Die "neue Kulturgeschichte"

Zwischen Innovation und mangelnder Selbstkritik

Cover  - hsozkult.de
Cover - hsozkult.de
Rezension zu: Silvia Serena Tschopp/ Wolfgang E. J. Weber, Grundfragen der Kulturgeschichte, Darmstadt 2007.

Die Kulturgeschichte gilt zurzeit als innovativste Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Der Boom der „neuen Kulturgeschichte“ seit den 1980er Jahren hat eine kaum noch überschaubare Vielfalt an Methoden und Themen für die Forschung erschlossen. Wolfgang Weber und Silvia S. Tschopp ist es gelungen, die amorphe Gestalt der Disziplin in einer Einführung in die Kulturgeschichte zu bündeln.

Wie „neu“ ist die Kulturgeschichte?

Nach einem knappen allgemeinen Überblick von Wolfgang Weber befasst sich Silvia S. Tschopp mit den Forschungskontorversen innerhalb der Kulturgeschichte. In den Abschnitten über Kulturbegriff, Methoden und Quellen wird vor allem die Vielfalt der Disziplin deutlich, deren kleinster gemeinsamer Nenner allein in der Betonung autonomer Sinnstiftung gegenüber struktureller Determiniertheit menschlicher Existenz gesehen werden kann. Leider konzentriert sich die Autorin zu stark auf den wissenschaftlichen Diskurs der letzten 30 Jahre. Tschopp befasst sich zwar auch mit älteren Traditionen der Kulturgeschichte seit der Aufklärung, doch endet ihre Darstellung mit dem Lamprechtstreit und setzt erst wieder mit dem Aufkommen der „neuen Kulturgeschichte“ in den 1980er Jahren ein. Diese enorme zeitliche Lücke macht es, erstens, unmöglich, nach Kontinuitäten zwischen alter und neuer Kulturgeschichte zu fragen. Zweitens fallen die völkischen „Blüten“ der Disziplin unter den Tisch, die zwischen Erstem Weltkrieg und NS- Zeit üppig wucherten und es der Kulturgeschichte später schwer machten, in der Bundesrepublik wieder Fuß zu fassen. Außerdem muss sich Tschopp vorwerfen lassen, dass sie theoretisch- methodischen Fragen ungleich größeres Gewicht einräumt als der Vorstellung konkreter kulturhistorischer Forschungsergebnisse. So ist die Auseinandersetzung mit den provokanten Thesen Hayden Whites zum poetischen Charakter der Geschichtsschreibung zwar sehr aufschlussreich, wirkt aber in einem Kapitel über die „Quellen der Kulturgeschichte“ deplaziert. Die Abschnitte über die diversen „turns“ der Kulturgeschichte sind übertheoretisiert und eröffnen kaum Einblicke in die historiographische Praxis.

Die „neue Kulturgeschichte“ auf dem Weg zur Leitdisziplin?

Obwohl sie vereinzelt auch auf Defizite verweisen, sehen Weber und Tschopp die „neue Kulturgeschichte“ auf dem Weg zu einer Leitdisziplin der Geschichtswissenschaft. (S. 82) Es fällt schwer, diesen Optimismus zu teilen. Manche Verdienste sind in der Tat unbestreitbar: Erstens die Betonung der Geschichtsmächtigkeit des Irrationalen, die es beispielsweise erlaubt, Mythen und Gefühle zu historisieren. Zweitens die Erkenntnis, dass Großgruppen wie Rasse, Klasse, Nation und Geschlecht über Diskurse und soziale Praktiken aktiv konstruiert werden und daher als sozialstatistische Größen oder gar anthropologische Konstanten unzureichend beschrieben sind. Drittens hat die „neue Kulturgeschichte“ der Geschichte neue Nachbarwissenschaften wie Ethnologie, Anthropologie, Sprach- und Literaturwissenschaft beschert, von deren hermeneutischen Kompetenzen Historiker profitieren können.

