreisen, die Rot-Weiße Wappenflagge (Aragon fand vorerst keine Berücksichtigung) ging über den Ozeanen auf.
Spaniens Weltherrschaft: Andreaskreuz und Königswappen
Erst 1520, nach Entdeckung und eingeleiteten Eroberung der „Neuen Welt“, erhielt das christliche Spanien eine neue, gemeinsame Flagge: König Carlos I (den wir in Deutschland als Kaiser Karl V kennen, dem ein gewisser Martin Luther Sorgen bereitete) erhob das rote, mit Zinnen oder Haken versehene Andreaskreuz im weißen Feld. Dies war das Abzeichen der Burgunder-Dynasie, welcher Karl selbst angehörte.
Sechzig Jahre darauf, 1580, verschwand das Andreaskreuz aus der Flagge und das Königswappen auf weißem Tuch trat an seinen Platz (Das war zu jener Zeit Mode – fast alle Nationen führten auf See weiße Flaggen mit dem Abzeichen ihres Königshauses. Dass es dabei im „Eifer des Gefechts“ schon mal zu tragischen Verwechselungen kam, wird niemanden wundern). Unter dieser Flagge segelte die „Armada“ ihrem ruhmlosen England-Abenteuer entgegen. Die bekannten rotweißen Tatzenkreuze auf den Segeln mancher spanischer Schiffe gehörten übrigens zur Flotte von Portugal, das von 1580 bis 1640 ein Teil von Spanien war.
Rot-Gelb-Rot: Feuertaufe in den Koalitionskriegen
Am 28.Mai 1785 schließlich präsentierte König Carlos III eine Flagge, die unverwechselbar sein sollte: Eine leuchtend gelbes Tuch (für Aragon und Valencia) mit zwei breiten roten Streifen oben und unten. Dieses Tuch war selbst durch Regen, Dunst und Pulverqualm weithin erkennbar und mit seiner Farbwahl einzigartig.
Das musste sie allerdings auch, es standen nämlich wieder einmal ausgesucht verworrene Zeiten vor der Tür. Spanien lag wieder einmal im Seekrieg mit England, während in Europa die Französische Revolution einen Koalitionskrieg nach dem anderen abwehrte. Als Napoleon Bonaparte sich zum Kaiser von Frankreich krönte, wurde Spanien sein engster Verbündeter gegen England – die Flotte segelte bei Kap Trafalgar ins Verderben. Die verbliebenen Einheiten in Übersee wechselten, als der Kaiser 1809 seinerseits die spanische Regierung entmachten wollte, die Fronten und fochten nun mit den Engländern gegen die Franzosen. In diesem Wirrwarr konnte ein Kapitän heilfroh sein, dass er wenigstens die eigenen Landsleute sofort erkennen konnte...
Die Rot-Gelb-Rote Nationalflagge überdauerte (mit oder ohne Staats- oder Königswappen) bis heute. Nur zweimal, 1873/74 und 1931-39, wurde der untere rote Streifen gegen Purpur getauscht. In jenen Jahren war Spanien nämlich offiziell „Republik“, und das Purpur sollte an die Toga der Senatoren im alten Rom erinnern.
Literatur:
David Chandler: „Napoleon“, München 1973;
Jochen Brennecke: "Geschichte der Schiffahrt", Stuttgart 1981;
Karl-Heinz Hesmer: „Flaggen und Wappen der Welt“, Gütersloh 1992;
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