
- Robinson Jeffers im Alter - Portrait von Sadie Adriani
Jeffers (1887–1962) übte Kritik an der totalisierenden Perspektive des Menschen im Sinne des „Macht euch die Erde untertan“ der Genesis, der er sein Konzept des „Inhumanismus“ entgegensetzte: den Menschen nicht als Maß, sondern als Teil der Dinge zu sehen. Er forderte die Menschheit auf, angesichts weltweiter Naturzerstörung und fortlaufender Kriege, „endlich erwachsen zu werden und sich nicht länger wie ein hysterisches Kleinkind oder wie ein Geisteskranker aufzuführen“.
Damit hatte sich Jeffers im patriotischen Amerika der 1940er Jahre ins Aus katapultiert, seine Gedichte wurden fortan in keine Anthologie mehr aufgenommen. Dabei war er in den 1920er Jahren noch als der größte amerikanische Dichter gefeiert worden.
Gegen einen Humanismus der menschlichen Anmaßung
Robinson Jeffers war der Sohn eines presbyterianischen Theologen, erhielt Unterricht in Griechisch, Hebräisch und Latein und besuchte Privatschulen in Deutschland und der Schweiz. Seine Begeisterung für die alte europäische Kultur schlug durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs um in eine skeptische Sicht auf den menschlichen Fortschrittsgedanken. Er begann Medizin und Forstwirtschaft zu studieren und baute sich 1919 an der kalifornischen Pazifikküste, südlich von Carmel, mit eigenhändig aus dem Wasser gezogenen Granitfelsen ein Wohnhaus: „Es ist besser auf Granit gebettet zu sein / als auf Illusionen.“
Dort lebte er mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen, weitab von der Zivilisation, vormittags an den Gedichten, den Rest des Tages an einem ebenfalls aus Granit errichteten vierstöckigen Turm, dem Hawk Tower,arbeitend.
In einem Brief schreibt Jeffers 1927:
„Es gibt keinerlei geistige Gesundheit für denjenigen, dessen Gedanken sich ausschließlich mit dem eigenen Bewusstsein und mit den eigenen Denkprozessen beschäftigen; ebenso wenig gibt es eine geistige Gesundheit für eine Gesellschaft, die unentwegt nach innen, auf ihre eigenen Angehörigen, fixiert ist. (…) Alle Hochkulturen der Vergangenheit sind an ihrer Introversion gestorben. Die unsere wird ebenfalls daran zugrunde gehen: aber der Einzelne kann sich in seinem Denken aus diesem Netz befreien.“
Denn im Rahmen der „größeren Wirklichkeit“ der universellen Dinge gesehen, ist für Jeffers das menschliche Bewusstsein, das sich die Blendwerke von Macht, Qual und Untergang geschaffen hat, nur „das Träumen, zuweilen der Albtraum der Natur“.
Die religiöse Dimension im Werk Jeffers’
In der Lyrik von Robinson Jeffers wird oft eine religiöse Dimension sichtbar, die er selbst mit Vorbehalt als eine Art Pantheismus bezeichnet:
Es ist das Gefühl – ich wage zu sagen, die Gewissheit –, dass das Universum ein Lebewesen ist, ein einziger Organismus, ein großes Leben, das alles Leben und alle Dinge in sich einschließt und das so schön ist, dass man es lieben und verehren muss. Und in Augenblicken mystischer Vision identifizieren wir uns mit ihm. Dies ist in gewisser Weise genau das Gegenteil des orientalischen Pantheismus. Der mystische Hindu findet Gott in seiner Seele, für ihn ist die Außenwelt eine Illusion. Für das andere Empfinden wiederum ist die Außenwelt wirklich und göttlich, die eigene Seele aber könnte eine Illusion genannt werden, so vergänglich und hinfällig sie ist.“ (1956)
Jeffers geht noch einen Schritt weiter, indem er diesen Überfluss der Natur als das eigentlich Göttliche identifiziert:
Gottes Exzesse
Ist es nicht sein hoher Überfluss, woran wir
Unseren Gott erkennen? Denn das Notwendige tun
Liegt rein in der Natur, ist animalisch, mineralisch: aber
Regenbögen über den Regen zu schlagen
Und Schönheit über den Mond, und heimliche Regenbögen
In die Perlmuttkuppeln der Tiefseemuscheln,
Und das notwendige Umarmen zur Zeugung
Zu Feuerschönheit anfachen,
Dass selbst Unkraut sich nicht ohne Blüten vermehrt
Noch die Vögel ohne Musik:
Es liegt die große Menschlichkeit im Herz der Dinge
Die Güte ohne Maßen; die Quelle
Die zum Menschen spricht und ebenso überfließen würde
Ließen Macht und Sehnsucht sich vermählen.
Den Vorrang dieser außermenschlichen Wirklichkeit vor der technischen menschlichen Welt zum Ausdruck zu bringen, ist in den Augen von Jeffers mehr noch als in der Prosa vor allem in der Poesie möglich, da sie imstande ist, die Totalität der Dinge zu erfassen. Sie kann gleichermaßen zu einem Medium der Entdeckung und des Ausdrucks werden.
Jeffers hatte sich zwischen alle Stühle gesetzt
Die Konservativen verübelten ihm die Kritik an der christlichen Religion, der patriarchalischen Gesellschaftsstruktur und dem patriotischen Sendungsbewusstsein Amerikas, dem er dasselbe Ende vorhersagte wie allen bisherigen Hegemonialmächten. Die Linken verziehen ihm nicht seinen abgründigen Pessimismus bezüglich einer Verbesserung der gesellschaftlichen Situation sowie seinen Rekurs auf mythische und instinkthafte Strukturen im Menschen: „Ich glaube nicht, dass die industrielle Zivilisation die Verformung der menschlichen Natur, die Niedertracht und den Kontaktverlust mit der Erde, den sie mit sich bringt, aufwiegt. Ich glaube, dass auch der marxistische industrialisierte Kommunismus – falls er je realisiert wird – nur ein weiterer Schritt in die falsche Richtung wäre. Er würde nicht so viel Niedertracht nach sich ziehen, aber die gleiche Verformung.“
Obwohl es in den fünfziger Jahren eine starke Rezeption amerikanischer Literatur in der damaligen Bundesrepublik gab, wurde bei Jeffers eine Ausnahme gemacht. Grund hierfür war der Einspruch von Gottfried Benn, der auf Anfrage seines Verlegers mitteilte: „Ich habe diese Jeffers-Sache angesehen. Mein erster Eindruck ist kein positiver. Zu moralisierend, zu politisch-pazifistisch, zu pastoral.“ (Nachzulesen in: „Gottfried Benn, Briefe an einen Verleger“, Hg. von H.M. Schlüter, Wiesbaden 1965, S.68)
Es bleibt zu hoffen, dass die 2008 erschiene Ausgabe einiger Gedichte von Jeffers (mit einigen Kapriolen in der Übersetzung, aber einem ausgezeichneten Essay von Eva Hesse) eine blühende Renaissance dieses Dichters beschert, der uns mittels der Literatur einen geweiteten Blick auf unsere Wirklichkeit bietet, wobei Kritik mit enthusiastischer Bejahung gepaart ist.
Robinson Jeffers: „Die Zeit, die da kommt“. Gedichte.
Übersetzt und mit einem Nachwort von Eva Hesse, München: Carl Hanser Verlag 2008.
256 S., 19.90 €