Andere vermeintliche Verdienste sind da schon fragwürdiger: Die Rede von der Überwindung des Eurozentrismus mutet seltsam an, wenn man bedenkt, dass so etwas wie eine europäische Geschichtsschreibung noch in den Anfängen steckt. Auch die geräuschvolle Zurückweisung der Modernisierungstheorie kann kaum als Errungenschaft gelten. Sie ist bestenfalls auf den Kopf gestellt worden, in Form kulturpessimistischer Aufklärungs- und Modernisierungskritik, ganz so wie es schon die alte Kulturgeschichte zur Zeit des Fin de Siècle getan hat. Hierzu gesellen sich vier grundsätzliche Kritikpunkte:

Kritikfähigkeit oder postmoderner Dogmatismus?

Allzu voreilig hält die „neue Kulturgeschichte“ ihren Gegnern ökonomistischen oder biologistischen Determinismus und Reduktionismus vor, während sie gegenüber ihren eigenen Prämissen jegliche kritische Distanz vermissen lässt. Insbesondere der radikale Konstruktivismus, der an Foucault geschulte Kulturpessimismus und die naive Idealisierung vormoderner und nichtwestlicher Lebenswelten werden wie unantastbare Heiligtümer gehütet. Das postmoderne Lebensgefühl der ersten Generation neuer Kulturhistoriker ist bereits selbst wieder historisierungsbedürftig.

Akteurszentrierung oder Eigengesetzlichkeit von Diskursen und Praktiken?

Die „neue Kulturgeschichte“ war in den 1980er Jahren angetreten, gegenüber der anonymen Strukturgeschichte konkrete Menschen wieder in den Fokus historischer Forschung zu bringen. Tschopps Einschätzung, dass sie diesem Anspruch gerecht geworden sei, kann man nicht unwidersprochen stehen lassen. Bezeichnenderweise haben sich Alltags- und Mentalitätsgeschichte innerhalb der Kulturgeschichte nicht durchgesetzt und sind mittlerweile in die Sozialgeschichte zurückgewandert. Stattdessen wurde die Eigengesetzlichkeit kultureller Zuschreibungsmechanismen in Text, Bild, Körper und Raum verabsolutiert, ohne sie an sozialgeschichtliche „hard facts“ und Intentionen historischer Akteure zurück zu binden. Indem sie alles in Diskursen und symbolischen Praktiken auflöst, löst die „neue Kulturgeschichte“ auch den Menschen als handelndes Subjekt der Geschichte auf.

Kontroversität oder relativierender Pluralismus?

Die „neue Kulturgeschichte“ rühmt sich ihres methodischen und thematischen Pluralismus. Doch durch die Ablehnung strukturfunktionalistischer Erklärungsansätze und die Ersetzung der Frage nach dem warum durch die Frage nach dem wie hat sie die Kontroversität der Geschichtswissenschaft eher stillgelegt als befördert.

Synthese oder Nischendasein?

Die Fähigkeit zur Synthese, die Leitbegriffe wie Politik und Gesellschaft in Ansätzen zu einer „histoire totale“ bereits unter Beweis stellen konnten, fehlt der „neuen Kulturgeschichte“. Erstens liegt dies an der nicht überwundenen Ubiquität des Kulturbegriffs. Zweitens hat sich die „neue Kulturgeschichte“ um Themen und Teildisziplinen herausgebildet, die (teils zu Recht, teils zu Unrecht) nach wie vor als exotisch gelten. Drittens fehlt der „neuen Kulturgeschichte“ durch ihre Selbstverpflichtung auf Konstruktivismus und Dekonstruktivismus schlicht das methodische Handwerkszeug, historische „Meistererzählungen“ hervorzubringen.

Fazit

Neben diesen innerfachlichen Defiziten verfügt die „neue Kulturgeschichte“ zudem nicht über die thematische und methodische Stringenz, um die Funktionen einer Leitdisziplin so konsequent ausfüllen zu können, wie es für lange Zeit die Politikgeschichte und für kürzere Zeit die Sozialgeschichte getan haben. Es ist auch gar nicht wünschenswert, den durch die „neue Kulturgeschichte“ selbst erkämpften Forschungs- und Methodenpluralismus durch Dogmatisierungen und Kanonisierungen wieder rückgängig zu machen.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

rss